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Reportage Finnland: Während 365 Tagen auf der Weide

Im hohen Norden geht die Wintersonne bereits nach wenigen Stunden unter. Wenn die Tage wieder länger werden, wird das ausgiebig genutzt.

Wenn die Sonne bereits am Nachmittag den Horizont küsst und die Nächte fast 19 Stunden lang dauern, dann ist in Finnland der Winter eingekehrt. «Die Sonne geht in Urjala zu dieser Jahreszeit bereits um 15 Uhr unter», erzählt Johanna Jahkola. Sie führt einen der ältesten Hereford-Rinderzuchtbetriebe im Westen Finnlands. Die für Mitteleuropäer eher ungewöhnlichen Tages- und Nachtzeiten sind für Johanna Jahkola und den Rest der Finnen selbstverständlich. Für den Pflanzenbau stellen die langen Winter und die kurzen Sommer dennoch eine grosse Herausforderung dar.

Kurze, intensive Sommer

Ein Grossteil des Jahres ist Finnland von Schnee und Eis bedeckt. Im Süden liegt häufig ab Anfang Dezember bis in den
April der Schnee. Einem sehr kurzen Frühling folgt ein kurzer Sommer – viel Zeit zwischen Aussaat und Ernte bleibt daher nicht. Doch die Sommer sind sehr lichtintensiv. Mit der Sommersonnenwende Ende Juni verwandelt sich die Nacht zum Tage. Im Norden Finnlands geht die Sonne gar nicht mehr unter, Mittel- und Südfinnland tauchen in der Nacht in ein permanentes Dämmerlicht. Während dreier Monate blüht und spriesst es dann in Rekordzeit.

Seit 100 Jahren im Besitz

In einem durchschnittlichen Sommer kann deshalb auf Finnlands Ackerflächen mehr Getreide produziert werden, als Mensch und Tier benötigen. Das Futter für die Nutzviehhaltung muss kaum importiert werden.

Unfruchtbare Böden

Die Finnische Landschaft wurde entscheidend durch die Gletscher im Eiszeitalter geprägt. Bis vor rund 10 00 Jahren bedeckten sie das gesamte Land, trugen Gesteine ab und schufen bei ihrem Rückzug weitläufige Moränenlandschaften, in deren Gletschermulden sich das Schmelzwasser zu zahlreichen Seen sammelte. Fichten-, Kiefern- und Birkenwälder bedecken fast 80 Prozent des Landes. Die wenigen Flächen, die bleiben, sind durch die glazialen Ablagerungen und die torfigen Moorböden unfruchtbar. Mit zusätzlich verstärkter Kalkdüngung und den fruchtbaren Lehmböden der Küstenregionen West- und Südfinnlands gelingt es den Finnen dennoch, Obst, Gemüse und Getreide anzubauen, und einen erstaunlich hohen Selbstversorgungsgrad mit Lebensmitteln von über
80 Prozent zu erreichen.

Auch Johanna Jahkola baut ihr eigenes Futtergetreide an – Kraftfutter steht aus Prinzip nicht auf dem Speiseplan der Rinder. «Meine Tiere sind ab Mitte Mai bis Anfang November permanent auf der Weide. Nur im Winter wird zusätzlich Heu verfüttert», erzählt die Mutterkuhhalterin. Die Weideflächen auf Johanna Jahkolas Betrieb sind sehr artenreich. Bis zu fünfzehn verschiedene Grassorten wachsen auf ihren Feldern. Auf Bodenbearbeitung mit dem Pflug verzichtet sie, nur die Kurzscheibenegge kommt zum Einsatz. Denn seit 25 Jahren wird Jahkolas Betrieb biologisch betrieben, seit 42 Jahren sind Pflanzenschutzmittel ein Tabu. «Deshalb kommt der Boden auch mit den verschiedenen Witterungsbedingungen so gut klar», sagt sie. Doch die trockenen Bedingungen der letzten zwei Jahre waren auch für Jahkola schwierig, blickt sie zurück.

136 Tiere auf 130 Hektaren

Johanna Jahkola schreitet durch das morgenfeuchte Gras eine Anhöhe hinauf. Sie ist leger gekleidet, trägt Jeans, Ankle Boots und Cowboy-Hut, wie man es von einer amerikanischen Viehhalterin gewöhnt wäre. Ihre zwei kleinen Yorkshire-Terrier-Hunde weichen ihr nicht von der Seite. Jahkola deutet in die Ferne, dorthin, wo ihre Hereford-Herde grast. «Ein Teil des Landes hier ist Naturschutzgebiet. Die Fichten- und Kiefernbäume bewirtschaftet mein Bruder. Das sind insgesamt 80 Hektaren Waldfläche», erzählt sie.

Zum Betrieb gehören insgesamt 130 Hektaren Land. Auf
15 Hektaren grasen Jahkolas 30 Mutterkühe, 29 Kälber, 76 Rinder und ein Stier. 35 Hektaren werden für die Heuproduktion beansprucht.

Seit 100 Jahren im Besitz

Jahkolas Rindviehbetrieb ist bereits seit über einem Jahrhundert im Besitz der Familie. Das 1830 errichtete Wohnhaus mit seiner typisch finnischen Gelbvertäfelung steht heute noch. Hier wohnt Johanna Jahkola mit ihrem Mann. Am anderen Ende der Auffahrt befindet sich das Elternhaus. Das mit Efeu überwucherte Haus aus Stein wurde 1930 errichtet. Ihr Vater Baavo Jahkola lebt heute noch dort und hilft auf der Farm aus, wo immer es geht. Er übergab den Betrieb vor 14 Jahren an seine Tochter.

Spannende Zahlen

  • 5,5 Mio Menschen leben auf einer achtmal grösseren Fläche als die Schweiz.
  • 2,3 Mio Hektaren können landwirtschaftlich genutzt werden.
  • 6,5% der Landesfläche sind Agrarflächen (25% sind es in der Schweiz).
  • 45 dt/Are betrug der Ertrag bei Weizen 2019.
  • 4% der Bevölkerung sind in der Landwirtschaft beschäftigt.
  • 50 00 Bauernbetriebe gibt es noch.
  • 6300 Betriebe produzieren Milch und besitzen
  • 271 00 Milchkühe.
  • 8650 Liter Milch gibt eine Kuh pro Jahr.
  • 37 Rappen erhalten die Milchproduzenten pro Liter Milch.
  • 53 Jahre ist das Durchschnittsalter eines
    Betriebsleiters

Täglicher Weidewechsel

«Bald wird das Vieh wieder die Weide wechseln», sagt Johanna Jahkola, den Blick auf ihr Land gerichtet. Man merkt, die 41-Jährige brennt für die Rindviehzucht. Nachdem sie einige Jahre in Kanada gelebt hat, kam sie mit einem Sack voller neuer Ideen zurück. Darunter auch die Idee des «Mob-Grazing». Mit dieser Methode lässt die Züchterin ihr Rindvieh jeweils nur einen Tag auf ein und derselben Weidefläche grasen. Insgesamt gibt es
40 Weideflächen, die elektrisch eingezäunt sind. Bis das Vieh sich wieder auf der ersten Koppel befindet, dauert es zwischen 30 und 40 Tagen.

Mob-Grazing zur Schonung der Weide

Johanna Jahkola ist vom Mob-Grazing begeistert, weil es einige Vorteile mit sich bringt: «Mit dieser Methode haben die Pflanzen Zeit, sich zu regenerieren. Der Boden wird geschont und und seine mikrobielle Aktivität gefördert.» Doch viele glauben, diese Methode nehme zu viel Zeit in Anspruch, was Jahkola nicht versteht. «Für mich gehört das Viehtreiben einfach zu den schönsten Momenten auf der Farm.»

1000 Euro für ein Kalb

Als Züchterin lebt Johanna Jahkola von ihren Kälbern. Damit sie ein hochwertiges Produkt erzielt, kauft die sie die Genetik im Norden von den USA oder in Australien ein. «Wir führen häufig selbst die Besamung durch. Im Notfall nehmen wir unseren eigenen Bullen», erzählt die Hereford-Züchterin. In den Abkalbeboxen hat Jahkola Kameras installiert, damit sie das Abkalben und die Kälber stets im Auge behält. Die Kälber gehen dann mit den Müttern auf die Weide bis sie ein Lebendgewicht von 350 kg erreicht haben. Dann werden sie von der Mutter getrennt, genomisch untersucht und für etwa 1000 Euro bzw. 1090 Franken verkauft. Wenn Johannas Mutterkühe nicht mehr trächtig werden und ein Lebendgewicht von 500 bis 600 kg erreicht haben, dann verlassen auch sie die Farm und werden in den nahegelegenen Schlachtbetrieb gebracht.

Das Land wird wieder dunkel

Neben ihrem Betrieb ist Johanna Jahkola noch mit dem Halten von Kursen über die Viehhaltung und die Zucht beschäftigt. «Ich verreise viel ins Ausland dafür. Aber auch, um selbst von anderen Betrieben zu lernen», erzählt die Rastlose. Doch wenn in Urjala der erste Schnee fällt, kehrt auch bei Johanna Jahkola etwas Ruhe ein. Dann wird das Vieh eingetrieben, der Stall mit Stroh ausgelegt und für die nächtliche Winterruhe vorbereitet. Nur noch tagsüber sieht man Jahkolas Vieh auf der verschneiten Weide. Die Tage in Urjala und ganz Finnland werden nun wieder kürzer und die Nächte länger. «In Urjala bekommen wir noch fünf Stunden Licht. In Lappland sind es nur noch zwei Stunden am Tag», erzählt sie. Noch weiter nördlicher wird die Landschaft während 51 Tagen gänzlich von der Dunkelheit verschlungen.

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