Kurz & bündig
- «Gesunde Klauen» ist ein Projekt mit dem Ziel, die Klauengesundheit von Rindern durch Klauenpfleger systematisch zu erheben. - Klauenpfleger Thomas Oberli macht beim Projekt mit, ebenso Landwirt Niklaus Tschannen. - Während Oberli die Klauen von Tschannens Kühen pflegt, tippt er deren Zustand und Veränderungen laufend per Tablet in ein Programm. - Die Daten stehen anschliessend Tschannen, aber auch Forschenden zur Verfügung. Erste Auswertungen der schweizweit gesammelten Klauendaten wurden veröffentlicht.
Die Hornspäne fliegen durch die Luft. Mit der Klauenscheibe schleift Thomas Oberli der Kuh die Klaue in Form. Den Fussballen lässt er dabei möglichst in Ruhe und kürzt insbesondere an den Klauenspitzen. Ausserdem arbeitet er die Hohlkehlung an der Aussen- und Innenklaue wieder aus. «Wir wollen, dass die Kuh aussen auf die Hornwand steht. So ist sie erhöht, es gelangt weniger Dreck in die Klaue und es gibt weniger Druckstellen», erklärt Thomas Oberli.
Thomas Oberli ist Klauenpfleger. Mit seinem mobilen Klauenstand, den er per Anhängerkupplung an sein Auto hängen kann, besuchte er letztes Jahr rund 3'500 Kühe, denen er die Klauen pflegte.
Systematische digitale Erhebung der Klauenpflege ist das Ziel
Nebst seiner selbstständigen Tätigkeit ist Oberli bei der Wiederkäuerklinik der Vetsuisse, Universität Bern, als Leiter Tierpflege angestellt. In beiden Funktionen ist er in das Ressourcenprojekt «Gesunde Klauen» (siehe Kasten) involviert. Das Projekt startete 2019 und dauert sechs Jahre. Aktuell helfen 44 Klauenpfleger bei der Sammlung von Daten. Denn darum geht es in erster Linie: Klauenpfleger erheben systematisch und digital die Details zur Pflege und Behandlung der Klauen jeder einzelnen Kuh.
Diese Daten werden an die Qualitas AG übermittelt und dort gepflegt und gespeichert. Zugriff auf diese Daten haben, falls der Tierhalter die schriftliche Einwilligung gibt, alle Akteure des Ressourcenprojekts:
- TierhalterInnen
- KlauenpflegerInnen
- BestandestierärztInnen
- Forschende der Wiederkäuerklinik
Aus den erhobenen Daten kann zum Beispiel die Häufigkeit verschiedener Klauenprobleme abgeleitet werden. Veröffentlichte Daten werden vorgängig anonymisiert, so dass kein Rückschluss auf den Einzelbetrieb möglich ist. Betriebe mit Klauengesundheitsproblemen können gezielt angesprochen und beraten werden. Ausserdem sollen Kennzahlen und Zuchtwerte für die Schweizer Rindviehhaltung entwickelt werden.

«Ein schöner Nebeneffekt ist ausserdem, dass wir – Tierhaltende, Klauenpfleger und TierärztInnen – auf das Thema Klauengesundheit sensibilisiert werden», ergänzt Thomas Oberli.
Weniger statt mehr Aufwand bei Behandlungsdokumentation
Diese Ziele werden insbesondere langfristig erreicht. In der täglichen Arbeit bedeute die Projektteilnahme keinen Mehraufwand für ihn, betont Thomas Oberli. Im Gegenteil: «Ich empfehle die Projektteilnahme allen LandwirtInnen – damit ich selbst mit dem praktischen Tablet arbeiten kann, statt die Pflege auf Papier zu dokumentieren», erzählt Oberli.
«Die Pflege mit dem Tablet statt auf Papier dokumentieren.»
Thomas Oberli, Klauenpfleger

Einer dieser Landwirte ist Niklaus Tschannen aus Murzelen BE. An diesem Nachmittag führt er jede seiner 20 Milchkühe am Halfter zum Klauenstand, wo Thomas Oberli die Klauen der Tiere wieder in Form schleift. Womit wir wieder bei den fliegenden Hornspänen sind.
Seit Beginn des Projekts lässt Niklaus Tschannen die Klauenpflege-Daten seiner Kühe in das Projekt leiten. Thomas Oberli hatte ihn zur Teilnahme ermutigt und schliesslich überzeugt.
Für ihn habe sich seit Projektbeginn nicht viel geändert, sagt Niklaus Tschannen. «Ich lasse die Klauen meiner Kühe zweimal im Jahr pflegen. Bei lahmen Kühen suche ich zuerst selbst nach der Ursache und lasse im Notfall den Tierarzt kommen», so der Landwirt.
Gesunde Klauen für das Wohlbefinden und gute Fruchtbarkeit
Früher habe er einmal im Jahr den Klauenpfleger in Anspruch genommen und einmal selbst gepflegt: «Aber wenn ich viel zu tun hatte, verschob ich es und nahm mir nicht genügend Zeit.» Die Investition in den Klauenpfleger lohne sich daher allemal. «Gesunde Klauen unterstützen den allgemeinen Gesundheitszustand, Wohlbefinden und Fruchtbarkeit der Kühe», so Tschannens Erfahrung.
«Wenn die Daten der Forschung helfen, profitiere ich langfristig.»
Niklaus Tschannen, Landwirt

Einen direkten Vorteil durch die Projektteilnahme sehe er nicht, sagt Tschannen: «Aber es ist auch kein Nachteil. Die Klauen lasse ich pflegen und wenn die Daten der Forschung helfen, profitiere ich langfristig.»
Thomas Oberli ergänzt: «Wenn Landwirte viele Kühe im Stall haben, verlieren sie eventuell den Überblick über die Krankengeschichte jeder einzelnen Kuh. Die systematische Aufzeichnung und Datenerhebung in diesem Projekt können dann einen grösseren Vorteil bringen.»
Wie steht es um die Klauengesundheit der Schweizer Rinder?
Die Klauenpflege ist die wichtigste Massnahme gegen Klauenerkrankungen. Sie wirkt vorbeugend, indem die Belastung der Klaue optimiert wird. Kommt es trotzdem zu Veränderungen oder Erkrankungen der Klaue, kann das während der Klauenpflege festgestellt werden. Einige dieser Veränderungen kann der Klauenpfleger direkt behandeln. Braucht es aber beispielsweise Antibiotika, muss ein Tierarzt beigezogen werden. Erste Auswertungen der Daten aus dem Projekt zeigen, dass die Ballenhornfäule die häufigste Veränderung der Klaue ist: 92,9 % der 238 Betriebe in der Studie hatten Tiere mit diesem Klauenbild. 64,7 % der Tiere sind betroffen. Insgesamt waren 7'100 Kühe und 400 Rinder in der Studie.
Adrian Steiner und sein Team begleiten das Projekt wissenschaftlich. Der Leiter der Nutztierklinik an der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern relativiert das häufige Vorkommen von Ballenhornfäule: «Es wurden bereits kleinste Veränderungen dokumentiert. Diese schränken das Tierwohl noch nicht ein.» Die Ballenhornfäule sei daher in der Praxis nicht ein solch grosses Problem, wie vielleicht aus den Daten interpretiert werden könnte.

An zweiter Stelle steht die Weisse Linie-Erkrankung. Die sei sehr wohl ein Problem, da sie – je nach Ausprägung – zu starker Lahmheit führen könne. «Ursache sind oft mechanische Belastungen durch beispielsweise unebene Stellen im Stallboden, an denen die Klauen hängen bleiben», erklärt Steiner. Die bedeutendste infektiöse Klauenerkrankung ist die Dermatitis digitalis, auch Mortellaro oder Erdbeerkrankheit genannt. Sie wurde auf gut der Hälfte der Betriebe in der Studie dokumentiert.
Informationen zu den Klauen-Veränderungen und -Erkrankungen finden sich auf der Projekt-Website, im «Atlas der Klauengesundheit».
Ballenhornfäule ist auf dem Betrieb ein Thema
Bei Niklaus Tschannen ist die Ballenhornfäule ebenfalls ein Thema. Der Erreger ist in der Umwelt der Kuh vorhanden. Wenn die Klaue dann durch Nässe oder langes Stehen beansprucht wird, kann es zu einer Infektion des Hornes kommen. «Ich öffne die entstandenen Kammern innerhalb des Klauenhorns, damit diese gut austrocknen können», erklärt Thomas Oberli. Wenn die Kuh anschliessend auf die Weide geht, bleibt allfälliger Schmutz nicht stecken. Von einem Tierwohlproblem kann also bei Tschannens Kühen nicht die Rede sein.

Oberli erfasst die Ohrmarke der Kuh mit einer Software, die eigens für das Projekt «Gesunde Klauen» und Schweizer Gegebenheiten angepasst wurde. Nach der Pflege trägt Oberli mit wenigen Klicks das Vorkommen der Ballenhornfäule ein – fertig. Die nächste Kuh ist an der Reihe. Nach der 20. Kuh exportiert Oberli die Daten in die Datenbank. Sie sind nun verfügbar für die weitere Analyse der Klauengesundheit der Schweizer Rinder.
Projekt «Gesunde Klauen»
«Gesunde Klauen» ist ein Ressourcenprojekt des Bundesamts für Landwirtschaft BLW und wird während sechs Jahren vom Bund mitfinanziert. Start war 2019, dauern wird das Projekt bis Ende 2024. Ziel ist die systematische und digitale Erhebung der Klauengesundheit durch Klauenpfleger anlässlich der regelmässigen Bestandes-Pflege auf den Schweizer Betrieben. Diese Daten dienen als Grundstein für weitere Untersuchungen und Auswertungen durch die Vetsuisse-Fakultät, Universität Bern. Bis Ende 2021 wurden die Daten von knapp 63'000 Klauenpflegen (teils am gleichen Tier, im Abstand von 6 Monaten) im Projekt erhoben. 904 Betriebe und 44 Klauenpfleger waren involviert. Erkenntnisse aus der bisherigen wissenschaftlichen Begleitung Standardisierung der Klauenpflege-Methode: Eine Schweizer Methode, die sich auf internationale Literatur abstützt. Standardisierung der Diagnosestellung: Damit bei der Daten-erhebung alle vom Gleichen sprechen. Häufigkeiten der Klauenveränderungen: Die Daten zwischen Februar 2020 und Februar 2021 gelten als Basis, mit der künftig die Häufigkeiten verglichen werden. Erkenntnisse zur Wirkung von Klauenklötzen: siehe auch Artikel «Ein Klotz am Bein für die Klauenheilung», «die grüne» 12/2021 Was geschieht während der restlichen Projektdauer? - Rekrutierung weiterer Klauenpfleger und Projektbetriebe. - Hygienekonzept ausarbeiten, insbesondere in Zusammenhang mit Mortellaro: Damit innerhalb einer Herde und zwischen Herden die Infektion nicht durch die Klauenpflege weitergegeben wird. - Beurteilung der Wirksamkeit der Beratung von Betrieben mit Klauengesundheitsproblemen. - Programmierung von Schnittstellen zu Herdenmanagement-Programmen. - Zuchtwert «Klauengesundheit» berechnen. www.gesundeklauen.unibe.ch

