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10 Jahre nach der Milch-Kontingentierung

Am 1. Mai 2009 wurde die Milch-Kontingentierung in der Schweiz abgeschafft. Die Milchproduzenten erhielten nach 32 Jahren staatlicher Mengensteuerung wieder mehr Freiheiten. Aber bessere Preise sind nur mit mehr Leistung möglich.

Vor genau zehn Jahren hat der Bund die Milch-Kontingentierung aufgehoben, weil der Milch-Branche die Produktivität und die Wettbewerbsfähigkeit fehlte. Ausserdem, und das war für den Ausstieg zentraler, fehlten im staatlich gelenkten Milchmarkt zwischen 1999 und 2009 ohne Käseunion und Butyra geeignete Verwertungskanäle für Überschuss-Milch. Der Ausstieg aus der Kontingentierung war da nur der letzte von mehreren Schritten.

Bessere Wettbewerbsfähigkeit führte zu Strukturwandel

Es war ein Schritt, von dem viele Milchproduzenten sagen, er sei der Falsche gewesen. Ursprünglich hinderte die Kontingentierung alle gleichermassen, ihre Produktionsfaktoren effizient zu nutzen. Mit dem Ausstieg veränderten sich die Kräfteverhältnisse, die Milchbauern selbst wurden zueinander in Wettbewerb gestellt. Immerhin hat der Ausstieg aus der Kontingentierung laut einer Studie des European Milk Board zu einer Zunahme der Flächenproduktivität geführt, was auf eine verbesserte Wettbewerbsfähigkeit hindeute.

Die verbesserte Wettbewerbsfähigkeit hat allerdings Strukturwandel zur Folge: Im Jahr 2000 gab es 38 82 Milchproduzenten. Bis 2018 halbierte sich diese Zahl auf 19 68 Milchproduzenten. Mit weiterhin sinkender Tendenz – und zwar doppelt so schnell, wie in der übrigen Landwirtschaft.

Gleichzeitig wurden die verbleibenden Betriebe grösser: im Jahr 2000 lag die mittlere Milchproduktion pro Betrieb und Jahr bei 83 53 kg, 2018 betrug sie 170 76 kg. Der Umsatz, den ein Hof mit der Milch erwirtschaftet, ist in derselben Zeit im Durchschnitt von 73 60 Franken auf 109 00 Franken gestiegen.

Betrieblich gesehen hat sich die Kostenstruktur aber auch verändert und liegt nach wie vor über den Erlösen aus der Milchproduktion. Kurz: Die Milchproduzenten sind gewachsen, und damit oft auch die Kosten. Der betriebswirtschaftliche Effizienz-Gewinn kam nicht von alleine – wer seine Kosten nicht im Griff hat, kämpft auch zehn Jahre nach dem Ausstieg aus der Kontingentierung mit finanziellen Problemen.

Der Milchmarkt schrumpft trotz grösseren Milchmengen

In Bezug auf den Produktionswert bei den Produzenten – errechnet aus dem durchschnittlich ausbezahlten Schweizer Milchpreisen und der Jahresmilchmenge – wird deutlich, dass der Milchmarkt zwischen 2000 und 2016 geschrumpft ist. Und dies, obwohl die Mengen ausgedehnt wurden.

  • 2000 wurden 3,2 Mrd kg Milch produziert, der durchschnittliche Milchpreis lag bei 79,17 Rappen, der Produktionswert bei 2,5 Mia Franken.
  • 2010 wurden 3,3 Mrd kg Milch produziert, der durchschnittliche Milchpreis lag bei 63,14 Rappen, der Produktionswert bei 2,0 Mrd Franken.
  • 2016 wurden 3,3 Mrd kg Milch produziert, der durchschnittliche Milchpreis lag bei 60,64 Rappen, der Produktionswert bei 2,0 Mrd Franken.

Erst 2017 und 2018 stiegen die Milchpreise wieder leicht an und sorgten für ein insgesamt leicht wachsendes Marktvolumen für die Milchproduzenten; in beiden Jahren wuchs der Wert um je rund 60 Millionen Franken.

Auf Seiten des Milchhandels kam es im Zuge des Ausstiegs zu einer regelrechten Zersplitterung des Angebots mit über 40 Handelsorganisationen und Produzenten, die selbst eine eigene Lösung wollten. Mittlerweile hat sich der Markt etwas entwirrt, die SMP zählen heute rund 20 Handelsorganisationen zu ihren Mitgliedern.

Dennoch hat der Ausstieg aus der Kontingentierung vor allem dafür gesorgt, dass sich die Strukturen im Milchhandel und die Positionierung in den Milchmärkten ausdifferenzieren.

Keine Stützung des Milchmarktes durch den Bund seit der AP 2002

Politisch ist klar, wohin die Reise geht: mehr Markt, weniger Staat. «Insgesamt hat sich der Bund seit der AP 2002 zunehmend aus der Stützung der Märkte zurückgezogen», schreibt der Bundesrat in seinem Bericht «Perspektiven im Milchmarkt» im April 2017.

Alle direkt marktstützenden Instrumente – also die Zulagen, Ausfuhrbeiträge (damals noch gemäss Schoggigesetz) und Absatzförderung – kosteten den Bund 2015 rund 400 Mio Franken. 2018 hat das Bundesamt für Landwirtschaft 380 Millionen Franken im Milchbereich ausgegeben:

  • 292 Mio Franken für Verkäsungs- und Siloverzichts-Zulage
  • 79 Mio Franken für Ausfuhrbeiträge
  • 9 Mio Franken für Absatzförderungsmassnahmen.

An der grundsätzlichen Stossrichtung ändert sich auch mit der Agrarpolitik 2022+ nichts. Im Detail allerdings fordern die Schweizer Milchproduzenten (SMP) eine Verbesserung der Situation der Landwirte.

In der Stellungnahme zur Agrarpolitik 2022+ nämlich fordert die SMP gleichwertige Rahmenbedingungen «im innerlandwirtschaftlichen Wettbewerb sowie gegenüber der ausländischen Konkurrenz.»

Die Direktzahlungs-Instrumente sollen stärker auf die Arbeitsleistung und weniger auf die Fläche bezogen werden. Die Absatzförderung soll weiterentwickelt und die Transparenz und Verbindlichkeit von Abmachungen auf den Märkten verbessert werden.

Der «Milch-Gipfel» von 2016 und seine gravierenden Folgen

Es ist die SMP, die eine Neuordnung der Agrarpolitik fordert – nicht der Schweizer Bauernverband (SBV). Die SMP fordert «Rahmenbedingungen, welche Perspektiven für künftige Investitionen bieten.» Diese würden derzeit fehlen. Der Druck ist so gross, dass die SMP in der Vernehmlassungsantwort schreibt, ein zeitliches Aufschieben «dieser anspruchsvollen, aber auch notwendigen agrarpolitischen Diskussion» für die Milchproduzenten sei keine Option. Mit allen Mitteln will man versuchen, dass die Investitionsbereitschaft im Molkereimilch-Bereich erhalten bleibt und scheut sich vor den daraus entstehenden innerlandwirtschaftlichen Konflikten nicht. Trotzdem tun sich die bäuerlichen Politiker mit den neuen Rahmenbedingungen schwer.

Als die Schweizer Milchpreise nach Aufhebung des Euro-Franken-Wechselkurses im Januar 2015 und des EU-Quotenausstiegs im Mai 2015 und der in der Folge schleppenden Absatzentwicklung beim Export-Käse im Winter 2015/2016 unter Druck kamen, nahm der Schweizer Bauernverband die öffentliche politische Arbeit, die normalerweise den SMP vorbehalten ist, selbst in die Hand.

Medienwirksam las SBV-Präsident Markus Ritter im Mai 2016 bei strahlendem Sonnenschein den versammelten Vertreter der Milchbranche beim sogenannten «Milch-Gipfel» auf dem Gurten bei Bern die Leviten. Mit Folgen:

  • Erstens provozierte der SBV durch sein Auftreten Trotzreaktionen im BOM-Vorstand. In den darauf folgenden Sitzung, so war zu vernehmen, zeigten sich die Händler und Verarbeiter nicht so verhandlungsbereit, wie üblich.
  • Zweitens führte der «Milch-Gipfel» zu einer Korrektur der Standardverträge für den Erstmilchkauf und sorgte selbst bei den Produzenten für die Einsicht, dass die Qualitäts- und Mehrwertstrategie von der Branchenorganisation Milch eine gute Sache ist.
  • Drittens verschärfte sich nach dem Milchgipfel innerhalb der Milchbranche der Ton.

2016 tritt die Migros aus der Branchenorganisation Milch aus

Als vorläufiger Höhepunkt der politischen Ränkespiele trat die Migros gut ein Jahr nach dem «Milch-Gipfel» und einem missglückten Boykott-Aufruf durch ein paar Milchproduzenten aus der Branchenorganisation Milch (BOM) aus. Die Migros schrieb damals, dass sie bedauere, dass ihre «konstruktive und loyale Haltung von einzelnen Mitgliedern der BOM nicht mitgetragen» werde. Daraufhin begann die Migros-Molkerei Elsa an einem eigenen Konzept für nachhaltige Milch zu arbeiten.

Der Austritt der Migros sorgte für den nötigen Druck, dass die übrige Milchbranche an dem im Sommer 2016 beschlossenen Grundsatz weiterarbeiten und schliesslich den «Grünen Teppich» verabschieden konnte. Kern der Strategie sind zehn Anforderungen (siehe Kasten oben), die mit einem Label ausgezeichnet und mit einem Preisbonus honoriert werden sollen. Dieser sogenannte «grüne Teppich» soll den Grundstandard für Schweizer Milch bilden. Darauf aufbauend können weitere Marken wie Heumilch, Bio Suisse oder Wiesenmilch zusätzliche Anforderungen stellen.

Das Kalkül hinter dem Grundstandard ist, dass die höheren Standortkosten der Schweiz mit einem Label gerechtfertigt und am Markt gelöst werden können.

Zunächst war vorgesehen, dass der Branchenstandard mit einem Preis-Bonus von zwei Rappen über alle drei Segmente ausbezahlt wird. Von diesem Gedanken ist man in der Zwischenzeit wieder abgekommen, denn es hat sich im Export als aussichtslos herausgestellt, für Schweizer Milchprodukte plötzlich zwei Rappen mehr zu verlangen.

Die Milchverarbeiter und -Händler in der BOM haben offenbar die Produzenten davon überzeugen können, dass nur im A-Milchsegment die Durchsetzung eines höheren Preises an der Ladenfront möglich ist.

Weil nur das A-Segment für den Preisbonus in Frage kommt und weil man unter allen Umständen verhindern will, dass die Produzenten schlechter gestellt und der Preisbonus eingepreist wird, hat man sich auf drei Rappen je Kilo Milch geeinigt. So viel soll ab 1. September 2019 zusätzlich ausbezahlt werden. Das letzte Wort haben die BOM-Delegierten, die die entsprechenden Reglemente noch gutheissen müssen.

Insgesamt wird damit deutlich, dass bessere Preise ohne zusätzliche Leistungen – seien es tatsächliche oder kommunizierte – definitiv der Vergangenheit angehören.

Mooh kündigt für März bis Mai 2019 im Basis-Modell einen Milchpreis für ÖLN-Silomilch von 48 Rappen an. Die Genossenschaft der Zentralschweizer Milchproduzenten stellt ihren Lieferanten einen Milchpreis von 53,5 Rappen (Suisse Garantie) in Aussicht.