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Analyse: Warum essen Schweizer weniger als vor 30 Jahren?

In ihrer Analyse geht Redaktorin Jasmine Baumann der Frage nach, weshalb der Pro-Kopf-Verbrauch von Nahrungsmitteln in der Schweiz seit Jahrzehnten zurückgeht. Mögliche Erklärungen gibt es viele, aber nicht alle sind gleichermassen realistisch.

Der Schweizer Bauernverband gab Ende Jahr spannende Zahlen heraus. In den SBV-News von Woche 49 war zu lesen, dass in der Schweiz der Pro-Kopf-Verbrauch von Nahrungsmitteln zurückgegangen ist. Den Rückgang verzeichne man seit 2007. Damals lag der Pro-Kopf-Verbrauch noch bei 13 387 Kilojoule im Jahr. Dieser ist seither um 6,1 Prozent gesunken auf 12 573 Kilojoule im Jahr. Das Jahr 2020 ist noch nicht in der Statistik enthalten.

Unterschiede zwischen pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln

Diese Zahlen sind doch verblüffend, ist doch in der gleichen Zeit die Bevölkerung in der Schweiz von 7,6 Millionen auf 8,57 Millionen Menschen gestiegen, was einer Zunahme von 12,7 Prozent entspricht. Tatsächlich geht der Pro-Kopf-Verbrauch an Nahrungsmittelenergie schon seit den 1980er-Jahren zurück, wie der SBV schreibt.

Eine weitere Tatsache daran ist interessant. Nämlich, dass der Verbrauch bei den pflanzlichen Lebensmitteln stärker gesunken ist (−463 kJ), als bei den tierischen (−351 kJ), zumindest, wenn man die absoluten Zahlen betrachtet. Der SBV entkräftet diese Aussage aber sogleich wieder, indem er anfügt, dass, relativ betrachtet, der Verbrauch von tierischen Nahrungsmitteln stärker zurückging (8,8 %) als jener von pflanzlichen (5 %).

Es ist nicht der Einkaufstourismus

Trotzdem können sich Schweizerin und Schweizer nun fragen, weshalb dies eben so ist. Warum essen wir weniger als noch vor 30 Jahren? Erklärungsansätze gibt es verschiedene. Liegt es daran, dass die Leute mehr Lebensmittel im Ausland gekauft haben? Der Einkaufstourismus ist nämlich in der Nahrungsmittelbilanz nicht erfasst. Im Ausland gekaufte, nicht verzollte Lebensmittel fliessen nicht in die Berechnung mit ein. Der Einkaufstourismus senkt, laut der Statistikabteilung des SBV Agristat, den berechneten täglichen Pro-Kopf-Verbrauch um mindestens 0,3 MJ das sind etwas mehr als zwei Prozent. Der Einkaufstourismus könne jedoch für den Rückgang der Nahrungsmittelenergie keine ausreichende Erklärung bieten, schreibt Agristat.

Die Menschen in der Schweiz sind inaktiver und älter

Ein weiterer Grund könnte sein, dass wir immer mehr alte Menschen in der Schweizer Bevölkerung haben und weniger junge. So ist der Anteil an über 65-Jährigen in den letzten Jahren ständig gestiegen. Im Jahr 2019 waren es laut Bundesamt für Statistik 18,7 Prozent. Und bekanntermassen essen Seniorinnen und Senioren weniger als jüngere Personen. Ein weiterer Faktor ist die Abnahme der körperlichen Aktivität. Immer mehr Menschen arbeiten im Büro.

Auch eine Erklärung für den Rückgang der Nahrungsmittelenergie könnte sein, dass die Schweizerinnen und Schweizer in den letzten Jahren gesundheitsbewusster geworden sind. Dass Übergewicht zu gesundheitlichen Problemen führt, ist bekannt: Es erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen, belastet die Gelenke.

Kann es am Fitnesstrend liegen?

Da hinein gehört auch der Fitnesstrend. Will doch heute praktisch jedermann eine sportliche Figur haben, das aktuelle Schönheitsideal. Neben der sportlichen Betätigung spielt eben auch die Ernährung eine massgebende Rolle, wenn jemand abnehmen oder eben Muskelmasse aufbauen will. Diesbezügliche Ernährungsratschläge findet jedes Kind mit einem Klick zahlreich im Internet. Dabei wird einem erklärt, dass man weniger Kohlenhydrate, also Teigwaren, Brot usw. essen soll und dafür mehr Proteine. Und die besten Proteinlieferanten sind Eier, Milchprodukte und Fleisch. Dieser «Low-Carb»-Ernährungstrend könnte auch erklären, warum pflanzliche Nahrungsmittel stärker zurückgegangen sind als tierische. Aber hat dieser Ernährungstrend wirklich einen so starken Einfluss?

Viel Raum zum Spekulieren

Einige Fragen bleiben am Ende dieser Analyse noch offen. Wie werden die Verbrauchszahlen der Nahrungsmittel vom vergangenen Jahr aussehen? Kann es sein, dass der Verbrauch noch weiter gesunken ist? Welche Rolle spielen die Hofläden? Im Corona-Jahr haben ja viele Leute dort eingekauft. Haben die Schweizerinnen und Schweizer insgesamt weniger gegessen im vergangenen Jahr? Die Leute sind mehr zu Hause geblieben, gingen weniger ins Restaurant, weniger ins Fitnesscenter und haben sich wohl insgesamt weniger bewegt. Da verbraucht man auch weniger Nahrungsmittel. Oder vielleicht doch mehr? Mehr Schokolade, Chips, Guetzli und andere ungesunde Lebensmittel? Wie sich wohl das alles auf die körperliche Gesundheit auswirken wird? Man darf gespannt sein auf die nächsten statistischen Auswertungen!

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