Am Küchentisch zeigt Pirmin Bobst ein Bild davon, wie sein Steckzwiebelfeld im Sommer aussieht: Das Zwiebelgrün steht dicht an dicht wie ein Rasen in den Beeten. «Als ich bei den Behörden reklamiert habe, weil immer weniger Herbizide zugelassen sind, hiess es, ich könne ja hacken», erinnert sich der Landwirt stirnrunzelnd. «Muss ich noch mehr sagen?»
Nach wie vor viel Handarbeit
Pirmin Bobst ist einer von zwei Landwirten in der Schweiz, die Steckzwiebeln produzieren. Der Anbau ist das Resultat jahrelangen Tüftelns und Ausprobierens, von der Saatdichte über die Scharen und Erntemaschine bis zum Aussortieren. Zwar gibt es eine Maschine zum Ernten – sie gleicht einem Kartoffelvollernter, hat aber eine viel feinere Siebkette – nach wie vor ist die Produktion aber mit viel Handarbeit verbunden. «Je nach Jahr sammeln wir mit 20 Leuten auf den Knien die Zwiebeln auf dem Feld ein.»
Jetzt im Winter werden auf dem Bobsthof in Oensingen SO täglich Kiste um Kiste kleiner Zwiebeln von Erdbrocken und Steinen getrennt und nach Grösse sortiert. «Das minimale Kaliber für Steckzwiebeln beträgt 10 mm, das maximale 22 mm», sagt Pirmin Bobst und zeigt den Unterschied zu den unverkäuflichen, zu kleinen Zwiebelchen. Was geringfügig zu gross ist, kann er zu einem dreimal tieferen Preis als Saucenzwiebeln verkaufen. Der Produzentenpreis für Steckzwiebeln sei gut, die Kultur aber sehr heikel. «Ich habe dabei 25-mal mehr Pflanzen pro Fläche als bei Speisezwiebeln in Reihen», gibt der Landwirt zu bedenken. «Da muss man spritzen, bevor sie krank sind.»
Sobald eine Krankheit im «Zwiebelrasen» um sich greife, habe er praktisch schon verloren. Bobst vergleicht das mit einem Superspreading-Event, bei dem wenige Corona-Kranke in einem ausverkauften Fussballstadion eine Massen-Ansteckung verursachen. «Ab 15 mm Regen gehe ich ein Fungizid spritzen», sagt der Solothurner. Um seine Flächen wann immer nötig befahren zu können, arbeitet Pirmin Bobst mit festen, grasbewachsenen Fahrgassen.

Gründüngungen oft schwierig
Gallus Schafers Wiese fiel den Acker-BFF zum Opfer: «Es gibt keinen grösseren Blödsinn»
Gallus Schafer sah sich gezwungen, eine wertvolle Wiese zu zerstören. Verständnis für die Politik hat er keine. Das Bundesamt für Landwirtschaft zeigt sich unbeirrt. Langfristig sei das vermehrte Anlegen von Acker-BFF positiv für die Biodiversität.Die beiden Schweizer Steckzwiebeln-Produzenten können die Inlandnachfrage decken, wobei ein Teil ihrer Ware in Privatgärten landet. «Es gibt wenige Kulturen, bei denen wir den Kreislauf in der Schweiz so schliessen können», bemerkt Pirmin Bobst. Aus seinen Steckzwiebeln ziehen andere Landwirte Speisezwiebeln, einen Teil der Ernte lagern sie ein und bringen sie eine zweite Saison aufs Feld. Diese Samenzwiebeln blühen und liefern das Saatgut, das Bobst wiederum für die Produktion von Steckzwiebeln einsetzt. Dabei hält er – dank Landabtausch – eine Anbaupause von 10–15 Jahren ein.
Nach 40 Jahren hat die Familie Bobst den Steckzwiebelanbau perfektioniert und ist dafür eingerichtet. Doch die wachsenden Auflagen und die schrumpfende Wirkstoffpalette machen Pirmin Bobst zu schaffen. Um noch eine zufriedenstellende Wirkung zu erzielen, mischt er verschiedene Herbizide in tiefer Dosierung. «Das ist extrem teuer.»
In den dicht bewachsenen Beeten könne er sich genauso wenig wie Krankheiten irgendwelches Unkraut oder ein zu wenig feines Saatbett leisten. «Das nimmt man bei der Ernte alles mit nach Hause», schildert er. Der feine Zwiebelsamen müsse 1 cm tief im Boden liegen und von Erde bedeckt sein, was grössere Erdklumpen zum Problem macht. Am liebsten bereitet Bobst das Saatbett im Herbst vor, um dann im Frühling nur noch mit einem Striegel die Oberfläche zu öffnen und gleichzeitig die erste Keimwelle des Unkrauts zu brechen. «Dank der Kapillarwirkung funktioniert der Wasserhaushalt so sehr gut», erzählt er. Um Auflagen zu genügen, hat er es aber auch mit einer Gründüngung versucht, die er an einem frostigen Morgen untergeeggt hat. «Oft passt einfach keine Gründüngung mehr in die Fruchtfolge, und dann habe ich lieber nackten Boden, als etwas zu säen, das nicht mehr aufläuft.»
«Wir bauern nicht nach Datum»
In dieser Hinsicht sei der Bundesbeitrag für angemessene Bedeckung des Bodens im Gemüsebau ein «Witzprogramm». «Letztes Jahr hat es ab dem 15. Oktober nur noch geregnet, und ich weiss erst im Februar, wie viel Fläche ich mit Steck- oder Speisezwiebeln anbaue», fährt er fort. Dem Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) sei das egal. «Und wir bauern nun mal nach dem Wetter, nicht dem Datum.» Es gehe ihm gegen den Strich, wenn er ein Zeitfenster mit guten Bedingungen für die Saatbettbereitung ungenutzt verstreichen lassen müsse, um auf den gesetzlichen Stichtag zu warten – an dem es wahrscheinlich regnen wird. «Das ist reiner Bürokraten-Wahnsinn», kritisiert der Landwirt.
Ob seine Steckzwiebeln als systemrelevant gelten sollten, lässt Pirmin Bobst offen. «Ich weiss, dass man gut ohne leben kann – ich mag weder Zwiebeln noch Knoblauch und esse beides nicht.» Doch empfindet er es als ungerecht, dass es für Steckzwiebeln keine Beiträge gibt – im Gegensatz zu anderem Saat- und Pflanzgut, bei dem der Bundesrat die Ansätze obendrein deutlich erhöhen will. «Im Gelan gibt es Steckzwiebeln noch nicht mal als Kultur zum Auswählen.»
Nmin-Bodenproben bezeichnet Bobst hingegen als «gute Sache», damit lasse sich effektiv Dünger einsparen. Allerdings düngt er sowieso zurückhaltend: «Wir haben lieber kurzes Zwiebelgrün, das weniger lageranfällig ist.» Seine Strategie besteht darin, einmal rund die Hälfte des N-Bedarfs nach Nmin mineralisch zu düngen und den Rest später übers Blatt zu geben. Ausserdem setzt Bobst Kompost ein. «Das ist eine Wucht für Bodenstruktur, Humusaufbau und Krümeligkeit», findet er und sieht im Kompost keinen Dünger, sondern eine Medizin, denn die guten Bakterien würden krankmachende regelrecht wegputzen. «Der Stickstoff wird sowieso für den Abbau des Materials gebraucht. Ich verstehe nicht, warum man Kompost im Hoduflu erfassen muss.» Dank des Komposts seien seine schweren Böden luftig geworden und das Wasser versickere besser.
Weniger eng geht nicht
Für die Zwiebelgrösse entscheidend sei die Saatdichte. Er habe versucht, die Steckzwiebeln weiter auseinander zu säen und früher zu ernten, doch dann seien die Unterschiede zwischen den zu kleinen und zu grossen noch grösser. Das wäre demnach kein gangbarer Weg, um weniger abhängig von Pflanzenschutzmitteln zu sein.
Aufgrund des Wegfalls von Wirkstoffen macht sich Pirmin Bobst zunehmend Sorgen wegen Resistenzen. «Wir hatten früher Schweine und spritzten gegen die Fliegen ein Insektizid. Nach wenigen Generationen waren die resistent», erinnert er sich. Probleme z. B. mit Thripsen oder der Schilf-Glasflügelzikade, die sich nicht nur in Zuckerrüben, sondern auch Kartoffeln und Gemüse breitmacht, seien angesichts nicht mehr zugelassener Beizungen hausgemacht. «Man hat es kommen sehen», ist er überzeugt.

Bio und voll extensiveren?
Einmal sei es ihm zu viel geworden, sagt Pirmin Bobst. «Da habe ich durchrechnen lassen, wie es wäre, wenn ich auf Bio umstellen und maximal extensivieren würde.» Sein Fazit: «Eigentlich sind wir Idioten, dass wir überhaupt arbeiten.» Die Direktzahlungen wären in diesem Szenario hoch, es würde sich lohnen. «Wenn ich 60 wäre und keinen Nachfolger hätte, würde ich genau das tun – und ruhig am Fenster sitzen, wenn es regnet.» Das in die Tat umzusetzen, kann Bobst aber nicht mit seinem Gewissen vereinbaren. Zumal er eine Familie zu ernähren habe und seinem Sohn einen Betrieb übergeben will, «bei dem er sieht, dass man arbeiten muss fürs Geld». Das tut der Solothurner weiterhin, auch wenn er sich dabei von Behörden behindert und unverstanden fühlt.
Betriebsspiegel Bobsthof
LN 41 ha Kulturen 8 ha Winterweizen (Saatgetreide), 7 ha Zuckerrüben, 2 ha Konservenerbsen, 1 ha Knoblauch, 2,5 ha Speisezwiebeln (Direktvermarktung), 1,5 ha Sonnenblumen, BFF, Grünland (Pferdeheu) Weiteres Hofladen, gewerbliche Biogasanlage (zur Hälfte in Besitz der Axpo), Kompoststreuen im Lohn Arbeitskräfte Pirmin und Sarah Bobst, je ein Mitarbeiter für Betrieb und Biogasanlage, während der Saison drei Angestellte, Aushilfen

