Kurz & bündig
- Amir Tal behandelt als Tier-Osteopath in erster Linie Hunde, Katzen und Pferde. - Bei der Kuh von Landwirt Hans Gasser konnte er mit Osteopathie das schräge Becken wieder ausrichten. - Kosten und Nutzen der Behandlung seien im richtigen Verhältnis, ist Hans Gasser zufrieden.
Was ist Osteopathie? «Es ist keine Magie», stellt Amir Tal gleich zu Beginn klar. Der Tier-Osteopath untersucht gerade die Kuh Estland. Während der Behandlung erklärt Tal, worum es bei der Osteopathie geht – und dass die Osteopathie auf medizinischen Grundlagen basiert ist. Dabei sind Anatomie, Physiologie und funktionelles Wissen gefragt – und keine Zauberkunst.
Wird Tal zu einem Tier gerufen, befragt er als erstes deren Besitzer zu den Beschwerden und dem Krankheitsverlauf.
Auf dem Milchviehbetrieb von Hans Gasser in Belp ist diese sogenannte Anamnese schnell abgeschlossen. Estland hat keine grossen Beschwerden, sondern soll zu Demonstrationszwecken für «die grüne» untersucht werden. Ein wichtiges Detail nennt Landwirt Gasser dennoch: Estland ist im 8. Monat trächtig.
Mit den Händen vorsichtig die Gelenke mobilisieren
Nach der Anamnese lässt Amir Tal das Tier hin und her gehen, um den Gang zu analysieren. Estlands Becken ist hinten rechts tiefer, sie sinkt dort beim Gehen leicht ein, beobachtet er.
Tal tritt an Estland heran, um sie mit den Händen zu untersuchen: «Ich suche nach verletzten Stellen und Trigger-Punkten. Ausserdem will ich vorsichtig die Gelenke und die Wirbelsäule mobilisieren.»
Als erstes greift er der Kuh an den unteren Kiefer, drückt und streichelt. Danach streicht er den Rücken entlang, tastet, knetet, massiert.
Den Pansen und die Gebärmutter lässt er heute aus, aus zwei Gründen: «Erstens geht es bei der aktuellen Behandlung um den Bewegungsapparat und nicht um die inneren Organe. Zweitens ist die Kuh im Endstadium der Trächtigkeit und daher sollte ich nicht allzu stark am Bauch drücken», erklärt Amir Tal.

Was ist Osteopathie?
Osteopathie wurde vom amerikanischen Arzt Andrew Taylor Still im 19. Jahrhundert als Behandlungsmethode entwickelt. Im englischsprachigen Raum ist die Osteopathie heute verbreitet und schon länger anerkannt. In der Schweiz zählt sie bis heute zur Alternativmedizin. Darunter versteht Wikipedia «Behandlungsmethoden, die sich als Alternative oder Ergänzung zu wissenschaftlich begründeten Methoden der Medizin verstehen». Das ist ein strenges Urteil – das auf die Osteopathie nicht ganz zutrifft. Zwar gibt es ein Teilgebiet, die cranio-sakrale Osteopathie, deren Wirkung auch innerhalb der Osteopathie umstritten ist. Abgesehen davon zeigen Studien, dass Osteopathie bei Menschen zur Linderung von Rücken- und Nackenschmerzen führte. Bei Tieren ist eine Quantifizierung der Schmerzen schwieriger. Doch auch hier zeigen Studien, dass der Gang oder die Gelenkflexibilität nach osteopathischer Behandlung besser sind.
Die verklebten Faszien mit den Händen lösen
Kuh Estland ist hinter dem Widerrist verspannt. Die Faszie lässt sich fast nicht verschieben und die Kuh reagiert sensibel auf Berührungen. «Ihre Faszien sind an dieser Stelle verklebt», sagt Amir Tal.
Die Faszien könne man sich als Strumpfhose vorstellen, die den ganzen Körper, die Muskeln, Knochen, Nerven, Gefässe und inneren Organe eng umhüllen, erklärt Tal. Sie trennen die Organe und Strukturen und verbinden sie gleichzeitig miteinander. Sie sind mit Blutgefässen und Nerven durchzogen.
Eine Verspannung oder Verklebung der Faszien führt zu «Stau» im betroffenen Gewebe: Die Sauerstoff-Zufuhr ist schlecht und Giftstoffe können nicht abtransportiert werden. Das beeinträchtigt den Körper und bremst den Heilungsprozess.

«Die Faszien kann man sich als Strumpfhose vorstellen.»
Amir Tal, Osteopath
Patienten sind in erster Linie Katzen, Hunde und Pferde
Das aktuelle Beispiel scheint erfolgreich zu verlaufen: Nach der Behandlung von rund 40 Minuten macht Estland einen entspannten Eindruck. Die empfindliche Stelle am Rücken ist gelöst und der Gang der Patientin ist wieder symmetrisch ausgeglichen.
Zu Amir Tals tierischen Patienten zählen in erster Linie Katze, Hunde und Pferde. Vereinzelt kommen Kühe oder Kälber hinzu. Aber das sei eher die Ausnahme, so Tal.
Prophylaktische Behandlungen bei Kühen, die noch gar kein ersichtliches Gesundheitsproblem haben, werden auch in Zukunft, aus wirtschaftlichen Gründen, kein grosses Thema werden, sind sich Hans Gasser und Amir Tal einig.
Osteopathie komplementiert Schulmedizin und umgekehrt
Als Osteopath arbeitet Amir Tal mit den Händen und den Augen. Andere Hilfsmittel braucht er nicht. Damit kann er blockierte Gelenke, verklebte Faszien oder verspannte Muskel lösen und somit Beeinträchtigungen des Bewegungsapparats heilen, wie er erklärt. Wobei «heilen» nicht stimme, so Tal: «Meine Aufgabe ist es, optimale Bedingungen zu schaffen, damit der Körper sich selbst heilen kann.» Die Grenzen der Osteopathie sind beispielsweise erreicht bei:
- strukturellen Veränderungen wie Knochenbrüchen, Tumoren oder schwerer Arthrose,
- Erregern wie Bakterien oder Viren.
In solchen Fällen braucht es TierärztInnen. Nur sie dürfen eine medizinische Diagnose stellen. Osteopathie komplementiert die Schulmedizin und umgekehrt, sagt Tal: «Die Behandlung einer Kuh, eines Pferds oder eines Hunds erfolgt durch die Tierärztin in Zusammenarbeit mit mir.»
Ausbildung für Menschen mit veterinärmedizinischem Hintergrund
Tal ist beispielsweise froh, wenn ein Befund vom Tierarzt vorliegt. Er kann diese Einschätzungen bei seiner eigenen Untersuchung und Behandlung berücksichtigen. «Ich selbst mache keine Röntgenaufnahmen oder Laboruntersuchungen. Ich verschreibe übrigens auch keine Medikamente.»
Amir Tal studierte Physiotherapie und promovierte an der medizinischen Fakultät Bern auf dem Gebiet der Neurowissenschaften. Ab 2015 absolvierte er eine dreijährige, international durchgeführte Diplomausbildung zum Tier-Osteopath. In der Schweiz gibt es hingegen für «Quereinsteiger» ohne veterinärmedizinischen Hintergrund bis heute keine Ausbildung.
Seit 2016 können sich TierärztInnen an der STOA-Medicines-Schule (Schweizerische tierärztliche Osteopathie-Ausbildung) weiterbilden. Während 500 Stunden, verteilt auf drei Jahre, erlernen sie die osteopathische Tierbehandlung. Am Ende können sie die Prüfung ablegen, die von camvet.ch, der Schweizerischen tierärztlichen Vereinigung für Komplementär- und Alternativmedizin, kontrolliert und zertifiziert ist.
Das Wohl der Kühe darf etwas kosten
Hans Gasser kennt Amir Tal von einem früheren Notfall. Eine von Gassers Milchkühen hatte ein verschobenes Becken und konnte kaum mehr gehen. Ob das bei einer Rangelei mit anderen Kühen geschah – «Wir haben es nicht gesehen und wissen nicht, was passiert ist», erzählt Gasser.
Bestandestierärztin Susanne Marti von der Tierarztpraxis Sägematt in Belp war sich nach der Untersuchung der Kuh bewusst, dass sie nicht mit einem Medikament aus dem Auto helfen kann. Sie hat Gasser die Schlachtung oder einen Versuch mit Osteopathie empfohlen. Damit die Kuh bis zur Behandlung weniger Schmerzen hat, verabreichte sie ein Schmerzmittel. «Ich sah Osteopathie als letzte Möglichkeit, die helfen könnte», sagt Marti.
Betriebsspiegel
Hans Gasser, Belp BE LN: 26 ha Kulturen: Futterbau, Mais, Futtergerste Tierbestand: 50 Milchkühe Arbeitskräfte: Hans Gasser

Hans Gasser folgte dem Rat und war sehr zufrieden mit dem Resultat. «Die Kuh schlief nach den ersten 15 Minuten Behandlung ein», erzählt er. Sie habe danach sichtlich weniger Schmerzen gehabt. «Das Wohl des Tiers ist mir wichtig und dafür zahle ich auch gerne», so der Landwirt.
Die gesunde Kuh für 3000 Franken verkauft
Abgesehen vom Tierwohl habe sich die Osteopathie für ihn auch finanziell gelohnt. Hätte die Tierärztin mehrmals nachbehandeln und Medikamente verschreiben müssen, hätte das auch gekostet.
«Hätte ich die Kuh notgeschlachtet, hätte ich dafür etwa 400 Franken erhalten. Amir behandelte für 150 Franken – und der Kuh ging es wieder gut. So konnte ich sie später als gesunde Kuh für 3000 Franken verkaufen», erklärt Hans Gasser.
Trotz der guten Erfahrung sei er auch bei einer nächsten Kuh froh darum, wenn der Anstoss für die Osteopathie von der Tierärztin kommen würde. «Ich bin vielleicht manchmal etwas betriebsblind und denke gar nicht daran, dass Osteopathie eine Option wäre», sagt Gasser.
Die vier Grundsätze der Osteopathie
- Der Körper ist eine Funktionseinheit. Ziel ist, nicht nur die Symptome zu bekämpfen, sondern die Ursachen zu erkennen und zu beheben. - Blutgefässe spielen eine zentrale Rolle: Sie versorgen das Gewebe mit Sauerstoff/Nährstoffen und transportieren Abfallprodukte/Giftstoffe ab. Eine störungsfreie Blutzirkulation ist für die Heilung und einen gesunden Körper wichtig. - Die Körperstruktur bestimmt die Funktion und umgekehrt. Wenn Strukturen fehlerhaft sind, die Faszien beispielsweise verklebt, dann beeinträchtigt das die Funktion dieses Körperteils. - Der Körper kann sich selbst regulieren und sich damit selbst heilen.

