Fast jedes Jahr ist der Altweibersommer ein «sicherer Wert» im Wettergeschehen. Zwischen Mitte September und Ende Oktober gibt es fast jedes Jahr eine Phase mit einer mehrtägigen, stabilen Hochdruckphase, die nochmals Sommergefühle aufkommen lässt. Diese goldenen Herbstphasen sind zwar nicht immer gleich stark ausgeprägt, aber sie treten dennoch verhältnismässig zuverlässig auf – wieso eigentlich?
Die «Hauptverantwortlichen»
Zu starke Vereinfachungen sind in der Meteorologie immer schwierig und mit Vorsicht zu geniessen, denn die Prozesse, die hinter einem Phänomen stecken, sind immer sehr komplex und teils auch chaotisch.
Müsste man aber «Hauptverantwortliche» für das Phänomen des Altweibersommers angeben, so gelangte man früher oder später zu zwei zentralen Punkten, die für die Ausbildung der herbstlichen Hochdruckphasen massgeblich mitverantwortlich sind: der abnehmende Sonnenstand und die hohe Wassertemperatur der Ozeane.
Wetter stabilisiert sich
Die Kraft der Sonne ist der Hauptantrieb für fast alle Prozesse in der Atmosphäre. Dass sich die Wetter-Dynamik ändert, wenn sich der Sonnenstand ändert, ist also eine logische Folge. Wenn im Herbst der Sonnenstand abnimmt, wird jeweils weniger Sonnenenergie am Boden in Wärme umgewandelt, die Landmasse erwärmt sich von Tag zu Tag etwas weniger. Diese Erwärmung ist im Sommer bei Schönwetterphasen einer der wichtigen Auslöser für Konvektion und Gewitter.
Wenn nun im Herbst weniger Sonnenenergie zur Verfügung steht, heisst das auch, dass die Erwärmung im Tagesgang über dem europäischen Kontinent weniger ausgeprägt ist und sich dadurch auch weniger Gewitter entwickeln. Die Schönwetterphasen werden dadurch weniger schaueranfällig und stabiler.
Wettersysteme mit Wolken und Niederschlägen können damit kaum noch über der europäischen Landmasse entstehen, sondern müssen von den umliegenden Ozeanen «importiert» werden. Auch im Sommer stammt ein Grossteil der Schlechtwetter-Systeme ursprünglich aus den Ozeanen.
Allerdings entstehen in der heissen Jahreszeit vor allem bei Flachdrucklagen oder Südwestströmungen zum Teil auch über dem europäischen Festland grössere Gewitter-Systeme, die dann auch in der Schweiz wetterwirksam sein können. Im Herbst und der kälteren Jahreszeit hingegen ist das Einsetzen von aktiverem «Schlechtwetter» meist erst direkt mit dem Eintreffen von Luftmassen mit atlantischer oder mediterraner Herkunft verbunden.
Hurricanes bilden sich
Doch nicht nur bei der Herkunftsbestimmung der Luftmassen spielen die Ozeane eine Rolle. Zum Herbstanfang erreichen die Meerestemperaturen auf der Nordhalbkugel ihren Höchststand. Dies bedeutet auch, dass die Saison der tropischen Wirbelstürme im Atlantik ihren Höhepunkt erreicht. Tropische Wirbelstürme entstehen als Gewitterkomplexe über dem warmen Wasser der subtropischen Ozeane und entwickeln sich oft zu äusserst kräftigen Tiefdruckgebieten mit immensen Regenmengen und Orkanwinden, sogenannten Hurricanes.
Wellen aus Luft
Häufig ziehen diese Hurricanes dann über den Atlantik nach Norden, wo sie auf die Westwindzone treffen. Bei diesem Aufeinandertreffen wird die Westwinddrift teilweise aus der Bahn geworfen und kann weit nach Norden oder Süden ausschlagen, es bilden sich in der Atmosphäre sogenannte Wellen – mit Wellenbergen und Wellentälern.
Unter diesen Wellenbergen können sich dann kräftige Hochdruckgebiete aufwölben, die auch über Europa zu liegen kommen können. Wenn nun die Hurricane-Aktivität im Atlantik im Herbst ihren Höhepunkt erreicht, steigt damit auch als indirekte Folge die Wahrscheinlichkeit an, dass sich ein Hochdruckgebiet über den mittleren Breiten aufbaut – zumal diese Hochdruckgebiete ja über dem Festland wegen des abnehmenden Sonnenstandes und der reduzierten Konvektion weniger schnell «weggeheizt» werden.
Heisser September
Nun wird der September dieses Jahr mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht nur in der Schweiz, sondern auch weltweit als wärmster September seit Messbeginn in die Bücher eingehen. Dies vor allem auch, weil die Meerestemperaturen aktuell massiv höher sind als üblich. Damit kann erwartet werden, dass der Atlantik auch während der nächsten Wochen weiterhin Brutstätte von tropischen Wirbelstürmen bleibt und in der Folge in der Westwindzone noch einige grössere Wellen entstehen.
Weitere Hochdruckphasen sind damit gut möglich – wobei man beachten muss, dass neben dem Wellenberg, der den Altweibersommer bringt, auch Wellentäler, die kaltes und nasses Herbstwetter bedeuten, existieren. Wo genau diese Wellenberge und Wellentäler zu liegen kommen, bleibt aber letzten Endes eine Lotterie.


