Mehrere Wochen war es auf den Urner Schafalpen glücklicherweise ruhig. Nachdem im Juni im Gebiet Meiental in Wassen und im Juli in der Bristen-Region in Silenen je ein schadenstiftender Wolf zum Abschuss freigegeben wurde und kurz darauf auch entnommen werden konnte, gab es keine offiziellen Meldungen mehr über Wolfssichtungen.
Mehrere SMS-Warnungen innert Wochenfrist
Das änderte sich in der zweiten Augustwoche, als eine Wolfssichtung im Gebiet Päuggen im Erstfeldertal gemeldet wurde. Am 12. August kam es dann in der Nähe, im Riedstaffel oberhalb von Erstfeld, zu einem Riss an einem Nutztier. Drei Tage später wurde ein Wolfsriss an einem Nutztier im Gitschental in Seedorf gemeldet. Gleichentags gab es auch eine SMS-Warnung betreffend einen Wolfsriss an einem Nutztier im Gebiet Rohr in Wassen. Und nur zwei Tage später riss ein Wolf mehrere Nutztiere im Gebiet Etzli/Chlüser auf dem Gemeindegebiet von Silenen.
Druck auf ungeschützte Alpen steigt
Es ist nichts Ausserordentliches, dass sich gegen Ende des Alpsommers Ereignisse mit Grossraubtieren häufen. Daten aus Graubünden der letzten Jahre zeigen, dass die Zahl der Nutztierrisse im Verlauf des Alpsommers zunimmt. Doch woher kommt diese Tendenz? Ein möglicher Grund könnten Jungwölfe sein, die im Frühjahr auf die Welt kommen. Sie entwickeln sich über den Sommer. Entsprechend steigt der Nahrungsbedarf der Rudel. Da im Kanton Uri bisher aber nur Einzeltiere und keine Rudel mit Jungtieren nachgewiesen sind, dürfte dies kein Grund für die vermehrten Risse der letzten Wochen sein.

«Ein Punkt könnte sein, dass die Junghirsche, die im Vorsommer zur Welt gekommen sind, gegen Ende des Alpsommers mobiler und damit für Grossraubtiere entsprechend schwieriger zu bejagen sind», erklärt der Urner Jagdverwalter Josef Walker. Dadurch könnte der Druck auf ungeschützte Schafherden allenfalls ansteigen. Allerdings spiele bei einem gehäuften Auftreten von Wolfsrissen vielfach auch der Zufall eine Rolle: «In der Schweiz leben aktuell rund 350 Wölfe. Diese wandern weite Distanzen, entsprechend gross ist die Möglichkeit, dass sie auch auf den Urner Alpen auftauchen», führt Josef Walker weiter aus.
«Zäune, die den Wolf etwas abhalten würden, können im unwegsamen und steinigen Gelände auf unserer Alp nicht erstellt werden.»
Schafzüchter und Älpler Kurt Jauch aus Silenen
Futter sparen dank langer Alpzeit
Infolge der erwähnten Wolfsereignisse sind mindestens drei der betroffenen Schafalpen mit ihren Tieren vorzeitig ins Tal gegangen, darunter auch die Schafalp im Gebiet Etzli/Chlüser, die im Etzlital, einem Seitental des Maderanertals, liegt. Auch Kurt Jauch sömmert seine 52 Schafe im Maderanertal. Entsprechend angespannt ist er wegen der Wolfspräsenz. «Momentan ist auf unserer Alp Hüfi alles ruhig – wir hoffen, dass es so bleibt», erklärt er. Dank der schattenseitigen Lage der Alp und auch, weil es in den letzten Wochen doch einige Gewitter gab, ist die Futtersituation im Vergleich zu anderen Regionen immer noch gut.
Kurt Jauch hofft, seine Tiere noch bis Mitte September auf der Alp lassen und so das Weidegras auf seinem Talbetrieb noch etwas schonen zu können. «Ich bin mir aber bewusst, dass es reine Glückssache ist, ob meine Tiere vom Wolf geschädigt werden oder nicht. Zäune, die den Wolf etwas abhalten würden, können in diesem unwegsamen und steinigen Gelände nicht erstellt werden.»
Die Alp Hüfi ist, wie viele kleine Urner Schafalpen, als nicht zumutbar schützbar eingestuft. Alle Ereignisse der letzten Tage fanden auf solchen nicht schützbaren Alpen statt. Entsprechend gross ist die Gefahr, dass gerade solche eher kleinen Alpen aufgegeben werden, was wiederum die Anzahl der Betriebsaufgaben bei den Urner Schafbetrieben im Talgebiet ansteigen lassen könnte.
Kritik an Abschüssen
Die Gruppe Wolf Schweiz kritisiert die beiden Abschüsse auf Urner Alpen vom Juni und Juli dieses Jahres. Die Ereignisse der letzten Tage zeigten, dass in Gebieten, wo Wölfe abgeschossen würden, wieder andere Tiere einwanderten und es so erneut zu Rissen komme, erklärte David Gerke von der Gruppe Wolf Schweiz gegenüber dem Regionaljournal Zentralschweiz von SRF.
Anstelle von Abschüssen sollten die Urner in Herdenschutz investieren. Wo Wölfe jagen könnten, sei auch der Einsatz von Herdenschutzhunden möglich, so David Gerke weiter. Bei kleineren Alpen müssten Lösungen für die Finanzierbarkeit von Herdenschutz-Massnahmen gesucht werden.

