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Aufbruchstimmung bei der Betriebsübergabe

Unsere Gastautorin Anna Luchsinger berichtet über den Prozess der bevorstehenden Betriebsübergabe an ihren handicapierten Sohn.

Unser Sohn, 1992 mit einer tetraspastischen Cerebralparese geboren, hat im Jahr 2012 als Landwirt EFZ am Plantahof abgeschlossen und ist mit Leib und Seele Bauer. Er arbeitet auf unserem Hof und wird ihn demnächst pachten.

Unser Hof umfasst ca. 21 ha. Es ist ein Mutterkuh- und Ziegenbetrieb, liegt im Berggebiet und ist kräftemässig schwer zu bewirtschaften. Ohne Hilfe ist die Arbeit auch als Ehepaar kaum zu stemmen und für unseren Sohn ist es nicht möglich, den Betrieb alleine zu führen. Klar, sind wir auch noch da. Mein Mann und ich sind aber beide im Pensionsalter und möchten irgendwann mal aussteigen können.

Not macht erfinderisch

In den letzten zwei Jahren haben wir uns intensiv mit der Hofübergabe auseinandergesetzt. Noch können wir uns nicht ganz vorstellen, wie es einst sein soll. Wir haben viele Tiefs zu überstehen, möchten wir doch unserem Sohn ermöglichen, dass er seinen Platz hier auf dem Hof behalten kann.

Obwohl 130 Kandidat(innen), welche gerne einen Hof übernehmen möchten, nur 16 Höfe, die übergeben werden sollten, gegenüberstehen, scheint es schwierig zu sein, jemanden zu finden. Not macht ja bekanntlich erfinderisch und plötzlich begannen unsere Köpfe zu rauchen. Muss denn der Hof überhaupt so weitergeführt werden wie bisher? Oder hat es Platz für neue Ideen?

Ein soziales Netz schaffen

Unser Sohn ist die beste und zuverlässigste Arbeitskraft, die man sich wünschen kann. Aber durch sein Handicap braucht es Leute, die ihn wohlwollend unterstützen. So entwickelten wir die Idee, neue Arbeitsplätze sowie ein soziales Netz zu schaffen. Das Angebot soll für jeden etwas haben, der Hof soll eine Begegnungsstätte für anders denkende und vor allem positiv denkende Menschen werden.

Und so haben wir viele Ideen: Hofladen mit Kaffee-Ecke, soziale Plätze für Handicapierte oder Leute, die ein Timeout möchten, Unterkunft mit Bed & Breakfast, Wohnung vermieten – ja sogar solidarische Landwirtschaft steht im Raum. Oder eine Zusammenarbeit mit einer Naturpädagogin, einem Anbieter von Ziegen-Trekkings, Schule oder ein Kinderhort auf dem Bauernhof und vieles mehr.

Dies alles würde sich gut mit der strengen Bergbauernarbeit kombinieren lassen, denn für die Kühe und Ziegen wird immer unser Sohn zuständig sein. Und plötzlich sind wir in Aufbruchstimmung, werden im Frühling bauliche Veränderungen vornehmen und hoffen, dass dies der richtige Weg ist.

Ein spannender Prozess steht bevor

Vielleicht entsteht ja wieder so eine tolle Geschichte wie mit den Flüchtlingen, welche 2015/2016 in Scharengekommen sind. Sie durften nicht arbeiten, hatten keine Möglichkeit, Deutschkurse zu besuchen. So waren sie viel bei uns zu Hause, halfen unentgeltlich beim Heuen oder Wiesen säubern. Dadurch hatten sie soziale Kontakte und konnten raus aus dem Asylheim. Ein Flüchtling wohnte sogar während der EBA-Lehre zwei Jahre bei uns und konnte diese erfolgreich abschliessen. Noch heute sind sie uns sehr dankbar und besuchen uns immer wieder. Lustige, aber auch traurige Geschichten sind so entstanden und haben unser Leben enorm bereichert.

Es ist extrem spannend, wie sich plötzlich Tor und Türen öffnen, wie wir schon in der Projektphase mit Leuten ins Gespräch kommen, die unsere Ideen gut finden und uns bestärken. Das Handicap unseres Sohnes bringt uns immer weiter und wer weiss, vielleicht verhilft es uns zu neuem Glück.

Zur Autorin

Anna Luchsinger ist Bäuerin und Pflegefachfrau. Sie führt mit ihrem Mann und ihrem Sohn einen Biobetrieb in Schwanden GL. Sie schreibt für die Rubrik «Arena» im Regionalteil Ostschweiz/Zürich der BauernZeitung.

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