Beim Betreten der riesigen Baustelle des Seniorenzentrums, die eine archäologisch hoch interessante Fund- und Ausgrabungsstelle aus dem Neolithikum beinhaltet, ist kein Mensch zu sehen. Von irgendwoher ruft eine weibliche Stimme: «Ich komme gleich!»
Eine junge Frau kommt auf die Besucherin zu, stülpt ihr einen Schutzhelm über den Kopf und sagt, nun könne die Reise in die Vergangenheit beginnen. Es ist die Archäologin Corinne Juon. Sie erzählt: «Geschichte hat mich interessiert, seit ich denken kann. Schon immer wollte ich mit meinen Augen sehen und meinen Händen greifen, wie die Menschen vor Jahrtausenden gelebt hatten».
Was lag da näher, als klassische Archäologie zu studieren, die sich mit materiellen Hinterlassenschaften der griechischen und römischen Antike im Mittelmeerraum befasst.
Arbeit für Kopf und Körper
Corinne Juon wuchs im Oberwallis auf und zog nach der Matura nach Basel, wo sie rund sieben Jahre an der Uni studierte. Darauf engagierte sie sich über die Universität eineinhalb Jahre in einem Forschungsprojekt in Kalabrien. Dort arbeitete sie als Grabungsassistentin in verschiedenen Equipen.
Die Arbeit sei anspruchsvoll, sie fordere vollen Körpereinsatz und man müsse mit den klimatischen Launen umgehen können. «Aber», sagt sie mit leuchtenden Augen, «wir arbeiten draussen, wir bleiben als Equipe wochenlang zusammen und freuen uns gemeinsam an den Erfolgen.»
Ob es sie nicht gereizt hätte, beispielsweise einen Blick auf die altägyptische Kulturgeschichte zu werfen, fragt die Journalistin. Ob diese Forschung nicht interessanter wäre? Corinne Juon schaut ihr Gegenüber verständnislos an, als wollte sie sagen: «Hier haben wir wieder so eine typische Frage einer Journalistin.» Sie erklärt, klassische Archäologie und Ägyptologie seien zwei verschiedene Studiengänge, da könne nicht einfach ein Schalter umgedreht werden.
Zurück in die Heimat
Als sie 2017 den Posten als Archäologin für das Oberwallis ausgeschrieben sah, meldete sie sich. «Zu meiner grossen Freude erhielt ich die Stelle und konnte ins Wallis zurückkehren», erzählt sie. Im Gegensatz zur Mehrheit der anderen Kantone führt das Wallis selber keine archäologischen Ausgrabungen durch, sondern überträgt diese Aufgabe an spezialisierte Grabungsfirmen, in Naters an «In Situ Archéologie SA».
Das bedeutet, dass die Verantwortung für die administrativen Abläufe und die wissenschaftliche Qualität der Grabung und Auswertung in der Verantwortung des Kantonalen Amtes für Archäologie in Sitten liegt. Bei Bauten in archäologischen Schutzbereichen verfolgt das Amt die Dossiers und nimmt die Abklärungen im Terrain vor. Vor Beginn der Bauarbeiten sind Massnahmen gefordert, um archäologische Strukturen nicht zu zerstören. Das heisst für die zuständige Archäologin, eng mit Bauherren, Architekten, Baufirmen und Nachbarn zusammenzuarbeiten.
Die Ausgrabung in Naters kann noch bis im Juli 2022 jeden Mittwoch zwischen 15 und 17 Uhr unter Führung und ohne Voranmeldung besucht werden. Die Adresse lautet Landstrasse 11–13, 3904 Naters www.vs.ch
Seit März 2021 ist Corinne Juon neben weiteren Fundstellen im Oberwallis zuständig für grosse Ausgrabungsstätte beim Seniorenzentrum Naters. Auf dem rund 3500 Quadratmeter grossen Feld finden sich mehrere Siedlungsphasen aus dem Neolithikum (5000 bis 3350 v. Chr.). Die Fundstelle sei ein Beispiel für diese frühgeschichtliche Periode, als Menschen erstmals sesshaft wurden, da auch Spuren des Mesolithikums entdeckt werden konnten. Denn damals waren die Menschen noch Jäger, Sammler und Fischer.
Bedeutende Funde
Die Siedlungsreste wurden 2004 beim Neubau eines Gebäudes entdeckt. Dank der Vergrösserung des Seniorenzentrums konnten im Frühling 2020 100 Quadratmeter freigelegt und ausgegraben werden, und bis im Sommer 2022 werden es die gesamten 3500 Quadratmeter sein.
Das Ausgrabungsteam machte bedeutende Funde. Darunter sind dekorierte Keramik, Objekte aus Silex (Feuerstein) sowie Werkzeuge aus Bergkristall (Klingen, Bohrer). Zudem wurden Hausreste, Vorrats- und Abfallgruben, Feuerstellen und Spuren eines Lagerplatzes entdeckt. An der Arbeit beteiligten und beteiligen sich rund 20 Spezialistinnen und Spezialisten, die in mühsamer Kleinarbeit, auf dem Boden kniend, Schicht um Schicht das Erdreich abtragen. «Jede Schicht ist von Bedeutung», hält Corinne Juon fest. «Im Labor kann zurückverfolgt werden, ob eine Struktur älter ist als eine andere.»
Es geht gegen halb zehn Uhr vormittags. Die jungen Frauen und Männer erheben sich, entledigen sich der Helme und begeben sich fürs «Znüni» zu den acht Containern, die neben der Baustelle des Seniorenzentrums aufgestellt sind. In den Containern befinden sich Büros, Labors, Garderoben, Ruheecken. An diesem prächtigen Tag sitzen alle draussen an den Tischen, trinken, essen, schwatzen, lachen. Für Aussenstehende ist der Zusammenhalt der Gruppe spürbar. Bei ihrer Spurensuche in der Vergangenheit geniessen sie die Frühlingssonne in der Gegenwart.
Die neolithische Revolution
Der Wandel von Jägern und Sammlern hin zu Bauern und Viehzüchtern gilt als einer der bedeutendsten Umbrüche der Menschheitsgeschichte. Die Menschen wurden sesshaft, begannen gezielt Getreide und Feldfrüchte anzubauen sowie Tiere zu züchten. So konnten sie Vorräte anlegen und sich unbeweglichen Besitz aneignen. Dieser Wandel wird «neo-lithische Revolution» genannt. Er begann in der Jungsteinzeit vor rund 10000 Jahren im «Fruchtbaren Halbmond», einer Region, die heute zwischen Südostanatolien, Irak, Syrien und dem Iran liegt. In der Schweiz fand man die ältesten Nachweise der bäuerlichen Lebensweise in Bellinzona und Sitten aus der Zeit um 5000 v. Chr.

