Obst-Sommertagung: Die Zukunft beginnt auf dem eigenen Betrieb

Unter dem Titel «Was ist im Jahr 2046?» richtete sich der Blick an der Sommertagung weit nach vorne. So waren Betriebsübergabe, Versicherungen und Vorsorge wichtige Themen.

Wie lässt sich ein Landwirtschaftsbetrieb für die Zukunft absichern? Dieser Frage widmete sich die Obst-Sommertagung 2026, organisiert vom Zürcher Obstverband und der Fachstelle Obst des Strickhofs, auf dem Betrieb der Familie Gujer in Rümlang ZH. Auf rund 3,5 Hektaren produziert die Familie Obst, Beeren und seit 2021 auch Gemüse.

Rund 20 Mitarbeitende sind auf dem Feld, auf dem Hof und im Markt tätig. Dazu kommen regionale Produkte befreundeter Produzenten sowie ein kleines Sortiment an Importprodukten. Für Betriebsleiter Michael Gujer ist die Frage nach der Zukunft nicht nur eine theoretische. Gemeinsam mit seiner Frau und den beiden Kindern im Alter von 12 und 14 Jahren trägt er Verantwortung für Familie und Betrieb.

Auch sein über 70-jähriger Vater arbeitet noch mit. Fragen zur Absicherung, zur späteren Betriebsübergabe und zum Nachlass stellen sich deshalb ganz automatisch – auch wenn eine konkrete Übergabe noch weit entfernt ist.

Betriebsleiter Michael Guja und Pascal Matthias Mettler von Alpensio heissen die Besucher der Obsttagung herzlich willkommen. (Bild: Julia Frömer)

Genau mit diesen Fragen hat sich Gujer gemeinsam mit seinem Berater Pascal Matthias Mettler von Alpensio auseinandergesetzt. «Ich gebe jeden Tag mein Bestes. Und für die Zukunft wird sich schon irgendeine Regelung finden», beschreibt Gujer seine frühere Haltung. Heute habe er dank der getroffenen Regelungen ein deutlich besseres Gefühl. «Jetzt ist vieles geklärt und ich kann mich auf das konzentrieren, was heute ansteht.»

Der Blick ist nach vorn gerichtet

Unter dem Titel «Was ist im Jahr 2046?» richtete sich der Blick an der Sommertagung weit nach vorne. Wie könnte der Betrieb in 10, 20 oder 30 Jahren aussehen? Wer wird ihn dereinst weiterführen? Und was passiert, wenn das Leben vorher einen anderen Plan hat?

Pascal Matthias Mettler hat sich im Mai mit Alpensio selbstständig gemacht und berät unter anderem in den Bereichen Vermögens- und Personenversicherung, Pensionsplanung, Steuern, Immobilien und Erbrecht. Sein Ansatz: Auch unangenehme Fragen sollen offen, ehrlich und transparent angesprochen werden.

«Was nicht drängt, wird verschoben», sagte Mettler in seinem Referat. Gerade in der Landwirtschaft könne das weitreichende Folgen haben. Der Strukturwandel beschäftigt die Branche, die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe ist rückläufig. Gleichzeitig stammt heute durchschnittlich rund ein Drittel des Gesamteinkommens einer landwirtschaftlichen Familie aus einer ausserlandwirtschaftlichen Tätigkeit.

Der Hof als Vorsorge

Ein Schwerpunkt lag auf der Betriebsübergabe und dem bäuerlichen Bodenrecht. Bei einer Vererbung spielen unter anderem Gewerbe, Ertragswert, Selbstbewirtschaftung und Gewinnanspruch eine wichtige Rolle. Besonders die Vorstellung, der Hof sei gleichzeitig die eigene Altersvorsorge, könne zu Konflikten führen.

Auch der Gewinnanspruch wurde thematisiert: Wer einen Hof unter dem Verkehrswert übernimmt, trägt während 25 Jahren eine latente Verpflichtung gegenüber den Miterben – fällig wird sie erst bei einem Verkauf oder einer Zweckentfremdung. Gleichzeitig bietet das seit 2023 geltende Erbrecht mehr Gestaltungsspielraum, als viele vermuten.

Was passiert im Ernstfall?

Besonders konkret wurde es bei den Szenarien Tod und Invalidität. Welche Leistungen erhält die Familie? Was geschieht mit dem Betrieb und den Direktzahlungen? Und welche finanziellen Lücken entstehen, bevor Versicherungs- oder Rentenleistungen greifen? Mettler rechnete das an einem anonymisierten Musterbetrieb durch. Er zeigte anhand eines Zeitstrahls auf, was nach einem Todesfall ineinandergreift: Güterrecht, Erbgang, KESB, Direktzahlungen und mögliche Ansprüche innerhalb der Familie.

Bei einer vollständigen Invalidität vergehen bis zur ersten Rentenzahlung 12 bis 18 Monate: Die IV setzt ein Wartejahr voraus, und die Rente wird frühestens sechs Monate nach der Anmeldung ausgerichtet. In dieser Zeit laufen Lebenshaltung, Schuldzinsen und der Ersatz der eigenen Arbeitskraft weiter – im Rechenbeispiel summierte sich das auf einen sechsstelligen Liquiditätsbedarf.

Eine Ausbildung ist entscheidend

Auch die Anforderungen bei den Direktzahlungen wurden angesprochen. Beschlossen ist: Ab dem 1. Januar 2027 muss der mitarbeitende Ehepartner versichert sein – mit einem Krankentaggeld von mindestens 100 Franken pro Tag und einer Risikovorsorge von mindestens 24 000 Franken Jahresrente oder 300 000 Franken Kapital. Befreit sind nur die Jahrgänge 1972 und älter; fehlt der Nachweis, drohen Kürzungen der Direktzahlungen.

Eine höhere Ausbildungsanforderung von mindestens einem EFZ ist dagegen erst eine Stossrichtung der Agrarpolitik 2030+ und noch nicht beschlossen. «Das Nadelöhr ist die Ausbildung», sagte Mettler mit Blick auf die schon heute geltenden Regeln: Fällt ein Betriebsleiter aus, hat eine Erbengemeinschaft drei Jahre Zeit – danach braucht es eine Bewirtschafterin oder einen Bewirtschafter mit landwirtschaftlicher Ausbildung.

Rechtlich vorsorgen

Eine umfassende Vorsorge besteht laut Mettler nicht aus einer einzelnen Versicherung. Rechtlich müssten insbesondere Ehevertrag, Testament oder Erbvertrag, Vorsorgeauftrag und die Regelungen zur Betriebsübergabe zusammenspielen. Auch Darlehensverträge seien entsprechend zu berücksichtigen. Bei der finanziellen Absicherung zeigte er verschiedene Bausteine auf: Krankentaggeld, Todesfall- und Erwerbsunfähigkeitsdeckung, eine korrekte Einkommensdeklaration mit passendem BVG-Plan sowie die Säule 3a.

Besonders eindringlich war Mettlers Hinweis auf die Einkommensdeklaration. Wer den steuerbaren Gewinn über Abschreibungen tief hält, spart Steuern und AHV-Beiträge, versichert in der zweiten Säule aber kaum noch etwas: Vom deklarierten Einkommen wird der Koordinationsabzug von 26 460 Franken abgezogen. Bei 35 000 Franken bleiben 8 540 Franken versicherter Lohn – hochgerechnet eine Invalidenrente von rund 300 Franken im Monat. Die Steueroptimierung von heute hat damit einen Preis, der auf keiner Rechnung erscheint.

Besser vorbereitet in die Zukunft

Für Michael Gujer hat sich die Auseinandersetzung mit diesen Fragen bereits gelohnt. Nicht, weil heute schon feststehen muss, wer den Betrieb später übernimmt. Sondern weil die Familie für verschiedene Szenarien besser abgesichert ist. «Ich gebe weiterhin jeden Tag mein Bestes. Und irgendwann wird sich auch für die nächste Generation eine gute Lösung finden», ist Gujer überzeugt. Bis dahin kann er sich mit einem besseren Gefühl auf den Betrieb, seine Familie und das konzentrieren, was heute zählt.

Pascal Matthias Mettler empfiehlt, die Vorsorge jährlich kurz zu überprüfen und spätestens alle fünf Jahre umfassend zu aktualisieren. Für die Familie Gujer ist damit ein wichtiger Schritt getan – die Zukunft darf trotzdem noch offenbleiben.

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