«Eine Rega für die Landwirtschaft»: Nothilfe soll gefährdete Höfe retten

Ein neues Projekt will Betriebe, die kurz vor der Auflösung stehen, frühzeitig erkennen und mit Fachleuten, Netzwerken und Finanzierungsmöglichkeiten unterstützen.

«Ein Betrieb kann sehr schnell verloren gehen. Was dabei verschwindet, ist mehr als nur landwirtschaftlicher Boden», sagt Kai Isemann, der im Zürcher Oberland einen Betrieb im Nebenerwerb mitbewirtschaftet. Was ihn in den letzten Jahren seiner Arbeit besonders beschäftigte, war die Statistik in Bezug auf das Höfesterben.

«Gefährdung beginnt oft unscheinbar»

«Im letzten Jahr haben sich 805 Betriebe in der Schweiz abgemeldet. Gleichzeitig wird der Ruf nach Verantwortung laut», erzählt Kai Isemann. Als Unternehmer richte er diesen Ruf jedoch nicht zuerst an die Politik, sondern an sich selbst: Wer im eigenen Wirtschaften einen Bruch erkenne, müsse Verantwortung übernehmen und sich an der Lösung beteiligen. 

«Die Gefährdung eines Betriebs beginnt oft unscheinbar. Eine Betriebsleitung fällt aus. Eine Erbgemeinschaft sucht eine rasche Lösung und will das Wohnhaus vom Betrieb abtrennen», sagt er. Mit diesem Schritt verliere der Betrieb jedoch seine funktionale Einheit. «Der Boden bleibt, aber seine landwirtschaftliche Funktion geht dadurch verloren», verdeutlicht Isemann.

Als Beispiel nennt er einen benachbarten Betrieb. Dieser liege seit über 20 Jahren brach. Die Gebäudestruktur solle nun abparzelliert und aus dem bäuerlichen Bodenrecht herausgelöst werden.

Wer profitiert von einer Betriebsauflösung?

«Ökonomisch gesehen ist dies eine der besten Gegenden, um so etwas zu machen. Die Gebäudestruktur ist danach vielleicht ein Vielfaches wert. Der Betrieb liegt oberhalb des Zürichsees. Ich verstehe deshalb durchaus, warum eine Erbengemeinschaft diesen Weg gehen will», erklärt Kai Isemann. Als gelernter Banker kenne er die Zahlen, Budgets und Interessen, die hinter solchen Entscheidungen stehen. Viele Jahre war er in der Finanzwelt tätig.

«Irgendwann bemerkte ich, dass ich Teil eines Problems bin. Ich habe dazu beigetragen, dass die ökonomische Energie von all denen abgesaugt wird, die für unsere Ernährung sorgen», erzählt er. Er kündigte, liess sich landwirtschaftlich ausbilden und machte sich selbstständig. Heute berät er landwirtschaftliche Betriebe, Vereine, Genossenschaften und Verbände, wenn diese vor grossen Fragen stehen und von einem «erweiterten Denkraum» profitieren können. Seit eineinhalb Jahren ist Isemann zudem bei der Agridea als Coach für agrarökologische Transformation tätig.

Kai Isemann hat das Projekt «Hof und Boden» ins Leben gerufen. (Bild: Privat)

«Landwirtschaftliche Strukturen, die eigentlich noch gesund sind oder wieder gesund werden könnten,dürfen nicht in die Dekadenz abgleiten oder verschwinden»

Kai Isemann hat dabei die Mechanismen kennengelernt, die bei einer Abparzellierung greifen: Wer einen gefährdeten Betrieb erhalten wolle, müsse innerhalb kurzer Fristen belegen können, dass daraus wieder ein lebensfähiger Landwirtschaftsbetrieb entstehen könne. «Diejenigen, die am ehesten ein Interesse daran haben könnten, dass daraus wieder ein Landwirtschaftsbetrieb wird, sind häufig einzelne benachbarte Landwirte. Aber wer hat die Zeit und die Mittel, innerhalb kurzer Frist ein Betriebskonzept zu entwickeln?», fragt Isemann.

Die kantonalen Landwirtschaftsämter entschieden zwar darüber, ob ein Betrieb als Betrieb gelte. Es liege jedoch nicht in ihrem Auftrag, gefährdete Strukturen aktiv wieder zu einem funktionalen Landwirtschaftsbetrieb zusammenzuführen.

Ein tragfähiges Netzwerk fehlt noch

Genau hier setzt Kai Isemanns Idee an: ein Rettungsdienst für Betriebe, eine Art «Rega für die Landwirtschaft», wie er es nennt. Bestehende Netzwerke, Datenbanken von Hofsuchenden, Stiftungen sowie Fachleute aus Landwirtschaft und Agrarökologie sollen zusammengebracht werden. «Bei der Agridea, beim Institut für Agrarökologie, dem FiBL und anderen Organisationen gibt es qualifizierte Menschen. Aber unter keinem Dach findet sich der Verantwortungsbereich, auch aktiv zu werden und die Zahl der Betriebsschliessungen zu minimieren», sagt Isemann.

Gemeinsam mit seiner Mitstreiterin Anne Derkx bereitet er deshalb die Gründung des Vereins «Hof und Boden» vor. Umgesetzt werden soll die Idee zunächst am Pilotbetrieb «Rüeggshuser Hof» in Bubikon ZH, der aktuell von einer Abparzellierung gefährdet ist.

Während Anne Derkx in der Geschäftsstelle tätig werden wird, sieht Kai Isemann seine Aufgabe vor allem in der Koordination. Der Vorstand sei nahezu komplett, die Statuten stünden und die Gründungsveranstaltung stehe kurz bevor. Eng zusammenarbeiten wolle man mit einem Kompetenznetzwerk aus Organisationen wie Agridea, BFH und HAFL.

Anne Derkx ist für die Geschäftsstelle des Vereins tätig. (Bild: Privat)

«Landwirtschaftlichen Boden zu retten, trägt zur Ernährungssicherheit bei»

«In dieser Nothilfestelle müsste dieses Netzwerk zusammengeführt und professionalisiert werden, damit es tatsächlich rundherum aktiv sein kann. Es reicht nicht, nur einen guten Sanitäter zu haben. Es braucht auch den Piloten, der die Maschine dorthin bringt, wo Hilfe benötigt wird», sagt Isemann und erklärt damit auch den Vergleich mit der Rega.

Potenzial zur Finanzierung

Doch wie soll ein solches Projekt finanziert werden? Kai Isemann sieht Potenzial bei Stiftungen und neuen Finanzierungsmodellen. «Diese ökonomische Energie sucht gute Projekte. Aber viele Projekte sind noch nicht professionell genug strukturiert, um investierbar zu sein», sagt er.

Gleichzeitig sucht er nach Wegen, Kapital stärker mit landwirtschaftlichen Projekten zu verbinden. «Schweizer Boden ist ein relativ sicherer Hafen», sagt der Projektgründer, der sich dabei als dessen Vertreter versteht: «Ich fühle mich dann wohl, wenn ich den Dreck unter den Fingernägeln habe. Wenn ich weiss, dass ich etwas Anständiges produziert habe – und der Boden morgen gesünder ist als heute.» Fast alle Landwirtinnen und Landwirte, mit denen er rede, dächten im Innersten genauso. «Sie sind nur unglaublich stark in bestehenden Strukturen gefesselt.»

Wie geht es konkret?

Betriebsleitende sollen mittels eines überschaubaren Fragebogens auf der Webseite von «Hof und Boden» eine Gefährdung des eigenen Betriebs melden können. Anschliessend soll rasch geklärt werden, wo der Betrieb im Prozess steht. «Ist es etwa eine Nachfolgelösung, für die noch zwei Jahre Zeit bleiben? Dann ist das eine ganz andere Situation, als wenn jemand sagt: ‹Wir haben gerade eine Ausschreibung gesehen, und in drei Wochen läuft die Frist für eine Abparzellierung ab›», erklärt Isemann.

Der Rüeggshuser Hof in Bubikon ZH steht exemplarisch für eine Gefährdung, wie sie in vielen Regionen auftreten kann. (Bild: Kai Isemann)

Die Einordnung und Weiterleitung in den richtigen Kanal sieht er als Hauptaufgabe der Geschäftsstelle. Im Idealfall soll ein durchgerechnetes Betriebskonzept entstehen, das von mehreren ausgewiesenen Fachleuten getragen wird. «Wir bringen ein Betriebskonzept auf den Tisch, hinter dem rund fünf Fachleute mit Namen und Renommee stehen», so der Initiator.

Für Anne Derkx steht dabei die Reduzierung der Betriebsschliessungen im Mittelpunkt. «Natürlich wird man nicht alle retten können. Es wird immer Fälle geben, in denen ein Betrieb nicht weitergeführt werden kann. Aber das sollten die wenigsten sein – auch aus Gründen der Ernährungssicherheit.»

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