«Chlöisu, bim Chindergarte obe isch aus vou», brüllt der Mann in der Leuchtweste über die Strasse. «Mir göh ize zur Landi abe!» Wer oder was ist es denn, dass an einem Mittwochabend im beschaulichen Madiswil BE beinahe den Verkehr kollabieren und Parkplätze zur begehrten Mangelware werden lässt?
«Freude herrscht»
Die Antwort ist hochkarätig: Alt-Bundesrat Adolf Ogi gibt sich die Ehre. Mit Barbara Matter, Siegerin der Landfrauenküche 2020, und Moderatorin und Grossrätin Christine Gerber tauscht sich der Kandersteger an einem Gesprächsabend zum Thema «Mutig durchs Leben» aus. Eingeladen hatten der Oberaargauer Landfrauenverein, die Ehemaligen Waldhofschülerinnen und das Inforama.
Die Linksmähderhalle ist bis auf den letzten Platz besetzt – gleich mit dem ersten Satz hat der 81-Jährige das Publikum auf seiner Seite: «Freude herrscht, dass ich zwischen diesen beiden Frauen sitzen darf.» Gelächter brandet durch den Saal.
«Man kann nicht vor der Schanze plötzlich umkehren.»
Adolf Ogi sagt, er habe Mut von seinen Eltern, die Bergsteiger und Skispringer waren.
Wäre gerne Skirennfahrer geworden
Mut habe er von zuhause aus mitbekommen, sagt Adolf Ogi. «Meine Eltern waren Skispringer und Bergsteiger. Man kann vor der Schanze nicht plötzlich umkehren.»
Eigentlich wäre er gerne Skirennfahrer geworden, «aber mein Vater sagte, ‹davon kannst du keine Familie ernähren. Du musst Fremdsprachen lernen›.» Also absolvierte er eine Ausbildung in der französischsprachigen Handelsschule von La Neuveville BE, anschliessend spezialisierte er sich an der Swiss Mercantile School in London. «Um mir ein Jahr Studium in La Neuveville zu finanzieren, musste mein Vater als Bergführer 70-mal auf die Blümlisalp steigen. Und meine Ausbildung dauerte drei Jahre. Ich hatte oft Angst um ihn.»

«Skilehrer im Bundesrat»
Dass er keinen Sek-Abschluss hat und nie an eine Uni ging, wurde Adolf Ogi gerne vorgeworfen. Karriere machte er trotzdem: Technischer Leiter, dann Direktor beim Schweizer Skiverband, Generaldirektor von Intersport, Nationalrat, SVP-Präsident. «Heute habe ich auch ohne Sek-Abschluss mehrere Ehrendoktortitel», scherzt Ogi über die Kritik an seiner Schulkarriere.
Mut brauchte der Berner Oberländer, der von 1987 bis 2000 Bundesrat war, als Verkehrsminister etwa für den Bau der NEAT, der rund 22,8 Milliarden Franken kostete. Finanzminister Otto Stich habe deswegen jede Woche ausgerufen an der Sitzung. «Er pflegte über mich zu sagen, im ‹Bunderat haben wir sechs Bundesräte und einen Skilehrer›. Zur Strafe musste er mich zum Znacht einladen.» Ausserdem habe sich Stich immer eine Pfeife gekauft, «wenn er verruckt war. Nach seinem Rücktritt besass er ungefähr 25 Pfeifen, 15 davon wegen mir.»
Eine volle Arena
Barbara Matter, Bäuerin, Kindergärtnerin und Theaterregisseurin, wird meist erst im Nachhinein bewusst, dass sie etwas Mutiges gemacht hat. 2013 sagten ihr Mann und sie recht spontan zu, durch den Festakt des ESAF in Burgdorf zu führen. «Dann sassen da 50 000 Leute in dieser Arena.» Wie viele weitere es zuhause vor dem Fernseher waren, sei ihr erst später klar geworden. «Wenn ich das mache, was sich im Innersten richtig anfühlt, dann braucht es gar nicht so viel Mut, zämefüessligse iz Wasser z’gumpe.»
Sich der ganzen Schweiz zeigen
Die Kameras des Schweizer Fernsehens auf den Hof und in den Haushalt zu lassen, der ganzen Schweiz zu zeigen, «wie wir leben, war wohl auch mutig, aber das war mir damals gar nicht so bewusst», sagt Barbara Matter. Für sie kommt Erfolg von innen heraus: «Authentisch sein, ehrlich zu sich und zu anderen. Dann brennt man für etwas, aber verbrennt nicht.»
«Man muss Menschen mögen, über Parteigrenzen hinweg.»
Adolf Ogi über eine Eigenschaft, die ihm als Bundesrat geholfen hat.
Nach seinem Erfolgsgeheimnis gefragt, sagt Adolf Ogi: «Ich habe kein Geheimnis, es sind drei Sachen. Erstens: ‹Ich mache das, woran ich glaube und glaube an das, was ich mache.› Zweitens: Man habe nie eine zweite Chance, einen ersten Eindruck zu korrigieren. Und drittens: «Man muss Menschen mögen, das Gute in ihnen sehen, über Parteigrenzen hinaus. Natürlich braucht es als Politiker trotzdem Härte.»
Organisation ist alles
Seine Selbstdisziplin half dem späteren UNO-Sonderbeauftragter für Sport und Friedensförderung, jahrzehntelang ein straffes Programm mit einer zum Bersten gefüllten Agenda durchzustehen. «Während meiner Zeit im Bundesrat bin ich jeden Morgen um 4.45 Uhr aufgestanden und ging eine Stunde joggen. Das Sicherheitsteam war nicht begeistert, aber ich habe mich durchgesetzt.» Nach Sport, Kopfstand und einem Gebet war Adolf Ogi bereit für den Tag als Bundesrat. «Man muss durchorganisiert sein und sich an den Zeitplan halten. Und natürlich Freude am Amt haben und diese auch zeigen», schaut er zurück.
Nahe beim Herzen
Ohne seinen Talisman geht Adolf Ogi nie aus dem Haus: Er hat immer einen Bergkristall in der Hosentasche. Und zwar links, da näher am Herzen. «Meine Familie väterlicherseits waren Strahler. Der Bergkristall bringt mir Erfolg. Ich glaube daran.»
«Jedes Kind soll wissen, dass es wertvoll ist.»
Barbara Matter über ihre Aufgabe als Kindergärtnerin. Ihr Traumberuf von klein auf.
«Manchmal braucht man auch Menschen, die an einen glauben», fügt Barbara Matter an. Sie wusste schon als Kind, dass sie gerne Kindergärtnerin werden würde, aber eine Lehrerin schickte sie nicht in die Sek: «Du bist viel zu sensibel, du weinst immer», war deren Begründung. Der Traum schien geplatzt. Doch ein Lehrer an der WBK glaubte nach einem Aufsatz über ihren Berufswunsch an sie und meinte: «Es schafft es auch eine aus der Prim an den Semer.»
Absolute Stille
Auch im Leben von Adolf Ogi gab es Schicksalsschläge. «Den Tod meines Sohnes habe ich bis heute nicht überwunden. Ich bin gläubig, aber dass wir unseren Mathias verloren haben, hat mich zweifeln lassen.» Im Saal herrscht absolute Stille bei diesen Worten.
Der Jurist und Fürsprecher mit englischem Master-Diplom starb 2009 erst 35-jährig an einer seltenen Form von Krebs. Im Gedenken an Mathias Ogi gründete die Familie die Stiftung «Freude herrscht». Sie unterstützt Programme, die bei Kindern ein gesundes Selbstbewusstsein und körperliche Leistungsfähigkeit fördern.

«Das zieht mich runter»
Auch die heutige Weltlage kam zur Sprache. «Ich dachte immer, im Menschen gebe es mehr Gutes als Schechtes. Bei diesem Gemetzel verstehe ich die Welt nicht mehr», so Adolf Ogi über den Ukraine-Krieg und den wiederaufgeflammten Nahost-Konflikt.
Barbara Matter ihrerseits sagt, dass sie deswegen manchmal gar keine Nachrichten mehr schaue. «Erzählen die Medien alles richtig? Das weiss ich manchmal nicht. Das zieht mich runter.» Sie konzentriert sich dann lieber auf die Arbeit im Kindergarten, darauf, die Kinder zu stärken, «jedes muss wissen, dass es wertvoll ist».
Ein Dorf, zwei Bundesräte
Auch für Adolf Ogi ist klar, es wäre so viel möglich, wenn man sich auf die Jugend konzentrieren würde: «Sie sind die Leader von morgen.» Er scheint nicht böse zu sein, dass er zu einer anderen Zeit Bundesrat war: «Heute ist es schwieriger. Das Parlament redet dem Bundesrat sehr gerne drein.» Früher seien die Kompetenzen klarer verteilt gewesen. «Wir hatten gute Kontakte, nicht alles lief elektronisch, so konnte man Vertrauen aufbauen.» Bill Clinton etwa habe er damals jederzeit anrufen können.
Zum Schluss wollte eine Frau aus dem Publikum wissen, warum Kandersteg nun mit Albert Rösti schon den zweiten Bunderat stelle? «Das ist die Luft. Die Natur und die Tatsache, dass wir nicht verwöhnt sind.» Und noch einmal bringt der Alt-Bundesrat den ganzen Saal zum Lachen.

