Die Klimastrategie Thurgau wird vom 17. Mai bis 31. August 2022 allen Interessierten in einer Vernehmlassung zur Diskussion gestellt. Konkrete Massnahmen werden im Aktionsplan Klima ab Herbst 2022 erarbeitet. Die Klimastrategie wurde in enger Zusammenarbeit mit dem Landwirtschaftsamt und der Abteilung Energie sowie unter Mitwirkung von weiteren betroffenen kantonalen Fachstellen ausgearbeitet. Die Klimastrategie umfasst Ziele und Handlungsfelder für alle relevanten Sektoren, in denen der Kanton Thurgau den Klimaschutz und die Anpassung an den Klimawandel vorantreiben will.
Herr Bleiker, es fällt auf, dass die Strategie wohl Handlungsfelder definiert, jedoch keine Massnahmen beschreibt oder wie diese umgesetzt werden sollen. Warum präsentiert der Kanton eine Klimastrategie ohne konkrete Massnahmen?
Ueli Bleiker: Das hat mit dem politischen Weg zu tun. Die vom Kanton erarbeitete Klimastrategie geht jetzt in die Vernehmlassung. Im August findet eine Konsolidierung der verschiedenen Stellungnahmen statt. Danach wird das Papier vom Regierungsrat verabschiedet. Erst wenn der Regierungsrat im Herbst 2022 die Strategie genehmigt hat, gibt es einen Auftrag an die Ämter, einen konkreten Aktionsplan Klima zu erarbeiten.
Auf nationaler Ebene gibt es die Klimastrategie des Bundes, die bereits verabschiedet wurde. Dabei gilt es sicherstellen, dass die kantonale Strategie diejenige des Bundes ergänzt. Die Aufgabe des Kantons Thurgau ist es im Minimum, die Bundeziele zu berücksichtigen und in Umsetzung zu bringen.
Trotzdem, die Thurgauer Landwirtschaft setzt bereits konkrete Massnahmen zum Klimaschutz um. Ein Beispiel ist der Massnahmenplan Ammoniak. Warum wird das nicht kommuniziert?
Da der Kanton Thurgau bereits einen Massnahmenplan Ammoniak hat, wird es in diesem Bereich keinen weiteren Massnahmenplan geben. Ich möchte betonen, dass die Klimastrategie des Kantons Thurgau als Gesamtheit zu betrachten ist. Die Landwirtschaft verursacht Emissionen, die für die Natur und das Ernährungssystem zu einem wesentlichen Teil unvermeidbar sind. Darum gibt es für die Landwirtschaft auch kein Netto-Null-Ziel, sondern die Vorgabe einer CO2-Reduktion gegenüber 1990 um 40 Prozent bis 2050. Schon das wird eine Herausforderung. Die Landwirtschaft ist ein Teil des Sektors Land- und Ernährungswirtschaft. Die Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten müssen Hand in Hand zwischen Konsum und Produktion erfolgen.
Die Reduktion von Tierzahlen steht also nicht zur Debatte?
Eine Reduktion der Tierbestände ergibt nur einen Sinn, wenn der Konsum an tierischen Produkten zurückgeht. Gleichzeitig müssen den Landwirtinnen und Landwirten attraktive Alternativen zur Tierhaltung zugänglich sein, die eine hohe Wertschöpfung ermöglichen.
Die Klimastrategie beschreibt ein Produktionsziel für die Thurgauer Land- und Ernährungswirtschaft und soll die unternehmerische Freiheit nicht einschränken. Wenn die tierischen Lebensmittel in gewohntem Umfang konsumiert werden und die Schweiz die Produkte nicht selber produziert, gibt es eine Verlagerung ins Ausland. So haben wir punkto Klima nichts gewonnen.
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Welche Rolle spielt die Swiss Future Farm in der langfristigen Klimastrategie des Kantons?
Auf allen Kantonsbetrieben – der Swiss Future Farm, dem Obst- und Versuchsbetrieb Güttingen, dem Gutsbetrieb Arenenberg und dem Weingut Arenenberg – werden die Themen Klima und Nachhaltigkeit in Form von Versuchen und Anbaumethoden angegangen und umgesetzt. Beispiele sind die effiziente Düngung (Smart-N), die Ressourcenprojekte Auqasan und Pflopf oder die Milchproduktion im neuen Stall am Arenenberg. Die Ergebnisse kommen direkt dem einzelnen Landwirten bzw. der einzelnen Landwirtin zu Gute. [REL 1]
Graubünden will bis 2050 eine klimaneutrale Landwirtschaft. Ist das im Kanton Thurgau ein Thema?
Per Definition ist eine klimaneutrale Landwirtschaft eine Landwirtschaft, welche unter Berücksichtigung aller Treibhausgase neutral ist. Dies erachte ich als sehr ambitioniertes Ziel. Werden lediglich die CO2-Emissionen berücksichtigt, ist ein solches Ziel jedoch durchaus erreichbar. Und zwar aus zwei Gründen:
1. Land- und Forstwirtschaft sind zurzeit die einzigen Branchen, die CO2 binden können.
2. Der Anteil fossiler Brennstoffe in der Landwirtschaft ist verhältnismässig gering und das Potenzial, diese durch Photovoltaik, Schnitzelheizungen, Erdgas oder Elektrofahrzeuge zu ersetzen, gross.
Wird die gesamte Wertschöpfungskette inklusive indirekte, das heisst ausserregional ausgestossene Emissionen, bis zum Konsumenten miteinberechnet, ist eine CO2-neutrale Landwirtschaft in meinen Augen schwierig zu erreichen.
Wo kann die Landwirtschaft beim Klimaschutz besser werden?
Die Landwirtschaft kann ihre Klimawirkung in einem übergeordneten Kontext analysieren. Optimierungen im gesamten Ernährungssystem bieten die Chance, klimaschonendere Landwirtschaftsstrukturen anzustreben. Die Herausforderung Klimawandel verlangt eine Anpassung gewisser agronomischer Praktiken und Verfahren. Doch auch in Industrie und Handel sowie beim Konsumverhalten werden Veränderungen notwendig sein.

