Ich bin in der Nachkriegszeit aufgewachsen. Wenn uns meine Eltern erzählten, wie sie als Kinder beziehungsweise Jugendliche die Zeit des Zweiten Weltkrieges erlebt hatten, betrafen diese Erinnerungen gefühlsmässig eine ganz weit zurückliegende Zeit. Die 15 Jahre zwischen Kriegsende und meiner Geburt empfand ich als eine halbe Ewigkeit. Und doch: Wenn erzählt wurde, wie gross und wie konkret die Angst vor einem Einmarsch der Nazis war, dann war das nicht nur spannend, sondern liess auch mein Kinderherz nicht unberührt.
Die Grossmutter wollte nicht mit
Adolf Hitler hatte der Schweiz im Februar 1937 die Neutralität garantiert. Dieser Zusicherung trauten die Schweizerinnen und Schweizer mit zunehmender Dauer des Krieges immer weniger. Mit gutem Grund. Denn schon dem Überfall des Nachbarlandes Polen vom 1. September 1939 gingen Vorfälle voraus, die von der deutschen Seite fingiert wurden.
Könnte die Schweiz nicht das gleiche Schicksal erleiden? Die Angst, die Wehrmacht könnte doch noch in die Schweiz einmarschieren, nahm mit zunehmender Dauer des Krieges zu. Mitte Mai 1940 schien ein Angriff der Nazis definitiv bevorzustehen. Der Bundesrat befürchtete das Schlimmste, Brücken wurden zur Sprengung vorbereitet, die Menschen begannen in Richtung Zentralschweiz zu flüchten.
Auch mein Grossvater wollte für den äussersten Notfall das Nötigste packen und das Pferdefuhrwerk bereitstellen. Doch meine Grossmutter war schwer krank und wollte nicht mehr mitgehen. Ihre Aufforderung, sie alleine zurückzulassen, zerriss die Familie beinahe. Man entschied, im innerrhodischen Enggenhütten zu bleiben.
Bei dieser Geschichte fragte ich mich als Kind jedes Mal, was passiert wäre, wenn die Wehrmacht effektiv in die Schweiz einmarschiert wäre. Hätte die Schweizer Armee den Vormarsch aufhalten können? Hätte mein Grossvater das Fuhrwerk doch noch bereitgemacht und die Grossmutter allein zurückgelassen? Die Antworten kannte ich nicht, doch die Fragen blieben.
Ein Krieg, der Monate oder Jahre dauern wird
Als Wladimir Putin am 22.2.22 die ukrainischen Provinzen Luhansk und Donezk als eigenständige Staaten anerkannte und zwei Tage danach den Angriffskrieg gegen die Ukraine startete, erinnerte mich dies an den Beginn des Zweiten Weltkrieges. Die Erwartung (und Hoffnung) vieler Mitmenschen und Parlamentarierkollegen, dass der Krieg von kurzer Dauer sei und rasch eine Friedenslösung gefunden werde, teilte ich nicht. Ich prognostizierte einen Krieg, der Monate, vielleicht sogar Jahre dauert.
Mit meiner Prognose bekomme ich leider Recht. Wie Nazideutschland im letzten Weltkrieg, schreckt auch Russland in diesem Krieg vor nichts zurück. Dörfer und Städte werden sinnlos zerstört, unschuldige Zivilisten verletzt oder getötet, Millionen von Menschen in die Flucht getrieben, Nahrungsmittel zerstört oder dem Verderb preisgegeben. Was noch alles passieren wird, wissen wir nicht. Für die Welt und insbesondere für die betroffenen Menschen ist nur zu hoffen, dass der russische Aggressor das gleiche Schicksal erleidet wie alle totalitären Kriegstreiber zuvor.
Als gegen Ende des letzten Weltkrieges Friedrichshafen und andere Städte am deutschen Bodenseeufer durch die Alliierten bombardiert wurden, stieg mein Vater oft in die Höhe, um die Bombenabwürfe und die Detonationen zu beobachten. Der Krieg war für ihn damals nah und doch weit weg. Und wie ist es heute? Die von russischen Raketenangriffen betroffene westukrainische Stadt Liew liegt 1100 Kilometer von Appenzell weg. Das ist fern und heute doch so nah.
Zum Autor
Daniel Fässler ist Ständerat des Kantons Appenzell Innerrhoden und Präsident von Wald Schweiz. Er schreibt für die Rubrik «Arena» im Regionalteil Ostschweiz/Zürich der BauernZeitung.

