Fruchtfolge à la Provençale: Auf Lavendel folgt Einkorn

Der Lavendelanbau in der französischen Provence erfreut nicht nur das Auge; er ist auch ein wichtiger Wirtschaftszweig und verschafft der alten Getreidesorte Einkorn ein Comeback.

Am schönsten ist die französische Provence im Sommer; dann wenn der Lavendel blüht. Das Bergdorf Simiane-la-Rotonde, 23 Kilometer nordöstlich von Apt in der Region Luberon gelegen, wird als Kapitale des Lavendelanbaus bezeichnet. Um den Ort werden rund 70 Prozent des gesamten ätherischen Lavendelöls in Frankreich produziert. «Hier wächst der beste Lavendel Frankreichs», davon ist Nicolas Landel überzeugt. Er ist Farm Manager bei Young Living und betreut die französische Seite eines US-amerikanischen Unternehmens, das sich auf ätherische Öle spezialisiert hat.

In der Provence sind es fünfzig Landwirte, die auf rund 2500 ha Lavendel, im kleineren Rahmen auch andere Kräuter wie Ysop, Rosmarin oder Muskatellersalbei für Young Living anbauen. Die Betriebe liegen in einem Umkreis von 150 km zu Simiane-la-Rotonde. Einen Teil ihrer Höfe bewirtschaften die Landwirte weiterhin unabhängig, etwa mit Feldfrüchten oder Schafhaltung.

Gute Zusammenarbeit

Der Grossteil der Lavendelernte ist für Young Living bestimmt. Dazu sagt Nicolas Landel: «Die Bauern arbeiten gerne mit uns zusammen, sie stehen Schlange. Wir zahlen gut und richten uns nicht nach dem Markt.» Diese Popularität besteht noch nicht sehr lange. Alles begann vor knapp dreissig Jahren: Der amerikanische Farmer Gary Young besuchte die Provence und entdeckte seine Leidenschaft für den französischen Lavendel. Er hegte schon vorher eine grosse Passion für die Herstellung von ätherischen Ölen. In Frankreich traf er Jean-Noël Landel, den Vater von Nicolas, und es ent-wickelte sich eine tiefe Freundschaft: «Mein Vater hatte eine Destillerie und den Kontakt zu den Bauern. Die waren anfangs skeptisch, mit dem Amerikaner zusammenzuarbeiten», so Landel.

Die Zusammenarbeit entstand in den Jahren schlechter Erzeugerpeise, als Gary Young weiterhin einen guten Preis bot. «Er arbeitete nach dem Motto: gute Preise für gute Qualität», so Nicolas Landel. «Young war es wichtig, dass die Landwirte mit stabilen Preisen arbeiten konnten. Das legte den Grundstein für die noch immer gute Zusammenarbeit», betont er.

Heute ist die Kooperation ein Glücksgriff für die provenzalischen Landwirte. Young Living ist inzwischen ein weltweit führendes Unternehmen für ätherische Öle und mit ätherischen Ölen angereicherte Produkte geworden; es kooperiert mit landwirtschaftlichen Betrieben auf allen fünf Kontinenten und verkauft die Produkte in 100 Ländern. Die Zukunft sieht gut aus: «Es handelt sich um Premiumprodukte, für die noch grosses Potenzial besteht, vor allem in den USA und Asien», versichert Nicolas Landel.

Nicolas Landel betreut die französische Seite des US-Unternehmens Young Living. (Bild Petra Jacob)
Nicolas Landel betreut die französische Seite des US-Unternehmens Young Living. (Bild Petra Jacob)

Anbau mechanisiert

Philippe Gaillard ist einer der Landwirte, die mit Young Living zusammenarbeiten. Mit seinem Vater bewirtschaftet er den Hof «Les Maurelieres», ein paar Kilometer ausserhalb des Dörfchens Simiane-la-Rotonde. Zum Hof gehören rund 125 ha Fläche, davon sind im Moment 100 ha mit Lavendel bebaut. In den nächsten drei Jahren werden weitere 50 ha hinzukommen. Eine «ideale Gegend für den Lavendelanbau», beschreibt Philippe seine Heimat. Lavendel hat es gerne sonnig, mag es trocken und wächst auf Höhen zwischen 600 und 1400 m ü. M., am besten auf 1000 bis 1200 m. «Les Maurelieres» liegt auf 850 m und die Region Luberon ist seit jeher traditionelles Anbaugebiet. Auch bei den Gaillards ist der Lavendel seit mehreren Generationen im Programm. Früher bedeutete der Anbau von Lavendel noch viel Handarbeit, heute ist er mechanisiert.

Im biologischen Anbau, wie bei Philippe Gaillard, wird der Lavendel in Rotation mit Einkorn (siehe Kasten ganz unten) angebaut. Hierbei wächst zehn Jahre lang Lavendel auf dem Feld, nur mit Zusatz von organischem Dünger. Im ersten Jahr wirft er noch keinen Ertrag ab, erst ab dem zweiten Jahr 60 Prozent, ab dem dritten Jahr erreicht die Pflanze ihre volle Grösse. Nach dem 10. Jahr werden die Wurzelstöcke entfernt und es folgt für drei bis vier Jahre Einkorn, oder wie im Fall von Gaillard auch Muskatellersalbei oder Ysop.

Arbeit in Kooperativen

Mancher Landwirt treibt seine Schafe auf das Feld, um das Unkraut abfressen zu lassen. «Sie mögen den Geruch des Lavendels nicht, deshalb lassen sie ihn links liegen», so Nicolas Landel. Bei Philippe Gaillard hingegen wird das Unkraut mechanisch entfernt.

Bis vor vierzig Jahren stand bei Familie Gaillard auch noch eine eigene Destillerie für das Extrahieren von ätherischen Ölen auf dem Hof. «Inzwischen ist es effizienter, sich die Arbeit zu teilen», so Landel. Die Landwirte arbeiten in Kooperativen. Die einen brauchen Traktoren oder Maschinen, die anderen wie Gaillard geben ihre Ernte an die Destillerie ab. Für die Young Living-Kontraktlandwirte stehen drei Destillerien zur Auswahl. Eine davon befindet sich unweit von Simiane-la-Rotonde.

Diese Destillerie ist eine Kooperative; neben Young Living haben acht Landwirte hier Anteile, dazu gehören auch Philippe Gaillard und Benoît Cassan. Er ist Anfang 40 und baut bereits in vierter Generation Lavendel an. Zu seinem Hof gehören 200 ha Fläche, davon sind 170 ha für Young Living bestimmt, auf einem anderen Teil wächst Hybridlavendel (Lavandin) für die Industrie. Bereits im Alter von acht Jahren stand Cassan mit Vater und Grossvater auf dem Feld und schnitt von Hand Bouquets, erzählt er. Als Gary Young nach Frankreich kam und Landwirte suchte, die ihm zur Seite stehen würden, waren die Cassans von Anbeginn dabei. Benoît Cassan sagt, die Zusammenarbeit über die Jahre habe ihm viel gegeben. «Ich habe vor allem gelernt, meine Arbeit zu schätzen.» Sie mache ihn heute sehr zufrieden. «Wenn ich sehe, wie Menschen aus aller Welt sich dafür interessieren, was ich tue, gibt mir das Kraft und ermutigt mich, weiterzumachen.»

Zum Ernten des Lavendels setzen die provenzalischen Bauern ein spezielles Mähwerk ein, das neben dem Traktor herläuft. (Bild Petra Jacob)
Zum Ernten des Lavendels setzen die provenzalischen Bauern ein spezielles Mähwerk ein, das neben dem Traktor herläuft. (Bild Petra Jacob)

Lavendelernte maschinell

Vor den Corona-Beschränkung nahmen jedes Jahr während fünf Sommerwochen insgesamt 300 Menschen aus aller Welt an einem Programm teil, das unter dem Motto «Seed to Seal» («vom Samen bis zum Siegel») steht. Die Teilnehmenden lernen Landschaft und Landwirte kennen, besuchen eine Destillerie und eine Getreidemühle, bilden sich in Vorträgen weiter und helfen auf dem Feld. Dort lernen sie, wie in alten Zeiten mit einer speziellen Sichel die Bouquets zu schneiden, oder jäten Unkraut. «Biologisch angebauter Lavendel, so wie unserer, das sind nicht die perfekten Reihen, die überall auf den Postkarten zu sehen sind», erklärt Nicolas Landel. Ausserdem wird der Lavendel heute maschinell geerntet. Per Traktor mit speziellem Mähwerk, das nebenher läuft und auf einen sehr tiefen Kipper führt.

Anbau von Einkorn

Im Feld direkt neben dem Lavendel steht ein sehr kurz gewachsenes Getreide mit dicken Ähren. «Das ist Einkorn», erklärt Nicolas Landel. Petit épeautre, kleines Dinkelkorn, nennt es der Volksmund. Es war einst das wichtigste Getreide auf den kargen provenzalischen Böden. Traditionell folgt Einkorn dem Lavendel in der Fruchtfolge. Dank des biologischen Lavendelanbaus ist diese alte Getreidesorte nie ganz verschwunden. Dreissig der fünfzig für Young Living arbeitenden Landwirte hätten Einkorn im Programm, so Landel.

Zehn Jahre lang kann Lavendel auf dem gleichen Feld angebaut werden, danach werden die Wurzelstöcke entfernt und es folgt Einkorn. Es darf auch Weizen sein, doch der brauche hier viel Dünger, so Nicolas Landel. Einkorn dagegen nicht; es komme ohne Dünger oder Spritzmittel aus und tue dem Boden gut. So sei der Anbau oft auch eine Kostenfrage. Durch die lange Wachstumsphase – Einkorn wird im September ausgesät und erst im August des darauffolgenden Jahres geerntet – bildet das Getreide sehr lange Wurzeln. Somit ist es sehr widerstandsfähig und kann mit Trockenperioden und Wetterkapriolen, von der auch die Provence nicht verschont bleibt, gut umgehen.

Comeback des Einkorns

Die Zahl der Landwirte, die Einkorn wieder mit in die Fruchtfolge nehmen, steigt. So wurde in diesem Jahr in zwei neue Getreidesilos investiert. Das Fassungsvermögen pro Silo beträgt 10 000 t; das Ganze bedeutet eine Investition von 200 000 Euro. Die Silos stehen auf dem Hof von Jerome Reynard in Sault, nur fünfzehn Minuten von Simiane-la-Rotonde entfernt. Der Landwirt bearbeitet selbst 300 ha, davon sind 100 ha mit Lavendel, Einkorn und Muskatellersalbei für Young Living eingeplant, auf der restlichen Fläche wächst anderes Getreide. Reynard betreibt zwei Getreidemühlen, darunter eine aus Deutschland mit Steinmahlwerk, und verschiedene Anlagen zum Reinigen, Säubern, Sieben, Entspelzen und Sortieren des Einkorns. «Die Kleie, die beim Mahlen anfällt, verfüttern wir an die Schweine», erklärt Reynard beim Rundgang über den Hof. Die Hülsen – Abfallprodukt des Entspelzens – werden mit Lavendelblüten gemischt und in Kopfkissen gefüllt. Diese verkauft Young Living in alle Welt.

In einem Lagerhaus sind mit Einkorn gefüllte Säcke deponiert, jeder fasst eine Tonne. «Das Korn kann problemlos bis zu einem Jahr lagern», erklärt Qualitätsmanager Cyril Cornabe. Bei Lieferungen in weiter entfernte Gebiete transportiert ein LKW das Getreide zum zwei Stunden entfernten Hafen von Marseille. Inzwischen ist Einkorn als Mehl, Backmischung, Granola, ganzes Korn und zu Nudeln verarbeitet erhältlich.

Die traditionell verfügbaren Produkte Lavendel und Einkorn werden in der Region Luberon zu leckeren Spezialitäten verbunden. (Bild Petra Jacob)
Die traditionell verfügbaren Produkte Lavendel und Einkorn werden in der Region Luberon zu leckeren Spezialitäten verbunden. (Bild Petra Jacob)

Geniale Fruchtfolge

Die alte Getreidesorte Einkorn liegt im Trend. Es soll zum Beispiel für Menschen mit Glutenintoleranz besser verträglich sein. Die Nachfrage steigt; nicht nur im Ausland, auch in Frankreich erfährt das Einkorn ein Revival. Sogar die kleine Bäckerei «Barret» an der Hauptverkehrsstrasse von Simiane-la-Rotonde beeindruckt mit einer Vielfalt an Einkorn-Produkten. Nicolas Landel empfiehlt die «Boulangerie Au Pierrot d'Antan» in Rustrel, auf halben Weg zurück nach Apt. «Die beliefern wir», sagt er. Im Internet überschlagen sich die Lobeshymnen auf die Bäckerei, von «sensationell» bis «beste Bäckerei im Luberon.» Feinschmecker kommen von weit her.

Entlang der Strasse dorthin wächst das Einkorn, auf den abfallenden Hängen zum Ort hinauf gedeiht Lavendel. Da ist es wieder, das Traumpaar. «Einfach die geniale Fruchtfolge», versichert Nicolas Landel. «Auch deshalb sind die Landwirte in dieser Gegend so stolz, weil sie eine Tradition weiterführen können. Wir von Young Living unterstützen sie nur dabei, das Wissen war ja schon vorher da.»

Einkorn - eine alte Kulturpflanze und ihr Comeback

Einkorn (Triticum monococcum) gehört in Mitteleuropa zu den ältesten Ackerkulturen und wird seit mindestens 3000 v. Chr. angebaut. Während der Römerzeit war Einkorn weit verbreitet. Später wurde es dann fast vollständig durch Weichweizen und Hartweizen (Triticum aestivum und Triticum durum) verdrängt. Mit zirka 1000 Hektaren Anbaufläche in Europa (hauptsächlich in Österreich, Italien, Ungarn und Frankreich) besitzt es heute insgesamt jedoch nur eine geringe Bedeutung.

In der französischen Provence hat man den Anbauvon Einkorn nie ganz aufge-geben, traditionell folgt es dem Lavendel in der Frucht-folge. Seit etwa einem Jahrzehnt feiert Einkorn ein grosses Comeback. Man schätzt wieder seine Vorzüge. Einkorn ist widerstandsfähig, stellt keine grossen Ansprüche an den Boden und kommt mit Trockenperioden gut zurecht. Ausserdem enthält es sehr wenig Gluten und ist leicht verdaulich.

In der Haute-Provencehaben sich Landwirte zusammengeschlossen, um den Anbau von Einkorn zu fördern. Die einheimische Sorte «Haute-Provence-Einkorn» (im Französischen wird sie als Petit Épeautre bezeichnet) trägtseit April 2010 das EU-Siegel «Geschützte geografische Angabe» (GGA).

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