Pro: Dank ausländischer Genetik haben wir jetzt Weltniveau

Zucht ohne ausländische Genetik – unmöglich. Diese Tatsache beschränkt sich nicht nur auf die Viehzucht, sondern auch in der Pferde- oder Schweinezucht hätte man es ohne ausländisches Blut nicht so weit gebracht.
Hätte man vor Jahren nicht auf ausländische Stiere gesetzt, gäbe es heute auch keinen Pickel, Odyssey, Kilian, Biver, Blooming, Power oder Pinch. Wie waren seinerzeit die Freiberger-Pferdezüchter froh, als sie die einzige Schweizer Pferderasse mit den Hengsten aus Frankreich und Schweden kreuzen konnten. Daraus entstand die erfolgreiche N- und L-Linie, welche bis heute über die Hengste Népal und Legato die Freibergerzucht prägt. Auch bei den Schweinen hätten wir ohne Duroc- und Hampshire-Blut keine so guten Mastleistungen erreicht. Nein, ausländisches Blut war weitaus mehr als nur ein Segen.
Schweizer Genetik im Abseits
Vor allem in der Rindviehzucht gab es ja einen Grund, warum man Ende der 60-er Jahre Stierensamen aus Übersee importieren wollte. Man war mit den einheimischen Rassen nicht mehr zufrieden: Die Simmentaler-, das Braunvieh- oder das Freiburger Schwarzfleckvieh waren dem Tode geweiht. Sie gaben zu wenig Milch, waren schlecht zu Melken und sie waren exterieurmässig nicht die Schönsten. Schnell hatte man bemerkt, dass die Amerikaner viel besser waren und wir mit unserer Genetik nur im Abseits standen.
Trotz den Widerständen aus den Verbänden war der Druck der Bauern zu gross, um diese Genetik nicht einführen zu wollen. Der Run war da und mit der künstlichen Besamung nahm er noch zu. Mit dem Einzug der Melkmaschine, brauchte man Kühe, die sich melken liessen, die alten Rassen taten es damals nicht.
Einheimische Rassen haben profitiert
Präzis wie eine Schweizeruhr verfolgte man sein Ziel. Paarte die Tiere mit den besten Stieren an und erreichte schon bald Weltniveau. Davon profitierten auch die einheimischen Rinderrassen: Die Simmentaler wie auch das Original Braunvieh mussten endlich besser werden, damit sie nicht endgültig von der Bildfläche verschwanden. Diese Chance haben sie gepackt – heute haben sie sich etabliert. Hätten diese Hartnäckigkeit auch die Freiburger gehabt, gäbe es sie noch, die schwarz-weisse Freiburger Kuh.
Noch heute geht es nicht ohne ausländische Genetik: Beim Brown Swiss, bei den Red Holstein, bei den Holstein oder bei den Jerseys – alle Spitzenstiere haben einen ausländischen Vater, die «reinen» Schweizerstiere hinken immer noch hinterher. Beim Swiss Fleckvieh wird sich zeigen, ob sich die Rasse etablieren kann oder nicht. Auf jeden Fall hat auch ihr letzter noch möglicher «Nicht SF-Stier» einen ausländischen Vater. Wir sagen zwar immer, wir seien die beste Viehzuchtdestination, aber ohne tatkräftige Unterstützung aus dem Ausland hätten wir es nie so weit gebracht.
Contra: Einheimisches wurde zum Verschwinden gebracht

Einer der allergrössten Fehler, den die Schweizer Tierzucht je begangen hat, war das Opfern der Freiburger Kuh. Die schwarz-weiss gefleckte Rasse mit muskulösem Körper und einem gesunden trichterförmigen Euter wäre heute Gold wert. Stattdessen streckten die Viehzüchter ihre Hälse über den grossen Teich und holten Genetik ins Land, die den hiesigen Gegebenheiten überhaupt nicht angepasst war. Das tun sie übrigens heute noch. Über eine der zahlreichen negativen Folgen, welche das mit sich bringt, hat Kollege Peter Fankhhauser in seinemArtikel «Grosse Kühe werden zum Problem» ausführlich berichtet.
Das Problem wäre nicht einmal das gezielte Einkreuzen. Vielmehr ist es der anscheinend unüberlegte und breit abgestützte Einsatz, der hiesige Rassen teils ganz verschwinden liess. Langjährige Züchterarbeit wird oder wurde zunichte gemacht. Das macht, will man der Sache Gegensteuer geben, einen Wiederaufbau nötig – wenn das überhaupt noch möglich ist.
Ungesunde Zuchtziele, kurzlebige Kühe
Auf den Viehschauplätzen eifern die Simmentalerzüchter, auf der Suche nach dem feingliedrigen Typ, ihren Züchterkollegen nach, die Übersee-Genetik einsetzen, statt sich ihrer Wurzeln zu besinnen. Derweil kämpfen die Swiss-Fleckvieh-Züchter darum, eine Zweinutzungskuh zu etablieren. Auch sie verfolgen mit dem Wunsch nach breiten und hohen Eutern die gleichen ungesunden Zuchtziele, wie es ihre Züchterkollegen der Hochleistungsrassen auch tun. Und mit diesem Euter überlebt diese Schweizer Kuh im Durchschnitt drei Laktationen – im Grunde ein Armutszeugnis und ein unwirtschaftliches noch dazu.
Die Züchter der einzigen Schweizer Pferderasse, der Freiberger, öffneten jüngst an ihrer Delegiertenversammlung das Herdebuch. Das notabene, nachdem die noch lebende Legende Népal, in dessen Adern 50 % Fremdblut fliesst, mehreren Linien quasi das Genick brach. Ein wiederholtes Einkreuzen wird sicherlich auch Vorteile bringen, aber es wird der D- und R-Linie den Todesstoss geben. Damit verliert die Schweiz Genetik, die hier heimisch ist.
Nicht Verdrängen
Das beste Beispiel, wie sinnvoll ein sorgsamer Umgang mit Schweizer Genetik sein kann, liefert aktuell die Schweinezucht. Mit aller Kraft wird versucht, die Schweizer Genetik zu schützen. Denn, was wollen wir mit Schweinen, die nicht mehr wissen, wie sie Ferkel zu betreuen haben, weil sie über Generationen hinweg im Kastenstand gehalten wurden? Zur Nachzucht zu schauen, ist in diesem System nicht nötig und auch gar nicht möglich. Rassen importieren und damit eine Vielfalt fördern ist angemessen, Verdrängungskreuzungen unter dem Deckmantel der Veredelung ist aber kurzsichtig. Vergessen wir nicht, was ausgestorben ist, bleibt es auch.

