Anfangs Juli fanden die Schlussfeiern an den Luzerner Bildungszentren für Natur und Ernährung statt. Es waren die letzten für Rektor Walter Gut, nun wird er auf Ende Juli regulär pensioniert.
Wie haben sich die Schlussfeiern zu damals verändert?
Walter Gut: Eigentlich wenig, diese sind sehr ähnlich, mit gleicher Struktur. Es sind immer die schönsten Anlässe an einer Schule, wenn Jugendliche ins Berufsleben entlassen werden können. Neu ist beispielsweise die Traktorenparade, welche den Berufsstolz und die Freude an der Landwirtschaft zum Ausdruck bringt.
Aber das Bildungswesen hat sich sicher verändert …
Oh ja. Früher stand die Wissensvermittlung im Zentrum. Heute wird anders unterrichtet, handlungsorientiert. Wir wollen aufzeigen, wie Lösungen gefunden werden können. Wir beurteilen einen Bestand im Stall oder Feld und suchen Wege zur Optimierung. Die Umsetzung des Wissens steht somit im Vordergrund. Es gab aber auch strukturelle Veränderungen im Bildungswesen. Fast alle Kantone haben ihre Landwirtschaftsschulen fusioniert mit Berufsschulen oder es werden weitere Berufe an den Zentren angeboten. Zudem wurde statt Winterkursen die dreijährige Lehre eingeführt und es gibt viele verschiedene Bildungswege zum Beruf, wie die Nachholbildung oder EBA-Ausbildung. Stark steigend ist der Anteil Zweitausbildung, mit schon 40 Prozent. Wir holen die Lernenden heute viel besser dort ab, wo sie im Leben stehen. Das ist ein Grund, dass die Lernendenzahlen so stark angestiegen sind.
«Die Zusammenarbeit ist viel besser.»
Walter Gut stellt kaum mehr Konkurrenzkampf zwischen den Bildungszentren fest.
Eigentlich erstaunlich, dass die Schülerzahlen steigen, wenn die Betriebszahlen sinken …
Die Ausbildung ist eben sehr interessant und vielfältig und öffnet viele Türen. Spürbar ist auch der gesellschaftliche Trend zu Natur und Traditionen. Die Ausbildung spricht auch immer mehr Frauen an. Zudem gibt es einen Nachholbedarf nach dem Einbruch der Schülerzahlen Ende der 1990er-Jahre. Auch jetzt bilden wir noch nicht für jeden Betrieb einen Nachfolger aus. Selbst unter Berücksichtigung des Strukturwandels haben wir sicher nicht zu viele Lernende für die Landwirtschaft.
Wie haben sich die jungen Lernenden verändert?
Ähnlich wie der gesellschaftliche Trend oder wie andere Jugendliche sind die Junglandwirte heute viel spontaner, direkter und vielfältiger auch in ihren Kompetenzen geworden. Sie können sich viel besser ausdrücken, wissen, dass sie für eine Sache hinstehen müssen, und üben das auch in der Schule. Und natürlich prägt die Digitalisierung die Jungen.
«Weniger produzieren nein, aber anders produzieren ja.»
Für Walter Gut haben die Bauern das anzubieten, was Konsumenten wollen.
Wie beurteilen Sie den Wettbewerb unter den Bildungszentren?
Der ist eigentlich weniger ausgeprägt als früher, denn der Standort des Lehrbetriebes entscheidet über den Schulstandort. Bei den Winterkursen früher konnte frei gewählt werden. Auch die Zusammenarbeit der Schulen hat sich sehr positiv entwickelt. So haben wir in der Region heute das grösste Angebot an Wahlfächern schweizweit. Die Betriebsleiterschule wird gemeinsam ausgeschrieben und koordiniert. Eine gewisse Konkurrenz gibt es allenfalls, wer welchen Lehrgang anbietet.
Bei den Bildungsinhalten der landwirtschaftlichen BBZ gibt es ein Spannungsfeld, das teilweise auch an den Schlussfeiern zum Ausdruck kommt: Wie hoch soll der Stellenwert der Nachhaltigkeit und Ökologie, wie hoch jener der Produktionsintensität sein …
Dieses Spannungsfeld ist in der Tat da, und der Umgang damit für Bildungsinstitute recht schwierig. Das zeigen auch die Breite der Landwirtschaft und die unterschiedlichen Auffassungen der Bauern, die treffen in der Schule aufeinander. Wir wollen eine produktive, vielfältige, unternehmerische, aber auch nachhaltige Landwirtschaft. Für mich ist klar: Weniger produzieren nein, anders produzieren ja. Mit weniger Immissionen und ressourceneffizienter. Die Landwirtschaft hat sich immer den Erfordernissen angepasst. Immer mehr Leute brauchen auch mehr Lebensmittel.
Wie muss sich somit das Bildungswesen entwickeln?
Das ist bereits mitten in einer grossen Reform und es zeichnet sich nun ja die Lösung 3+1 ab, das heisst dreijährige Lehre und viertes Jahr mit zusätzlichem Schwerpunkt. Wichtig ist, ein Gleichgewicht zwischen Spezialisierung und breiter Ausbildung zu finden. Nach langer Diskussion wird nun angestrebt, die Spezialisierung etwas zurückzunehmen, die Lernenden können neben den Spezialrichtungen auch aus anderen Bereichen auswählen.
Zum Schluss: Wie beurteilen Sie die Zukunft der Luzerner Landwirtschaft?
Die Landwirtschaft hat zu produzieren, was die Konsumenten kaufen wollen. Es kann nicht sein, dass diesen vorgeschrieben wird, was sie zu essen haben. Deshalb bin ich nicht so skeptisch, auch nicht zur Tierhaltung, selbst wenn der Fleischkonsum vielleicht künftig etwas sinkt. Die Professionalität liegt bei uns. Wichtig sind bei Veränderungen, dass wertschöpfungsintensive Alternativen möglich sind, wie Spezialkulturen. Auch die neue Technisierungswelle mit Digitalisierung, Robotik und neuen Zuchttechniken wird uns neue Chancen eröffnen und zur Resilienz und zu weniger Hilfsmitteleinsatz beitragen. Ich habe keine Angst um die unternehmerischen und innovativen Luzerner Bauern, und der Stellenwert der Lebensmittelproduktion wird wieder grösser.
Zur Person
Der Agronom ETH aus Hohenrain trat 1986 als Lehrer und Berater in die Staatsdienste ein. 1995 übernahm er die Direktion des damaligen Bildungs- und Beratungszentrums Hohenrain. Seit 2008 leitet er die inzwischen unter dem Dach BBZN Natur und Ernährung zusammengefassten drei Standorte in Sursee, Schüpfheim und Hohenrain.

