Kurz & bündig
- Das Dorf Rain LU wollte Bauland nahe des Schweinestalls der Familie Bucheli einzonen. - Die Familie Bucheli nahm Stellung und erreichte, dass die Bauherrschaft den Grossteil der Kosten zur Geruchsreduktion übernahm. - Wäre das Bauland bereits eingezont gewesen, hätten Buchelis selber für eine Lösung aufkommen müssen. - Buchelis arbeiteten mit einem Anwalt zusammen und würden das wieder so machen.
Im Jahr 2009 stellte die Gemeinde Rain (Kanton Luzern) das neue Siedlungsleitbild vor. Für die Familie Bucheli ein Schock-Moment: Die Gemeinde sah vor, Land einzuzonen und damit die Gemeindegrenze noch näher an Buchelis Schweinestall zu rücken. Es lag auf der Hand, dass die Geruchsemissionen zum Problem würden.
Wohnen auf dem Land – aber ohne Schweine-Geruch
Mit diesem Thema sind Buchelis nicht alleine. Sie leben mitten im Luzerner Schweinegürtel. Dieser zieht sich durch die Ämter Sursee und Hochdorf. Fast eine halbe Million Schweine leben dort – mehr als irgendwo sonst in der Schweiz.
Und manchen Anwohnern stinkt es. Davon liest man immer wieder in der Presse. Mitte Juni 2020 berichtete zum Beispiel der «Tages-Anzeiger» (Abo-Artikel) aus dem luzernischen Hohenrain, unweit von Rain.
In Hohenrain werden im Auftrag der Gemeinde sogenannte «Schnüffler» eingesetzt. Das sind auf Sensorik geschulte Menschen. Sie gehen zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten in die Wohngebiete. Und schnüffeln. Je nach Intensität werden «Noten» vergeben. Stinkt es mehr als 10 Prozent der Zeit, müssen die betroffenen landwirtschaftlichen Betriebe Massnahmen zur Reduktion des Geruchs ergreifen. Für die Betriebe kann das sehr kostspielig werden.

Mit einem Anwalt für die Schweinhaltung
Kurz nach der Orientierungsversammlung zum neuen Siedlungsleitbild der Gemeinde Rain nahmen Buchelis mit Hilfe des Rechtsanwaltes Pascal Baumgardt schriftlich Stellung. Darin machten sie auf die Schwierigkeiten aufmerksam. So zum Beispiel:
- Geruchsemissionen
- Abstand zwischen Wohn- und Landwirtschaftszone
- Landschaftsschutz und Freihaltung von Kulturland
Buchelis forderten die Grundeigentümer auf, allfällig notwendig werdende Sanierungskosten mitzufinanzieren. Ebenso ersuchten sie die zuständige Behörde, die Planungsgrundsätze zu beachten und die bestehenden Bauzonen mittels Verdichtung besser zu nutzen.
«Unser grosses Glück war, dass kein eingezontes Bauland in unserem Radius lag, und dass dieses erst eingezont werden sollte», erklärt Erwin Bucheli. Somit konnte man ihrem Betrieb nicht einfach Auflagen machen. «Zusammen mit der Bauherrschaft suchten wir nach einer Lösung, die für beide Parteien gangbar war.»
Anders schaut die Situation aus, wenn bestehendes Bauland bebaut wird und sich ein Betrieb damit plötzlich zu nahe am Wohngebiet befindet. «Auch wenn der Betrieb schon vor den Häusern da war», erklärt Rechtsanwalt Pascal Baumgardt.
Im Falle einer Klage wegen übermässiger Geruchsbelastung schaut es gemäss Baumgardt folgendermassen aus: «Der Betrieb kann dazu verpflichtet werden, auf eigene Kosten für die Reduktion der übermässigen Geruchsimmissionen aufzukommen.» Übermässig sind Immissionen, die einen oder mehrere Immissionsgrenzwerte nach Anhang 7 der Luftreinhalteverordnung LRV überschreiten. Es gibt Grundlagen zu Geruch und dessen Ausbreitung.
Rechtsanwalt Baumgardt rät generell: «Solche Situationen, wie auf dem Betrieb Bucheli sollte man frühzeitig anpacken.» Und Fristen dürfe man auf keinen Fall verpassen.

Vertraglich geregelt: «Es darf nicht stinken»
Im Fall des Betriebes Bucheli einigten sie sich mit der künftigen Bauherrschaft und der Gemeinde darauf, dass Bauland im Radius von Buchelis Hof eingezont werden kann. Im Gegenzug trägt die Bauherrschaft einen Grossteil der Kosten zur Geruchsreduktion. «Quasi eine Abfindung», erklärt Bucheli.
Der Deal war, dass es ab 1. Januar 2017 nicht mehr stinkt. Ein grosses Versprechen und natürlich vertraglich festgehalten. Buchelis können diese Auflage mit einem Bioluftwäscher einhalten – die Bauherrschaft kostete das einige Hunderttausend Franken.
«Einen Bioluftwäscher als Familienbetrieb zu finanzieren wäre jenseits gewesen», sagt Franziska Bucheli, «wir hätten den Betrieb nicht weiterführen können.»
Die Familie Bucheli hat den Bioluftwäscher von der Firma Hungerbühler AG aus Sommeri TG. Die Kosten für den Bau eines Luftwäschers sind je nach Grösse des Betriebs sehr unterschiedlich.
«Gegenüber einem herkömmlichen Lüftungssystem muss man etwa mit einer Verdoppelung der Kosten rechnen», erklärt Josef Zumstein, Verkaufsberater bei der Hungerbühler Klima AG.
Existenzangst wegen Schweine-Geruch: Die Familie Bucheli suchte sogar einen anderen Betrieb
Obwohl im Fall der Familie Bucheli am Ende alles gut ausging, war das nicht von Anfang an klar. «Wir zogen in Erwägung, den Betrieb aufzugeben», erklärt Erwin Bucheli. Denn nicht nur die anstehende Einzonung bereitete Kopfzerbrechen, auch die alten Stallungen aus den 1970er-Jahren mussten erneuert werden. «Das waren noch ganz alte, niedrige und dunkle Ställe.»
Aber es gab noch ein anderes Problem. Erwin Bucheli erinnert sich: «Die Jahre um 2009 waren alles andere als gute Jahre für die Schweinebranche.» Es stellte sich die logische Frage: wie geht es weiter mit den Preisen? Soll man überhaupt in neue Schweineställe investieren?
Der Weg bis zu einem Entschluss war für die Familie schwierig. «Wir sassen zusammen am Tisch», erklärt Franziska Bucheli, «und machten auf einem grossen Blatt Papier eine Auslegeordnung.» Alle Familienmitglieder dachten mit.
Auch einen anderen Betrieb zu suchen, war eine Option. Die Familie hatte sich bereits einige Objekte angeschaut. «Doch wir fühlen uns hier wohl und wollten eigentlich gar nicht weg», erklärt Franziska Bucheli. Und an anderen Standorten hätte sie zum Teil die gleiche Problematik erwartet.
Nach langem Hin und Her entschied sich die Familie für die Schweine und für ihren Betrieb in Rain. Ende 2014, also nach fünf Jahren Planung, Verhandlung und Werweissen war der Baustart.
Neuer Luftwäscher, neuer Schweinestall
Buchelis rissen die alten Stallungen ab und bauten neu. Der Neubau war insofern ideal, als dass die ganzen Lüftungssysteme zum Luftwäscher einfach in den Neubau integriert werden konnten. Bei bestehenden Ställen ist das manchmal schwierig umzusetzen und verursacht hohe Mehrkosten.
Im Zuge des Neubaus versetzten Buchelis den Stall auch einige Meter weiter weg vom Bach. Die Familie baute in vier Etappen und setzte auf viel Eigenleistung.
Dank dem Anwalt ein gutes Ende für die Schweinehaltung
So viel die Familie selber baute, in Sachen Recht liessen sie sich helfen. «Wir engagierten von Anfang an einen Anwalt», erzählt Franziska Bucheli. «Denn die Angelegenheit war viel zu heikel. Wir wollten das Risiko nicht eingehen, dass wir plötzlich mit abgesägten Hosen dastehen.»
Anwalt Pascal Baumgardt erledigte die aufwändigen Korrespondenzen zu den Ämtern, formulierte Anträge und vor allem wusste er über Recht und Pflicht Bescheid.
«Wir würden das sofort wieder so machen», erklärt Erwin Bucheli. Die Zeit und Musse sich selber all dieses Wissen rund um die Thematik anzueignen, hatten Buchelis einfach nicht. Der Betrieb lief ja genau gleich weiter.

Der Luftwäscher ähnelt einer Tropfsteinhöhle
Seit Juli 2016 ist der neue Stall, wie auch der Luftwäscher in Betrieb. Erwin Bucheli öffnet die Tür ins Innere des Luftwäschers. Warme, feuchte Luft schlägt den Besuchern entgegen – richtig tropisch. Kein Wunder. Eine ganze Menge Wasser verdunstet hier. «Täglich zwei bis drei Kubikmeter», erklärt Erwin Bucheli.
Drei leistungsstarke Lüfter im Kamin des Luftwäschers ziehen die feuchte Luft in der Anlage an. Auf dem Weg nach oben passiert die Luftmasse zwei Mal ein Bett aus Füllkörper.
Auf diesen Füllkörpern haften Mikroorganismen. Sie zersetzen das Ammonium zu Nitrit und Nitrat. Das Abschlämmwasser wird damit zu einem gehaltreichen Dünger und die ausgeschiedene Luft ist frei von unangenehmen Gerüchen.
«Das Wasser darf nie ausgehen», erklärt Erwin Bucheli. Sonst würden die Mikroorganismen Schaden nehmen. Und ohne sie würde es nicht lange dauern, bis die Lüftung nicht mehr funktionieren würde und der beissende Schweinegestank zu riechen wäre.
Das Herzstück der Anlage ist deshalb der Wassertank mit dem Schwimmer. Ist zu wenig Wasser drin, erhalten Buchelis einen Alarm auf ihr Natel. Das sei bis jetzt noch nie vorgekommen.
Das Wasser ist kalkfrei, da es aus dem Retensionbecken gespiesen wird. «Im Sommer reichen die Wassermengen im Retensionsbecken jedoch nicht aus. Dann beziehen wir Wasser von der Wasserversorgung», erklärt Erwin Bucheli.
Wenn die Anlage einen Notstop machen würde, müsste Erwin Bucheli sofort manuell lüften, sonst hätten die Schweine schnell zu wenig Sauerstoff – weil der Stall hermetisch dicht ist.
Damit keine Gerüche nach draussen gelangen, wird dem Stall kontrolliert frische Luft zugeführt. Und sämtliche «gebrauchte» Luft fliesst über den Bioluftwäscher gereinigt nach draussen.
Je nach Stallbereich (Abferkel-, Jager-, Galt- oder Maststall) kann man einstellen, wie viel Luft durchfliessen soll. Denn je nach Nutzungsbereich benötigen die Tiere eine unterschiedliche Menge Luft und Zugluft soll keinesfalls entstehen.

Schweine-Geruch nur noch beim Umspülen der Kanäle
Ein Labelstall mit Ausläufen wäre für die Familie Bucheli nicht in Frage gekommen. Sie wollten das Risiko nicht eingehen, dass die Geruchsemissionen zu gross sind.
«Es stinkt jetzt nur noch einmal pro Woche während etwa zwei Stunden», erklärt Bucheli. Dies sei wegen dem Umspülen der Kanäle.
Die Nachbarn würden davon aber nichts merken. Auch der Gestank durch das Güllen entfällt. Denn diese wird fast vollständig in andere Kantone abgeführt.
Die Familie Bucheli ist sehr zufrieden mit der Lösung auf ihrem Betrieb. «Wir erhalten auch viele positive Rückmeldungen von Spaziergängern», erklärt Franziska Bucheli. Der Betrieb liegt direkt am Wanderweg.
Nicht nur in Bezug auf die Anwohner, auch in Bezug auf kommende strengere Umweltauflagen. Der Bioluftwäscher reduziert Ammoniakemissionen um 70 Prozent. Für die Zukunft ist der Betrieb also bestens gerüstet.

Neue Richtlinien zur Luftreinhaltung
Derzeit überarbeitet Agroscope die Richtlinien zur Luftreinhaltung. Sie hat letzten Sommer den betroffenen Verbänden einen Entwurf präsentiert, der zu teilweise grösseren Mindestabständen geführt hätte.
Viele bestehende Ställe würden diesen Vorschriften nicht genügen. Unter anderem war vorgesehen, dass Abstände nicht mehr ab Mitte Stall, sondern ab Aussenwand gemessen werden.
Mit einer Interpellation will SVP-Nationalrat Markus Hausammann genauere Informationen vom Bund erhalten. Der Vorstoss wurde durch Vertreter aller Parteien und vom Stiftung Landschaftsschutz unterzeichnet. Grössere Mindestabstände widersprächen dem Konzentrationsprinzip.
Die Stiftung fordert deshalb, dass in ländlichen Gebieten die Mindestabstände reduziert werden. Zudem müssten die neuen technischen Möglichkeiten zur Reduktion von Geruchsimmissionen berücksichtigt werden.
Die neuen Richtlinien werden in den nächsten Monaten publiziert. Quelle: NZZ

Betriebsspiegel Neurüti
Franziska und Erwin Bucheli mit Josef (28), Hanspeter (25), Luzia (22) und Isabelle (18) aus Rain LU LN: 2 ha Bewirtschaftung: ÖLN Betriebszweige: Schweinezucht, -aufzucht und -mast Tierbestand: 105 Muttersauen, 100 Mast- und Remontenplätze Arbeitskräfte: Franziska und Erwin Bucheli

