Vor acht Jahren ist Hans Frei zum Präsidenten des Zürcher Bauernverbands (ZBV) gewählt worden. Im November dieses Jahres fand der Stabwechsel an Martin Haab statt. Frei war auch Mitglied des vierköpfigen Präsidiums des Schweizer Bauernverbands. Er gehört diesem Gremium noch so lange als Mitglied ohne Stimmrecht an, bis die Corona-Lage die Wahl seiner Nachfolge durch die Landwirtschaftskammer erlaubt. Als Landwirtschaftspolitiker hat er sich stets vehement für die Erhaltung fruchtbarer Böden eingesetzt.
Hans Frei, wenn Sie auf die vergangenen acht Jahre zurückblicken: Gibt es da irgendein Ergebnis, das Sie erreicht haben, auf das Sie besonders stolz sind?
Hans Frei: Man muss immer vorsichtig sein, ob man etwas auf seine Person zurückführen soll oder ob man einfach feststellen darf, dass man mitgeholfen hat, ein Ziel zu erreichen. Ein Thema hat mich immer eng begleitet, nämlich die Erhaltung der landwirtschaftlich wertvollen Böden. Wir müssen den besten landwirtschaftlichen Nutzflächen mehr Sorge tragen. Bei der Güterabwägung, ob solches Land anderweitig genutzt werden soll, müssen wir die Erhaltung dieser Flächen in den Vordergrund stellen. Bereits im Kanton Zürich habe ich mich sehr für die Einhaltung des Sachplans Fruchtfolgeflächen eingesetzt.
Und wie war das auf nationaler Ebene?
Als die Frage auftauchte, ob es in Zukunft noch einen Sachplan Fruchtfolgeflächen geben soll oder nicht, da habe ich heftigst dafür interveniert, dass dieser Sachplan auf schweizerischer Ebene weitergeführt und neu festgesetzt wird. Am 8. Mai dieses Jahres hat der Bundesrat beschlossen, diese Planung weiter voranzutreiben.
Weshalb ist das so wichtig?
Weil es ein Gegenpol ist. Ich habe in der Politik immer wieder erlebt, dass der Bund mit Instrumenten wie etwa dem Sachplan Infrastruktur der Luftfahrt ein Instrument hatte, um die übergeordneten Interessen gegenüber der kantonalen Richtplanung durchzusetzen. Das gab mir die Motivation zu verlangen, dass man dem Schutz der Fruchtfolgeflächen zwingend eine hoheitliche Bedeutung beimisst.
Haben Sie sich als Mitglied des vierköpfigen Vorstands des Schweizer Bauernverbands als eine Art Gegenpol zu Markus Ritter, der Biobauer ist, verstanden?
Das muss ich wirklich betonen: Im Präsidium des Schweizer Bauernverbands herrschte vom ersten Moment an eine ausgesprochen offene und konstruktive Zusammenarbeit. Das war ein intensiver regelmässiger Austausch. Die Mitglieder waren froh, ihre Meinungen und Standpunkte offen einbringen zu können. Erst nach Abwägung der Argumente wurde jeweils entschieden. Wir mussten sehr vieles teilweise sehr kurzfristig beurteilen. Das war nur dank einer sehr hohen Einsatzbereitschaft aller möglich.
Als Sie 2012 antraten, war die AP 14–17 in Vorbereitung. «Das Fuder ist überladen», sagten Sie damals. Sind Sie noch dieser Meinung?
Jawohl, dieses Fuder war überladen. Es führte auch zu einer unzulässigen Zunahme der Administration. Über fast jede Handlung auf einem Betrieb muss Rechenschaft abgelegt werden. Wir werden immer enger vom Staat bevormundet und die verbreitete gute landwirtschaftliche Praxis verliert zunehmend ihre Eigenverantwortung. Heute suchen wir krampfhaft nach einer Befreiung. Es scheint allerdings fast unmöglich, diesen Apparat zu vereinfachen.
Die AP für die Jahre 2017 bis 2021 war eine Fortsetzung der AP 14–17. In welche Richtung soll es ab 2022 gehen?
Es gibt für uns elementare Punkte, die in der gegenwärtigen Vorlage nicht abgebildet sind. Zentral für mich ist, dass die Schweiz die Verantwortung wahrnimmt, in Zukunft Nahrungsmittel nicht für weniger Leute, sondern für mehr Leute zu produzieren. Unser Produktionspotenzial muss aufrecht erhalten werden. Wenn wir die Produktion zurückfahren, zieht das automatisch zusätzliche Importen in die Schweiz nach sich. Und dies ist gemäss Bundesverfassung nicht der Primärauftrag der Landwirtschaft.
Die Zahlungen des Bundes an die Landwirtschaft sind ein Dauerthema. Der Zahlungsrahmen konnte gehalten werden. Ein Erfolg oder das Minimum?
Diese Zahlungen sind ein berechtigter Anspruch, den die Landwirtschaft stellen darf. Die Landwirtschaft wurde umgebaut, indem gesagt wurde: Mit einem Leistungsnachweis seid ihr legitimiert, Direktzahlungen zu erhalten. Dieser Leistungsnachweis ist in den vergangenen Jahren nie abgebaut worden. Im Gegenteil. Der wurde immer ausgebaut. Da gibt es auch keinen Grund, den Zahlungsrahmen zurückzufahren. Deshalb haben wir auch interveniert, als man zum Schluss kam, die Direktzahlungen müssten gekürzt werden, weil der durchschnittliche Betrieb grösser geworden ist. Das geht nicht auf. Wir erbringen die Leistungen ja auf einer Fläche. Und so lange die Schweiz über diese Fläche verfügt, sind wir an einen Versorgungsauftrag gebunden, den wir über die Verfassung bekommen haben.
Trinkwasser-Initiative, Pestizidverbots-Intiative, Massentierhaltung-Initative: Die Landwirtschaft steht im Gegenwind.
Das ist eine Herausforderung. Zuerst gilt es, eine klare Beurteilung zu machen: Sind es unsere Konsumentinnen und Konsumenten, die die Entwicklung der Landwirtschaft so kritisch sehen? Oder sind es Umweltverbände oder Visionäre in Zusammenarbeit mit den zuständigen Bundesstellen, die ganz klar das Ziel vor Augen haben, die Leistungsfähigkeit der heutigen Landwirtschaft abzubauen? Gerade in diesem Corona-Jahr stellen wir fest, dass die Bevölkerung regionalen Nahrungsmitteln des täglichen Bedarfs nach wie vor eine hohe Wertschätzung entgegenbringt. Unabhängig vom Label, unter dem sie produziert werden.
Die Kritik am Einsatz von Pestiziden ist aber massiv.
Da sind wir tatsächlich gefordert. Die für die wissenschaftliche Beurteilung einer Bewilligung zuständigen Bundesstellen zeigen keine Flagge. Medien fokussieren die Verantwortlichkeit ausschliesslich auf die Anwendung in der Landwirtschaft. Der Nachweis von Wirkstoffen in kleinsten Mengen ist noch keine Forschung – im besten Fall und naheliegend eine technische Errungenschaft. Unter diesem Gesichtspunkt könnten in unseren natürlichen Ressourcen sehr viel mehr Wirkstoffe und unerwünschte Abbaustoffe nachgewiesen werden, die aus dem Kreislauf unserer Gesellschaft stammen. Die Landwirtschaft ist bereit für Korrekturen, aber bitte auf einer wissenschaftlichen Grundlage analog der Zulassung von Impfstoffen.
Wie wollen Sie das Image der Landwirtschaft verbessern?
Wir verfolgen das Ziel, eine Sachlichkeit in diese Diskussion einzubringen, indem wir auf die Leistungen hinweisen, die die Landwirtschaft bereits auf einem hohen Niveau gegenüber von Importwaren erbringt. Wir setzen alles daran, die Inlandproduktion aufrecht zu erhalten. Wir sind offen für neue Entwicklungen und Innovationen. Für solche Schritte muss man uns aber auch den nötigen Zeitraum geben. Wenn man von einem Tag auf den andern einen Wirkstoff aus dem Verkehr zieht, der bis anhin von Wissenschaft und Beratung empfohlen wurde, so ist das nicht seriös und sachlich. Wissenschaft und Forschung müssen uns Produkte und Lösungen in die Hände geben, bei denen wir nicht Angst haben müssen, dass sie über Nacht aus dem Verkehr gezogen werden.
Kommen wir auf den Kanton Zürich zu sprechen: Eine Pattsituation innerhalb des ZBV-Vorstands bei der Parolenfassung zur Kulturlandinitiative der Grünen Partei des Kantons Zürich: Das hat vor acht Jahren zum plötzlichen Rücktritt ihres Vorgängers Hans Staub geführt. Wie beurteilen Sie diesen Eklat heute?
Hans Frei: Schon damals waren wir beim Thema Fruchtfolgeflächen im Kanton Zürich sehr weit. Wir sind auch heute der Kanton, der mit Erhebung und Bonitierung dieser besten Flächen am weitesten vorangeschritten ist. Zur damaligen Pattsituation kam es nicht zuletzt, weil die Grüne Partei dieses Thema ebenfalls aufgenommen hatte. Das war mit ein Grund, dass da innerhalb des Vorstands nicht am gleichen Strick gezogen wurde.
Sie haben als ZBV-Präsident für die Erhaltung von Fruchtfolgeflächen gekämpft. Auch mit recht schönen Erfolg. Ein Stichwort wären etwa verhinderte Golfplätze.
Ja das ist so. Dieser Kampf hat zur Erkenntnis geführt, dass die Migros nicht das Label «Aus der Region. Für die Region» bewerben und gleichzeitig wertvolles Landwirtschaftsland für Freizeit- und Erholungszwecke für sich in Anspruch nehmen kann. Das Thema Fruchtfolgeflächen bleibt aber weiterhin aktuell. Nachdem mit dem neuen Raumplanungsgesetz Grenzen für das Siedlungsgebiet geschaffen wurden, steigt der Druck, gewisse Erholungsprojekte auf Landwirtschaftsland zu realisieren. Da braucht es ganz klar eine Güterabwägung mit den gesetzlichen Grundlagen auf Bundesebene.
Der ZBV geht zu den Leuten. Mit Roadshows zu landwirtschaftlichen Themen. Mit einer starken Präsenz in den Sozialen Medien, mit Veranstaltungen wie «Vo Puur zu Puur». Wie wichtig ist dies nach Ihrer Meinung?
In diesem Zusammenhang möchte ich Folgendes betonen: Alles, was in diesem Bereich gewachsen ist, ist in einer engen Zusammenarbeit mit der Geschäftsstelle des Zürcher Bauernverbands entstanden. Und vieles kam auf Initiative unseres Geschäftsführers Ferdi Hodel ins Rollen. Zusammen mit der Geschäftsstelle hat er alle diese Aktivitäten immer erfolgreich umgesetzt. Und letztlich ist es ihm auch gelungen, das nötige Sponsoring zur Durchführung all dieser Projekte zu realisieren.
Was sind die grössten Herausforderungen für den ZBV in den nächste Jahren? Für Ihren Nachfolger Martin Haab und die Crew der Geschäftsstelle des Zürcher Bauernverbands, die in Dübendorf arbeitet?
Der Kanton Zürich ist ein wichtiger Agrarkanton und gleichzeitig auch der stärkste Wirtschaftskanton der Schweiz. Diese Vernetzung und Nähe setzt die Landwirtschaft auch unter Druck und macht Landwirte zu Betroffenen. Es ist wichtig, dass wir diese Schnittstellen und die damit verbundenen Erwartungen auch auf die schweizerische Ebene transportieren können. Und natürlich gilt es, die Agrarpolitik wachsam zu begleiten, damit die Landwirtschaft auch in Zukunft ein wichtiges Standbein der Schweiz bleibt.
Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf Ihre Zeit als Verbandspolitiker zurück?
Das war für mich schlicht ein Höhepunkt in meinem beruflichen Engagement. Ich empfand ein hohes Verantwortungsbewusstsein für die Vielfalt unserer bäuerlichen Familienbetriebe in der Schweiz. Sie sind langfristig weit nachhaltiger als industrielle Entwicklungen. Ich konnte den Landwirten in die Augen blicken und ihnen sagen, wofür wir unsere Arbeit machen und zu welchen Zwecken wir ihre Mitgliederbeiträge einsetzen. Wir haben unsere Anliegen aber auch glaubwürdig gegenüber der Politik und der Bevölkerung vertreten.
Und ganz aus der Landwirtschaftspolitik haben Sie sich ja noch nicht zurückgezogen.
Weil meine Nachfolge im SBV-Präsidium wegen Corona nicht gewählt werden konnte, gehöre ich diesem Gremium weiterhin als Mitglied ohne Stimmrecht an. Da läuft der Informationsaustausch im Moment nahtlos weiter. Ich bin noch Mitglied verschiedener Kommissionen und gehöre bis Ende 2021 dem Agroscope-Rat an. Dieser ist seit Mai 2019 operativ tätig und berät Agroscope in strategischen Fragen.

