Christian Glur, Swiss Beef Mittelland feiert das 50-jährige Bestehen. Zum Jubiläum ist der Rindfleischmarkt gesund, die Produzentenpreise sind auf sehr guter Höhe. Gibt es etwas, das ihre Festfreude dämpft?
Christian Glur: In der Tat haben wir zurzeit ausgezeichnete Verhältnisse, aber das kann sich sehr schnell ändern, vor allem wenn ich an die anstehenden Initiativen denke. Damit könnten sich die Rahmenbedingungen für uns Munimäster in kürzester Zeit massiv zum Negativen verändern, wir werden uns sicher aktiv gegen diese Volksbegehren einsetzen.
Von welcher Initiative fürchten Sie sich am meisten?
Die Trinkwasser-Initiative ist ganz schlimm. Auch von der Massentierhaltungs-Initiative sehe ich meine Tierhaltung und diejenige vieler Swiss-Beef-Kollegen bedroht.
Tatsache ist, dass die Zahl der gemästeten Munis stets sinkt, während Ochsen und Rinder ansteigen, das heisst, es werden immer mehr Tiere extensiv mit Weide gemästet.
Das ist korrekt. Ich habe gar nichts gegen extensive Produktion, ich sehe da keine grosse Konkurrenz, sondern eine sehr gute Ergänzung.
Die Kälber werden langsam rar, macht Ihnen das Sorgen?
Der Milchkuhbestand geht zurück, ich hoffe, diese Tendenz wird irgendwann wieder stoppen, dafür ist der Milchpreis verantwortlich, der ist viel zu tief, aber das können wir nicht ändern. Aber wenn ich Kälber einstallen will, erhalte ich diese. Das ist schlussendlich eine Preisfrage. Was geändert hat, ist die Qualität, wir erhalten sehr schöne fleischige Tiere. Schlussendlich wirds der Markt regeln. Wir haben 1500 Kälberhändler, die eine wichtige Aufgabe haben.
Mit dem höheren Preis habt Ihr also bessere Qualität erhalten?
Das ist korrekt. Wo man noch ein Auge draufwerfen muss, ist bei der Fettabdeckung, man hat in der Vergangenheit nur auf Fleischigkeit gezüchtet und ein wenig den Ausmastgrad vergessen. Es braucht beim Ausmastgrad eine 3, so dass Fleischigkeit und Fett übereinstimmen.
Die zusammengewürfelten Kälbergruppen werden bei Ihnen nach wie vor mehrheitlich mit Medizinalfutter eingestallt. Ist das für Sie ein Reputationsrisiko und falls ja, wie könnte man diesem begegnen?
Das ist nicht nur bei Swiss Beef so, sondern bei sämtlichen Fleischproduzenten, die Kälber einkaufen müssen. Wir machen das Maximum, damit wir möglichst wenig Antibiotika brauchen: Sehr gutes Einstallmanagement, sehr gute Kälberställe, Impfungen, Grundversorgung mit Eisen und Selen, Lausen, Zusammenarbeit mit dem Kälbergesundheitsdienst. Man hat ja Versuche ohne prophylaktische Medizinierung gemacht, also statt fünf Tage alle Tiere nur noch Einzel-tiere zu behandeln. Der Versuch hat ganz klar gezeigt, dass man im Endergebnis mehr Antibiotika braucht. Wir haben in der Landwirtschaft unsere Hausaufgaben gemacht, anders als die Humanmedizin.
Gibt es auch einen Rückgang bei den Verlusten?
Ich kann da nicht für alle reden. Die meisten Abgänge habe ich in den ersten drei Tagen, aber das hat abgenommen.
Swiss-Beef-Produzenten sind mit dem Label Swiss Quality Beef (SQB) stark vertreten im Gastrokanal, wie stark hat die Corona-Krise dieses Geschäft tangiert?
SQB läuft sehr gut, es ist ein Konkurrenzprodukt zu den billigen Importen. Beim ersten Lockdown ist der Munipreis in kürzester Zeit unter acht Franken gefallen, weil die Unsicherheit riesig war und sämtliche Gastrobetriebe schlossen. Mit dem zweiten Lockdown stellen wir fest, dass die Gastrobetriebe wieder sehr verunsichert sind, darüber sind wir besorgt.
Wie sieht es aus beim Privatkonsum?
Durch die Grenzschliessung nahm der Konsum im Inland stark zu, der Rindfleischkonsum hat zugenommen, was mich sehr freut. Die Leute haben wieder gelernt, Rindfleisch zu kochen, viele wussten vorher nicht mehr, wie man einen Braten zubereitet.
Das Tierwohl in der klassischen Munimast ist nicht auf Top-Niveau, braucht es hier Nachbesserungen oder fokussieren Sie auf die preissensiblen Konsumenten, die weniger stark auf Auslauf usw. achten?
Vor rund 10 Jahren wurde der reine Betonspaltenboden ver-boten, wir haben als Minimal-standard nun die Losba-Gummimatten, man hat zudem den Flächenbedarf vergrössert, ich sehe hier keinerlei Anpassungsbedarf. Denn das Problem ist, dass wir 70 Prozent Label produzieren und nur 30 Prozent effektiv als Labelfleisch verkaufen können. Wir müssen uns auch bewusst sein, dass sich die Tierschutzorganisationen nie zufrieden geben werden können, sie leben von Spendegeldern.
Wo sehen Sie Swiss Beef in 10 Jahren, gibt es eine weitere Tendenz Richtung RAUS/BTS?
Wir stehen auch in 10 Jahren für bestes Rindfleisch ein. Ich begrüsse die Label-Zunahme, finde es aber wichtig, dass weiterhin QM-Fleisch produziert wird, denn die Alternative dazu sind nur Importe.
Um was beneiden Sie Kollegen von Mutterkuh Schweiz?
Mutterkuh Schweiz trägt sehr viel bei zum guten Image des Schweizer Rindfleisches, daran habe ich sehr Freude, beneide das aber nicht. Ich betrachte uns nicht als Konkurrenten. Es braucht alle.
Swiss Beef in Zahlen
520 stimmberechtigte Aktivmitglieder zählt die Rindermäster-Organisation Swiss Beef «Vereinigung der Schweizer Qualitäts-Rindfleischproduzenten». Sie steht für eine qualitativ hochstehende, ökologische und rationelle Rindfleischproduktion auf möglichst betriebseigener Futtergrundlage.
260 Rindermäster zählt die grösste Swiss-Beef-Sektion Mittelland. Sie feiert 2020 ihr 50-Jahre-Jubiläum.
180 Rindermäster sind Mitglied der Swiss Beef Region Ost.
80 Rindermäster zählt die Sektion Romandie.
60 000 Mastplätze haben alle Mitglieder-Betriebe.
29 000 Mastplätze haben die Rindermäster der Sektion Swiss Beef Mittelland. Ost hat 23 000 und Romandie 7800 Mastplätze.

