Kurz & bündig
- Die Schweiz wappnet sich mit nationaler Krisenübung gegen die Afrikanische Schweinepest ASP. - Im Ernstfall werden alle Wildschweine, die infiziert sein könnten, aus dem Wald geschafft. - SchweinehalterInnen schützen ihren Bestand am besten mit strenger Hygiene und anderen Biosicherheits-Massnahmen.
Die kleine braune Schnauze ist zwischen dem Laub am Boden perfekt getarnt. Suchtrupps, die in einer Reihe, mit Stangen ausgerüstet, langsam durch den Wald gehen, finden das tote Wildschwein trotzdem. Ein wichtiger Erfolg. Denn dieser Frischling wird verdächtigt, mit dem Virus der Afrikanischen Schweinepest ASP infiziert zu sein.
Bei diesem Szenario handelt es sich glücklicherweise nicht um den Ernstfall, sondern um einen Teil der nationalen Krisenübung zur Bekämpfung der ASP, die Anfang November 2021 in verschiedenen Teilen der Schweiz durchgeführt wurde. Während drei Tagen probten Veterinärämter, Zivilschutz, Landwirte und Fleischverarbeiter gemeinsam den Ernstfall: Den Ausbruch der ASP in der Schweiz.
Den Wald sofort grossflächig absperren
«Mit der Übung testen wir, wie effizient auf den Ausbruch reagiert werden kann und wie die Koordination und Kommunikation zwischen den Suchtrupps, den Einsatzleitenden, den Kantonen und dem Bund funktioniert», sagt Kaspar Jörger, Mitglied der Geschäftsleitung beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV und Leiter der nationalen Krisenübung Nosos 2021 (Nosos = griech. Krankheit).
Im Wald bei Schönbühl BE bestand die Übung darin, nach Kadavern von Wildschweinen zu suchen. Diese Tiere sind mitverantwortlich für die Verbreitung der ASP. Um eine mögliche Einschleppung der Seuche über die Wildschweine früh zu bemerken, läuft in der Schweiz seit 2018 ein Früherkennungs-Programm.
Jäger und Wildhüter sind dazu angehalten, tot aufgefundene Wildschweine zu melden und untersuchen zu lassen. Sollte eine dieser Proben positiv auf ASP getestet werden, würde sofort der ganze Wald grossflächig im Umkreis von rund 10 Kilometern abgesperrt.
Wenn niemand hinein und niemand hinauskann, so die Überlegung, wird der Virus nicht weiterverbreitet. Er wird eingekesselt. Danach müssten Suchtrupps eingesetzt werden, um das Gebiet abzusuchen und alle toten Wildschweine zu finden.
Penible Hygiene, um den Virus nicht zu verschleppen
Jeder Fundort wird mit Plastikband abgesperrt. So wird es auch an der Übung in Schönbühl demonstriert. Personen in Schutzanzügen packen anschliessend den Kadaver in einen Plastiksack und bergen ihn auf einem Schlitten. Ziel ist es, alle Kadaver von infizierten Wildschweinen aus dem Wald zu holen, um damit die Ansteckungsherde zu entfernen. Die Kadaver werden in die mit Plastikband markierte rote Zone am Waldrand befördert. In dieser Zone werden Proben des Tiers genommen, welche ins Labor zur Untersuchung geschickt werden. In die rote Zone hinein dürfen nur wenige Leute, alle müssen Schutzkleidung tragen. Nicht, um sich selbst zu schützen, denn für Menschen ist der Virus nicht ansteckend. Mit dem Ausziehen der Schutzanzüge nach abgeschlossenem Einsatz in der roten Zone wird vielmehr gewährleistet, dass der Virus nicht mit der Kleidung verschleppt wird.
Afrikanische Schweinepest ASP
Die Afrikanische Schweinepest ASP ist eine hochansteckende Tierseuche. Für den Menschen ungefährlich, führt sie beim Wild- und Hausschwein in den meisten Fällen zum Tod. Die Schweiz ist aktuell frei von dieser Seuche. Das Ziel ist, dass das Land möglichst lange frei bleibt. Doch ein Ausbruch sei nur eine Frage der Zeit, sind sich die Fachleute an der Nosos-Übung in Schönbühl BE einig. In anderen Ländern verbreitet In anderen europäischen Ländern ist die ASP bereits Realität. Rumänien, Ungarn und Polen sind betroffen. Von dort aus sprang der Virus Ende 2020 über die Grenze und es wurden die ersten Fälle bei Wildschweinen in Deutschland gemeldet. Mittlerweile sind in unserem Nachbarland vereinzelt Hausschweine an ASP erkrankt. Diese Karte zeigt die Verbreitung der ASP im Zeitraffer. Über das Futter auf den Betrieb Der Erreger der ASP ist ein Virus. Der Virus wird hauptsächlich von Tier zu Tier weitergegeben – bei direktem Kontakt, via Kadaver, Blut oder Urin. Eine Ansteckung über die Luft erfolgt nicht. Indirekt können Hausschweine aber über kontaminiertes Futter, Stroh, über Schuhe oder Kleider sowie Transportfahrzeuge infiziert werden. Stand heute gibt es noch keinen Impfstoff, der den Schweinen verabreicht werden könnte.
Diese Wildschwein-Aktion ist eine Herkules-Aufgabe. Je nach Gelände ist die Suche zusätzlich erschwert. Die Wildschweine sind im Unterholz perfekt getarnt. Ausserdem verkriechen sich die kranken Tiere, bevor sie schliesslich sterben. Ihre Verstecke aufzuspüren ist daher nicht einfach. Es wird viel Personal benötigt, das im Ernstfall auf Abruf bereit sein wird. «Wir können die Masse an Personen aufbieten, die es für solch flächendeckende Suchaktionen braucht», sagt Kaspar Jörger. Verantwortlich für die Ausbildung und Bereithaltung möglicher Suchtrupps und Hilfskräfte sind die Kantone. «Die gesamtschweizerische Koordination liegt dann wieder beim BLV», so Jörger.

Im Ernstfall kommen Faktoren hinzu, die nicht geübt werden können
Dieser ganze Aufwand wird betrieben, um die Hausschweine zu schützen, erklärt der Berner Kantonstierarzt Reto Wyss. Für ihn und alle anderen Beteiligten stellt die Nosos-Übung eine Hauptprobe dar. Ist die Schweiz für den Ernstfall gewappnet? «Wir sind so gut es geht vorbereitet», sagt Reto Wyss nach der Übung. «Im Ernstfall kommen Faktoren hinzu, die wir nicht simulieren oder vorbereiten können – Anfragen von beunruhigten LandwirtInnen zum Beispiel. Umso wichtiger ist es, dass wir die vorhersehbaren Abläufe üben», erklärt Wyss. Die Übung habe gezeigt, dass Material und Leute zur Verfügung stehen und dass Abläufe klappen, so Wyss.

Die Wildschweinpopulation wird genau beobachtet, um die Verbreitung von ASP in der Schweiz frühzeitig zu bemerken und dann möglichst zu stoppen. Eine verstärkte Jagd auf Wildschweine schliesst Reto Wysss nicht aus. «Das hat aber nicht erste Priorität und würde eher zu einem späteren Zeitpunkt geschehen», sagt der Kantonstierarzt. Beim ersten Ernstfall werde im betroffenen Gebiet hingegen auf keinen Fall gejagt: «Dadurch würden wir die möglicherweise infizierten Wildschweine versprengen und den Virus gleich mitverteilen», erklärt Wyss.
Schutz der Hausschweine vor der ASP ist möglich
Was bedeutet das für die SchweinehalterInnen, was müssen sie tun? Wenn ASP in der Schweiz nachgewiesen wird, gilt weiterhin, was heute schon empfehlenswert ist: «Die Biosicherheit des eigenen Betriebs verbessern und hochhalten», sagt Reto Wyss. Und weiter: «Gegen ASP kann man sich schützen. Dieser Virus ist nicht so leicht übertragbar wie beispielsweise die Maul- und Klauenseuche.» Ist im Krisenfall ein Schweinebetrieb mit Freilandhaltung innerhalb der 10 Kilometer Sperrzone, so muss er entweder eine 1,5 Meter hohe Mauer oder einen Doppelzaun von der gleichen Höhe vorweisen. Andernfalls müssen die Tiere eingesperrt werden, um vor dem Kontakt mit infizierten Wildschweinen geschützt zu sein.
Standpunkt
von Deborah Rentsch, Ressort Tierhaltung Dass die Afrikanische Schweinepest ASP die Schweiz erreicht, ist eine Frage der Zeit. Die Nosos-Übung ist also bitter nötig. Bloss: Wird das reichen? Unterschätzt die Schweiz das Ausmass der Tierseuche? Eines scheint mir nach eineinhalb Jahren Corona-Pandemie klar: Verbocken tut es meist der Mensch. Die Suche nach Wildschweinen kann im Vorfeld geübt werden – und scheitert im Ernstfall daran, dass ein Kadaver übersehen wird. Oder jemand wirft ein Sandwich mit Salami von einem infizierten Haus-schwein im Wald weg. Oder ein Landwirt führt Futtermittel aus ASP-betroffenem Gebiet auf seinen Hof. Oder die Spaziergängerin quert mit dem Hund trotz Absperrung den Wald und verschleppt den Virus. Der Risikofaktor Mensch ist nicht zu unterschätzen. Hinzu kommt: Da der Virus für Menschen ungefährlich ist, wage ich zu behaupten, dass ASP der breiten Bevölkerung am Allerwertesten vorbeigeht und sich die Vorsicht in Grenzen halten wird. Die Übung des Ernstfalls ist richtig und wichtig und verhindert am Ende sicher Schlimmeres. Eine erfolgreiche Übung wird uns jedoch nicht vor uns selber schützen. Da muss sich schon jeder selbst an der Nase nehmen.

