Die atypische Myopathie oder Weidemyopathie wird verursacht durch Hypoglycin A, einen Giftstoff, der in den Samen, Keimlingen und Blättern verschiedener Ahornbäume vorkommt. In der Schweiz ist nur der Bergahorn von Relevanz.
Die Schweizer Meldeplattform von Pferde-Krankheitsfällen Equinella klärt über die Folgen der Vergiftung auf: Das Toxin führt zu einem gestörten Fettstoffwechsel in den Muskelzellen. Die quergestreifte Skelettmuskulatur zerfällt daraufhin rasch, was Symptome einer Rhabdomyolyse, auch unter der Bezeichnung Kreuzschlag bekannt, auslöst.
Das sind die Symptome
Das universitäre Tierspital Zürich führt aus, dass die Zerstörung von Muskelfasern zu grossen Schmerzen führt. Betroffene Pferde zeigen starkes Schwitzen, eine erhöhte Atemfrequenz, Muskelzittern und einen steifen Gang. Auch Koliksymptome können auftreten. In schweren Fällen kann es zum Festliegen kommen. Durch die Zerstörung von Muskelfasern kommt es zur Freisetzung von Muskelenzymen und dem Muskelfarbstoff Myoglobin. Dieser wird über die Nieren ausgeschieden und kann den Urin dunkelbraun verfärben.
«Man fühlt sich vollkommen machtlos»
Willi Birrer, Freibergerzüchter aus Luthern LU, erzählt von apathischen und verschwitzten Pferden, die er morgens im Stall antraf. Ein dreieinhalbjähriger Wallach zeigte Ende Oktober die oben genannten Symptome, woraufhin der Pferdebesitzer sofort seinen Tierarzt kontaktierte.
Erst ging dieser von einer Kolik oder von einer Blaseninfektion aus. Die Blut- und Urinwerte zeigten aber klar, dass es sich um eine Vergiftung handelte. «Die Entwicklung war dramatisch. Innerhalb von wenigen Minuten ging der Wallach zu Boden und verstarb», erzählt Birrer erschüttert. Der zweite Wallach, der auf derselben Weide graste, zeigte erst keine Symptome einer Vergiftung. Die Blut- und Urinproben wiesen nur minimale Spuren von Hypoglycin A auf. Doch auch dieser junge Freiberger sollte nicht verschont bleiben. Einen Tag später verschlechterte sich sein Zustand drastisch. Auch er hat den Kampf verloren. «Man fühlt sich vollkommen machtlos», schildert Willi Birrer seine Empfindungen.
«Auf unseren Weiden grasen seit 120 Jahren Pferde, seither hatten wir noch nie einen Fall von atypischer Weidemyopathie», erklärt der Züchter. Auf dem Land selbst stünden keine Ahornbäume, sagt er. Die Blätter oder Samen seien wohl aus dem angrenzenden Wald auf die Weiden geweht worden. Aktuell lasse er keines seiner Pferde aufs Gras.
Jura besonders betroffen
Auch Audrey Streulet-Geiser, die mit ihrem Team im Berner Jura einen grossen Sport-, Zucht- und Pensionsstall betreibt, traf am Samstagmorgen einige ihrer Pferde in besorgniserregendem Zustand an. «Die betroffenen Pferde waren apathisch, steif, schwitzten stark und hatten teils Atemprobleme», erzählt die Betriebsleiterin. Seither sind bereits 13 ihrer Warmblutpferde, vom Jungpferd bis zur Zuchtstute, verstorben. 20 ihrer Tiere befinden sich aktuell in den universitären Pferdekliniken von Bern und Zürich in Behandlung. «Es ist das erste Mal, dass wir auf unserem Hof mit der atypischen Weidemyopathie konfrontiert sind, bisher hatten wir nie Probleme», so Streulet-Geiser.
Ihr Betrieb ist im Jura nicht der einzige, auf dem zahlreiche Pferde verstarben. Der lokale Radiosender Radio Fréquence Jura RFJ berichtet von dramatischen Zuständen im Berner Jura, im Schweizer Jura und im angrenzenden französischen Jura. In den ersten Novembertagen verstarben Dutzende Pferde, einige Zuchtbetriebe hätten bis zu zehn Abgänge zu beklagen.
Eine offiziell validierte nationale Gesamtzahl an aktuell erkrankten und verstorbenen Equiden liege derzeit nicht vor, erklärt die Veterinärmedizinerin Dilara Lale von Equinella.

Welche Tiere erkranken an Weidemyopathie?
Grundsätzlich könnten alle Equiden erkranken, gibt Dilara Lale Auskunft. «Pferde verschiedener Rassen, Ponys, Esel und sogar Zebras können sich vergiften. Esel waren nur mit rund 1,6 % der gemeldeten Fälle vertreten.»
Dies bedeute allerdings nicht, dass jedes Tier gleich empfindlich sei, führt die Oberärztin der Pferdeklinik der Uni Zürich aus. Selbst innerhalb derselben Herde könnten einige Tiere schwer erkranken, während andere klinisch gesund bleiben würden. Gründe dafür könnten Unterschiede in der aufgenommenen Toxinmenge, im Fressverhalten und in der individuellen Empfindlichkeit sein. Das Tierspital Zürich weist darauf hin, dass alle Altersgruppen erkranken können, jüngere Pferde aber häufiger betroffen sind.
Wiederkäuer scheinen gegenüber Hypoglycin A weniger empfindlich zu sein. Bei Hausschafen wurde Hypoglycin A nach der Weideexposition im Blut nachgewiesen, ohne dass Zeichen einer Myopathie auftraten. Auch bei Milchkühen wurden eine Aufnahme und Metabolisierung von Bergahorntoxinen dokumentiert, jedoch keine klinische Erkrankung. Dilara Lale präzisiert: «Man sollte bei Wiederkäuern weder von völliger Ungefährlichkeit noch von einem mit Pferden vergleichbaren Risiko sprechen.»
Das sind die Behandlungsmöglichkeiten
«Es gibt bislang kein Gegengift, das verabreicht werden könnte. Tierärztinnen und Tierärzte können die Vergiftung aber intensivmedizinisch behandeln und die Organ- und Stoffwechselfunktionen unterstützen», erklärt Dilara Lale. Die Sterberate bei einer Vergiftung sei hoch, informiert die Veterinärmedizinerin von Equinella. Je nach Jahr und Region bewege sie sich im Bereich von 75 bis sogar 97 Prozent.
Falls der Zustand eines Pferdes den Transport in die Klinik erlaube, steigere diese Möglichkeit die Überlebenschance, so die Expertin. Dort könne mit individuell angepasster intravenöser Flüssigkeitstherapie (Infusionen), einer Schmerztherapie und gegebenenfalls Muskelrelaxation sowie Vitaminen und Antioxidantien unterstützt werden.
Wie einer Vergiftung vorbeugen?
Die Vergiftungen treten vorwiegend im Herbst und im Frühjahr auf. In diesen Jahreszeiten können grosse Mengen an Ahornsamen oder Keimlingen auf den Weiden liegen. Bereits die Aufnahme kleiner Mengen giftigen Pflanzenmaterials kann eine schwere Erkrankung auslösen. Vorbeugung ist deshalb entscheidend.
Die Branchenorganisation Equi-Scope und das Schweizer Nationalgestüt haben gemeinsam ein Informationsdokument kreiert, das präventive Massnahmen auflistet: Weiden sollten auf Bergahornbäume sowie auf herabgefallene Samen und junge Keimlinge kontrolliert werden. Equiden dürfen nicht auf Weiden grasen, auf denen Bergahornbäume und deren Samen oder Keimlinge vorkommen. Besonders gefährdet sind Weiden mit geringem Grasbewuchs. Eine wichtige Massnahme, damit solche Samen und Keimlinge nicht gefressen werden, stellt das Anbieten von genügend Raufutter dar. Allerdings ersetzt eine Zufütterung nicht das Meiden gefährdeter Weiden.
Zusätzlich gilt es, die Pferde aufmerksam zu beobachten. Bei Schwäche, Muskelzittern, Steifheit, Schwitzen, Koliksymptomen oder dunklem Urin muss sofort tierärztliche Hilfe angefordert werden. Die Erkrankung kann rasch fortschreiten.
Bei Verdacht auf atypische Weidemyopathie empfehlen die Fachpersonen von Equinella bis zum Eintreffen des Tierarztes folgende Vorkehrungen zu treffen: Alle Pferde auf der betroffenen Weide müssen sofort in den Stall gebracht werden. Den Pferden sollen Heu und Wasser gereicht werden.
Weshalb dieses gehäufte Auftreten?
Eine einzelne Ursache, weshalb in diesem Herbst so zahlreiche Vergiftungsfälle gemeldet werden, lasse sich nicht beweisen, erklärt Dilara Lale. Wahrscheinlich kämen mehrere Faktoren zusammen: eine aussergewöhnlich hohe Samenproduktion und starker Wind, der die Samen auf die Weiden trägt – auch wenn der Bergahorn nicht direkt auf der Weide steht.
Dazu kommt die Trockenheit, die für ein geringes Grasangebot verantwortlich ist. Bei wenig Weidegras nehmen Pferde eher Samen oder anderes Pflanzenmaterial auf. Zudem werden die Tiere aufgrund von Futterknappheit länger auf den Weiden gehalten.
Weiter scheint der Hypoglycin-A‑Gehalt heuer besonders hoch zu sein. Die Pferdemedizinerin der Uni Zürich präzisiert: «Der trockene Sommer ist eine plausible Mitursache für ein erhöhtes Auftreten von atypischer Myopathie, aber nicht als alleinige Erklärung gesichert.» Historisch seien Ausbrüche besonders nach kaltem, feuchtem oder stürmischem Wetter beschrieben worden; eine universell gültige Wetterkonstellation gebe es jedoch nicht, so Lale.
Auch in den Nachbarländern erhöhtes Risiko
Die atypische Weidemyopathie tritt seit Jahren nicht nur in der Schweiz, sondern auch in zahlreichen anderen europäischen Ländern auf, darunter Frankreich, Deutschland, Belgien, die Niederlande, Grossbritannien, Österreich und Italien. Auch in den Nachbarländern bestehe derzeit ein erhöhtes Risiko, sagt Dilara Lale. Öffentlich verfügbare, aktuelle Fallzahlen pro Land liegen jedoch nicht vollständig vor, weshalb sich die Veterinärin mit Aussagen zu einem generell erhöhten Auftreten der Vergiftungsfälle zurückhält.
Um eine Übersicht zu erhalten und die Vergiftungsfälle bestmöglich zu erforschen, ist eine konsequente Meldung auf der Equinella-Plattform wichtig.

