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Anita Thommen fährt lieber Traktor als «Hüübel» zu rechen

Die Bäuerin bäckt regelmässig für den Sissacher «Buure-Määrt». Ausgleich findet sie beim Mannschaftssport Indiaca.

«Nani, du darfst nicht mit diesem Traktor fahren. Der gehört dem Dädi. Du musst deinen Traktor nehmen!» So tönt es, wenn Anita Thommen sich auf einen der beiden Hoftraktoren setzt und Enkel Lias feststellt, dass sie hinter dem Steuer des «falschen» Gefährts sitzt. Mit dem Traktor führt die Bäuerin Silo, Stroh und Heuballen nach Hause, diese Aufgaben auf dem Hof hat sie gern übernommen.

Die Grosskinder Lias (4) , Jaron (2) und Nina (2) wohnen in der Nähe des Hofs. «Sie sind oft bei uns», freut sich Anita Thommen. Sie und ihr Mann Marcel haben zwei Töchter und einen Sohn: Die 32-jährige Corinne, gelernte Gärtnerin/Floristin, die 30-jährige Nadine, Gärtnerin und tiermedizinische Praxisassistentin, sowie Sohn Kilian, 28 und Schreiner.

Hofnachfolge noch offen

Kilian Thommen lebt daheim. Er habe nie gesagt, dass er nicht Bauer werden wolle, sagt seine Mutter. Und manchmal würden sie innerhalb der Familie über die Hofnachfolge reden. «Doch wir haben unseren Kindern stets gesagt, sie sollten den Beruf ergreifen, der ihnen Freude bereite. Von unserer Seite gibt es keinen Druck.» Sie und ihr Mann wollen und können noch eine Weile als Betriebsleiter wirken, das Thema Hofübergabe sei nicht dringend. Aber selbstverständlich hätten sie Freude, wenn der gut aufgestellte Betrieb in der Familie bleiben würde.

Der Hof von Familie Thommen-Plüss liegt an der Hauptstrasse in Zeglingen und trägt keinen Namen.
Der Hof von Familie Thommen-Plüss liegt an der Hauptstrasse in Zeglingen und trägt keinen Namen.

Anita Thommen selbst wuchs als Mittlere mit vier Geschwistern auf. Ein bestimmter Ort kann nicht genannt werden, weil ihre Eltern «immer in Bewegung» waren, wie sie es ausdrückt. Ihre Mutter war Emmentalerin und ihr Vater kam aus dem Bezirk Zofingen AG. Sie lächelt: «Mich wundert heute noch, wie sich die beiden Ende der 1950er-Jahre kennengelernt haben.»

Oft umgezogen

Das Paar gründete seinen ersten Haushalt Anfang der 1960er-Jahre in Oberthal BE nahe Zäziwil. 1968 gaben sie jene Pacht auf und übernahmen eine andere in Duggingen BL. 1973 kam der nächste Umzug: Die Familie zog ins Oberbaselbiet und übernahm die Pacht des Hofs Dürrenberg in Langenbruck. «Eine Woche lang habe ich geweint», erinnert sich Anita Thommen, «weil ich mit meinem Berner Dialekt meine Schulkamerädli, die Oberbaselbieter Dialekt sprachen, nicht verstand.»

Ein Jahr auf dem Elternhof

Nach der Schule blieb die junge Frau, wie es damals üblich war, ein Jahr bei den Eltern und arbeitete auf dem Hof. Danach absolvierte sie das Haushaltungslehrjahr. Anschliessend nahm sie Stellen an als Haushaltshilfe, Küchenhilfe und Serviertochter (wie es damals noch hiess) bei verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben in Ueberstorf FR, Schüpfen BE, Hinterweissenstein SO, Muhen AG. Zwischendurch habe sie daheim ausgeholfen. Überall blieb sie mindestens ein Jahr und zog dann weiter. Ihr scheine, sie sei immer weitergezogen, wie sie das daheim erlebt hatte.

Zwei Traktoren gehören zum Betrieb der Familie. Anita Thommen fährt lieber mit dem etwas kleineren.
Zwei Traktoren gehören zum Betrieb der Familie. Anita Thommen fährt lieber mit dem etwas kleineren.

Am Ebenrain hat es gefunkt

1987 endete das Umherziehen. Anita Thommen besuchte die Bäuerinnenausbildung am Ebenrain. Dort liess sich auch Marcel Thommen zum Bauern ausbilden. Die beiden fanden sich – wieder einmal funktionierte das «Eheanbahnungsinstitut Ebenrain».

Nach dem erfolgreichen Abschluss arbeitete Anita Thommen drei Jahre als Köchin auf dem «Dietisberg – Wohnen und Werken» in Läufelfingen BL. Nach der Hochzeit im Jahr 1990 zog Anita zu ihrem Mann nach Zeglingen BL in den ersten Stock des Bauernhauses an der Hauptstrasse, die an den Unteren Hauenstein führt. Die Schwiegereltern wohnten im Parterre und führten den Hof weiter. Zehn Jahre später übernahm die nächste Generation den Hof.

Eigener Betriebszweig

Anita Thommen absolvierte die Prüfung als Bäuerin mit Eidgenössischem Fachausweis und begann, sich ihren eigenen kleinen Betriebszweig aufzubauen. Dafür erweiterte sie die ehemalige Küche der Schwiegereltern. «Ich fing 2003 an mit Hefeschnecken für den Buure-Määrt Sissach», erzählt Anita Thommen, «dann ergänzte ich das Sortiment mit Linzertorte und weiteren Kleingebäcken.»

Anita Thommen wollte mehr über das Produzieren von Backwaren lernen. Daher arbeitete sie ab 2018 vier Jahre Teilzeit als «Azubi» für Käthi Schaffner, eine Konditorin mit eigenem Geschäft in Böckten BL. Als diese aufgab, konnte sie deren Produktion von Urdinkel-Grissini übernehmen.

Sie beginnt zu schwärmen von den urchigen Stängeln: «Diese Knabberstäbchen eignen sich hervorragend als Beilage zum Apero, sei es pur oder mit Fleisch und Käse.» Weil eine andere am Buure-Määrt beteiligte Bäuerin mit Backen aufhörte, erhält nun Anita Thommen deren Bestellungen für Zöpfe.

Sport als Ausgleich

In der spärlichen Freizeit spielt sie Indiaca-Ball. Indiaca ist ein schnelles Mannschaftsspiel mit südamerikanischen Wurzeln. Es wird umgangssprachlich auch Handfederball genannt. Bei Turnieren wird auf einem durch ein Netz getrenntes Feld gespielt, ähnlich wie beim Volleyball. Statt eines Balles kommt ein Schlagkissen zum Einsatz, an dem rote Truthahnfedern befestigt sind. «Unser Team wurde 2016 in Pratteln Vize-Schweizer-Meister in der Kategorie Mixed 40+», erzählt Anita Thommen mit glänzenden Augen.

Anita Thommen spielt gern Indiaca, ihre Mannschaft wurde 2016 Vize-Schweizer-Meister in ihrer Kategorie.
Anita Thommen spielt gern Indiaca, ihre Mannschaft wurde 2016 Vize-Schweizer-Meister in ihrer Kategorie.

«Die Arbeit geht mir nicht aus, da ich auch in der Landwirtschaft engagiert bin», sagt sie zum Abschied und schwingt sich auf das Trittbrett des Traktors. Diesmal ist es «ihr» Traktor, ein stufenloser Deutz. Sie ist gern mit dem grossen Gefährt unterwegs: «Ich arbeite lieber auf dem Traktor, als dass ich ‹Hüübel› herunterreche», sagt sie schmunzelnd.

Fünf Fragen an Anita Thommen

Welchen Traum möchten Sie verwirklichen? Mein Mann Marcel und ich träumen zusammen mit einem befreundeten Ehepaar seit Jahren von einer Reise nach Kanada. Wie lautet Ihr Leitspruch fürs Leben? Carpe diem, also nutze den Tag. Ausserdem leben und leben lassen. Welches ist Ihr Lieblingsplatz? Auf unserem Zegliger Berg; es braucht nicht viel: einen Flammkuchen mit einem Bierli oder einem «Gleesli» Wein und einfach die Stille geniessen. Von welchem Erlebnis erzählen Sie gern immer wieder? Als ich in meiner Jugend nur mit grossem Glück dem Angriff unseres Stiers entkam. Welche lebende oder tote Person würden Sie gern einmal persönlich treffen? Meinen Götti, der mit 39 Jahren viel zu jung ­verstarb.

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