Andreas Widmer, wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was sollte sich in der Landwirtschaft(spolitik) sofort ändern?
Andreas Widmer: Den Landwirten müssen endlich wieder mehr Freiraum und Entwicklungsmöglichkeiten gewährt werden. Alles redet immer von weniger Administration und weniger Regulierungen, verlangt nach Innovationen und Marktanpassungen. In der Praxis geht es aber meist in die andere Richtung, die Regulierungsschraube wird zugedreht und Neues be- und verhindert.
Sie sind seit bald zehn Jahren Geschäftsführer des SGBV. Was nehmen Sie aus dieser Zeit mit?
Es war eine sehr spannende Zeit mit ganz unterschiedlichen Herausforderungen. Ziel war, zusammen mit den Mitarbeitenden beim SGBV den Bäuerinnen und Bauern einen möglichst grossen Nutzen zu bringen. In diesem Sinn wird mir die Zusammenarbeit mit den Bäuerinnen und Bauern immer in guter Erinnerung bleiben. [REL 1]
Welche Bilanz ziehen Sie?
Vieles hat gepasst und ist gelungen, anderes wiederum würde man, im Nachhinein gesehen, auf eine andere Art und Weise anpacken. Bilanz über meine Arbeit können am besten die Bäuerinnen und Bauern im Kanton St. Gallen ziehen. Ich hoffe, dass dabei in der Bilanz unter dem Strich ein Plus stehen bleibt.
Was würden Sie als Ihren grössten Erfolg bezeichnen?
Rückwirkend gesehen gibt es einige positive Punkte. Der SGBV ist gut organisiert, die Zusammenarbeit zwischen Organen und der Geschäftsstelle funktioniert sehr gut. Der Verband steht auch finanziell auf einem gesunden Fundament. Die Dienstleistungen gegenüber der Landwirtschaft konnten ausgebaut werden bzw. Projekte dazu sind in der Umsetzung. Ich denke auch, dass die Basis den guten Zugang zum Verband geschätzt hat und dies auch weiterhin tun wird. [REL 2]
Welches war der grösste Misserfolg?
Da gab es verschiedene Enttäuschungen. Speziell als Misserfolg möchte ich sicher die Zusammenarbeit mit einem Teil der Behörden bezeichnen. Es ist mir nicht gelungen, das Miteinander von Bauernverbänden und verschiedenen in der Landwirtschaft involvierten kantonalen Ämtern zu verbessern. Dies, obwohl Verband wie Behörden mit den Bäuerinnen und Bauern die gleichen «Kunden» haben. Leider ist das nicht allen bewusst.
Wie haben sich die Landwirtschaft und das landwirtschaftliche Umfeld in den letzten Jahren verändert?
Die Landwirtschaft untersteht einer sehr grossen Dynamik. Die Forderungen nach einer nachhaltigeren Landwirtschaft sind grösser geworden. Dies ist richtig und die Bauern haben dies aufgenommen und richten sich nach dem Markt aus. Mehr Menschen zeigen Interesse an der Landwirtschaft und reden mit. Ob kompetent oder nicht – das ist eine Chance für die Landwirtschaft, näher an die Bevölkerung zu gelangen.
Gibt es eine «Baustelle», die Ihnen in besonderer Erinnerung bleibt?
Ja, das ist die Kommunikation. Die Landwirtschaft und die Verbände sind sehr stark mediengetrieben. Wir mussten und müssen meist aus einer Abwehrhaltung kommunizieren. Wir sind zu stark in der Defensive. Leider konnten wir dies auch beim SGBV nicht ändern.
Bedauern Sie etwas, dass Sie nicht «beheben» konnten?
Der Umgang mit den Umweltverbänden – dieses Thema bleibt eine Baustelle. Ich musste mir wohl zu oft anhören, dass unsere Bäuerinnen und Bauern latente Gesetzesbrecher seien, dass sie nur gegen die Umwelt arbeiten und täglich gegen Auflagen verstossen. Unter solchen Voraussetzungen war es leider sehr schwierig, gegenseitiges Verständnis aufzubauen und ein zielführendes Miteinander anzustreben.
Warum orientieren Sie sich wenige Jahre vor der Pensionierung noch einmal um?
Es war für mich bereits vor zehn Jahren klar, dass ich spätestens 2021 meinen Arbeitsalltag ändern werde. Zudem habe ich immer die Meinung vertreten, dass Führungspersonen mit 60 Platz machen sollen für neue Kräfte. Was man vertritt, soll man dann selber auch vorleben.
Ich werde bis im kommenden Frühjahr noch zu hundert Prozent beim SGBV arbeiten, anschliessend bis Ende Jahr noch ein kleines Teilzeitpensum ausüben. Ab 2023 geht es dann für die nächsten zehn Jahre in die berufliche Selbständigkeit.
War eine berufliche Alternative zur Landwirtschaft einmal ein Thema oder war immer klar, dass Sie in diesem Umfeld bleiben?
Ich bin aufgewachsen auf einem Bauernhof, habe die Ausbildung als Landwirt gemacht, war fast 30 Jahre in der Tierzucht tätig – da bleibt man wohl das Leben lang mit der Landwirtschaft eng verbunden. Nebst der beruflichen Tätigkeit habe ich 35 Jahre auf Gemeindeebene und im Kantonsrat Politik gemacht. Da ging es nicht nur um Landwirtschaft. Im Gegenteil, ich fühlte mich in fast allen Themen sehr wohl. Darum hätte ich mir auch die eine oder andere Tätigkeit in einem anderen Bereich vorstellen können.
Was geben Sie den St. Galler Bäuerinnen und Bauern mit auf den Weg?
Die Landwirtschaft ist das Wertvollste, was das Leben hergibt. Ich wünsche allen Bäuerinnen und Bauern die Freude und die Leidenschaft, im Einklang mit der Natur und den Tieren Nahrungsmittel zu produzieren. Ich erhoffe mir aber auch, dass jede Bäuerin und jeder Bauer und jede Bauernfamilien mindestens eine Woche Ferien pro Jahr macht. Dies einerseits um Abstand zu nehmen und sich zu erholen und andererseits um einen «Aussenblick» zu erleben. [REL 3]
Welchen Tipp haben Sie für Ihren Nachfolger?
Ich masse mir nicht an, meinem Nachfolger Tipps und Ratschläge zu erteilen. Mathias Rüesch wird das auf seinen Art und Weise sicherlich sehr gut machen. Und wenn die Bäuerinnen und Bauern ihm rasch das Vertrauen schenken, dann wird der bisherige Geschäftsführer sehr schnell vergessen sein.
Zur Person
Andreas Widmer (61) aus Mühlrüti ist gelernter Landwirt. Seit 2011 ist er Geschäftsführer des St. Galler Bauernverbands (SGBV), im März 2022 wird er diese Funktion an Mathias Rüesch weitergeben. Vor seinem Mandat beim SGBV war er Regionalleiter bei Swissgenetics in Bütschwil. Von 1999 bis im Juni 2021 war der «die Mitte»-Politiker zudem Mitglied des St. Galler Kantonsrates, ab 2016 präsidierte er die «Mitte»-Fraktion.

