Starkregen, Sturm oder brütende Hitze: Wenn das Wetter Stress macht

Hitze, Gewitter und Starkregen setzen Weidetieren zunehmend zu. Nina Keil, Leiterin Fachbereich Tierschutz beim BLV, erklärt, welche Wetterlagen für Nutztiere besonders belastend sind und weshalb vorausschauende Schutzmassnahmen immer wichtiger werden.

Innert weniger Minuten ziehen dunkle Gewitterwolken auf, heftiger Regen prasselt auf die Weide und starke Windböen fegen über das Land. Was für Menschen oft nur ein kurzer Wetterumschwung ist, kann für Nutztiere zur Belastungsprobe werden. Noch grösser ist vielerorts die Herausforderung durch lang anhaltende Hitzeperioden. Mit dem Klimawandel nehmen Extremwetterereignisse zu – und damit steigen auch die Anforderungen an Landwirtinnen und Landwirte, ihre Tiere wirksam zu schützen.

«Entscheidend ist, ob die Anpassungsfähigkeit der Tiere durch die Witterungsbedingungen überfordert wird», erklärt Nina Keil, Leiterin Fachbereich Tierschutz beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Besonders Hitze und intensive Sonneneinstrahlung, aber auch Kälte in Verbindung mit Wind und Nässe könnten Weidetiere stark belasten.

Hitze belastet Tiere oft stärker als Gewitter

Während Gewitter meist nur kurz andauern, kann Hitze die Tiere über mehrere Tage oder sogar Wochen beanspruchen. Besonders betroffen sind Tiere mit hoher Stoffwechselleistung wie Milchkühe, intensiv gemästete Rinder und Jungtiere. Bei Kälbern könne Hitzestress bereits bei rund 26 °C einsetzen. Einen allgemeinen Temperaturgrenzwert gebe es allerdings nicht. «Die Tierarten und die einzelnen Tiere unterscheiden sich in ihrer Anfälligkeit für Hitzestress. Neben der Temperatur spielen auch Luftfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung, Luftbewegung sowie die Dauer einer Hitzeperiode eine wichtige Rolle», betont Nina Keil.

Die Tiere würden zudem selbst zeigen, ob sie unter den Wetterbedingungen leiden. Deshalb sei es wichtig, ihr Verhalten aufmerksam zu beobachten und die Haltung der jeweiligen Situation anzupassen. «Entscheidend ist, das Verhalten der Tiere zu beobachten und entsprechend Massnahmen zu ergreifen», so die Tierschutzexpertin.

Schutz muss vorhanden sein

Auch plötzlich auftretende Gewitter können problematisch werden. Starker Regen, Hagel oder heftige Windböen können zu Stress führen. Fehle ein geeigneter Unterstand, könnten Tiere durchnässen und auskühlen. Hinzu komme das Risiko von Blitzschlägen, gibt Nina Keil zu bedenken.

Zwar erleichterten Wetterprognosen und Warnsysteme heute die Vorbereitung, doch lokale Gewitter entstünden oft sehr kurzfristig. «Deshalb ist es wichtig, bereits im Voraus geeignete Schutzmöglichkeiten wie Unterstände, Stallzugänge oder natürliche Schutzstrukturen bereitzustellen», führt Keil aus.

Geeignete Rückzugsmöglichkeiten gibt es viele: Bäume, Hecken, Sträucher, Waldstücke oder Felsvorsprünge bieten natürlichen Schutz vor Sonne und Wetter. Ergänzend können Unterstände und Ställe genutzt werden. Wichtig ist vor allem, dass die Tiere diese Schutzmöglichkeiten bei extremer Witterung erreichen können und sie ihren Zweck auch tatsächlich erfüllen.

Auch nasse Böden können ein Problem sein

Nicht nur Hitze und Gewitter setzen den Tieren zu. Anhaltender Starkregen kann Weiden in kurzer Zeit in morastige Flächen verwandeln. Tiere meiden nasse Liegeplätze und benötigen trockene Ruhebereiche. «Morastbildung kann das Tierwohl beeinträchtigen und die Anforderungen an eine tiergerechte Haltung verletzen», hält die Leiterin des Fachbereichs Tierschutz fest.

Gerade in Bergregionen unterscheiden sich die Bedingungen von jenen im Tal. Zwar stehen den Tieren auf Alpen oft grössere Flächen mit natürlichen Schutzstrukturen zur Verfügung, gleichzeitig treten dort Wetterumschwünge aber häufig besonders rasch auf. Welche Schutzmassnahmen notwendig sind, hängt deshalb immer von der jeweiligen Region, der Tierart und der konkreten Wetterlage ab.

Gesetz verpflichtet Tierhaltende

Die Schweizer Tierschutzverordnung verpflichtet Tierhalterinnen und Tierhalter, ihre Tiere vor Witterungseinflüssen zu schützen, wenn diese sich den Bedingungen nicht ausreichend anpassen können. Dazu gehören je nach Situation Schatten, Schutz vor Wind und Niederschlag, trockene Liegeflächen oder eine ausreichende Wasserversorgung. Spezifische Vorschriften bestehen zudem für einzelne Tierarten, etwa für Schweine oder Wasserbüffel, die bei Hitze zusätzliche Abkühlungsmöglichkeiten benötigen.

Welche Massnahmen im Einzelfall erforderlich sind, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zur schweizweiten Verbreitung einzelner Schutzmassnahmen auf Landwirtschaftsbetrieben liegen dem BLV allerdings keine systematischen Daten vor.

Anpassungen werden immer wichtiger

Nach Einschätzung des BLV berücksichtigen heutige Stall- und Weidesysteme bereits Anforderungen an Witterungsschutz, Luftzirkulation und Wasserversorgung. Die zunehmende Häufigkeit und Intensität von Extremwetterereignissen stellt Tierhaltende jedoch vor zusätzliche Herausforderungen. Gefragt seien deshalb nicht nur bauliche Lösungen, sondern auch eine vorausschauende Planung.

Künftig brauche es angepasste Weidekonzepte, mehr Beschattungsmöglichkeiten, und Kühlungsmöglichkeiten in den Ställen. Gleichzeitig könnten verbesserte Wetterprognosen und Warnsysteme helfen, frühzeitig auf Wetterextreme zu reagieren. «Wichtig sind eine vorausschauende Planung sowie die Berücksichtigung zunehmender Hitzeperioden», unterstreicht Keil. «Auch die Sensibilisierung der Tierhaltenden für Hitzestress und andere Wetterrisiken bleibt wichtig.»

Nina Keil, Leiterin Fachbereich Tierschutz beim BLV, spricht über die Auswirkungen von Extremwetter auf Nutztiere.(Bild: privat)