Gekonnt nimmt Fabian Schwery den jungen Widder zur Hand und führt ihn nach draussen für ein kurzes Fotoshooting. Nein, ein Seil brauche er nicht. Man erkennt sofort: Der junge Walliser (33) ist wohl in der Nähe seiner Schafe. Aus gutem Grund. Fabian Schwery hat die Liebe zu den Tieren in die Wiege gelegt bekommen. Das Weisse Alpenschaf (WAS) hat in seiner Familie einen wichtigen Stellenwert. In der Küche hängen zahlreiche Auszeichnungen, gewonnen mit ihren Zuchttieren an Ausstellungen.
Obwohl er rund 25 Hektaren pachtet und rund 100 Schafe hält, ist er ein für das Wallis typischer Nebenerwerbslandwirt. «Mir gefällt der Ausgleich zum Alltag», erklärt er. Er wolle inseiner Freizeit etwas Sinnvolles machen.
Wie alles begann
Der Begriff Freizeit ist wohl das falsche Wort. Denn bei Fabian nehmen die Aufgaben neben der eigentlichen Anstellung beinahe überhand. Eigentlich arbeitet er als gelernter Polymechaniker bei den Gommer Kraftwerken. Bis zum letzten Jahr 100 Prozent. Jetzt sind es noch 80 Prozent. Im Sommer 60 und im Winter 100 Prozent.
«Ein grosser Vorteil ist, dass wir uns die anfallenden Arbeiten aufteilen können.» Mit wir, damit meint er seinen Vater und seinen Onkel. Letzter ist vollamtlicher Meisterlandwirt und führt einen Milchviehbetrieb mit Brown-Swiss-Kühen.
Alle anfallenden Arbeiten werden zusammen erledigt. «Alle können alles, so kann auch jeder einmal in die Ferien», erklärt Fabian. Ausserdem würden dadurch auch viele Helfer zur Verfügung stehen. Reich wird er mit seinem Nebenerwerb nicht. Vor allem nicht, wenn man den am Ende des Jahres übrig bleibenden Verdienst durch die Anzahl Stunden teilen würde, ergänzt Fabian lachend.
Hirte beschützt die Schafe
Als junger, engagierter Schäfer hat Fabian unterdessen einige Ämtchen. Am anspruchsvollsten ist das Amt als Alpverantwortlicher im Rappental. 750 Schafe aus der ganzen Schweiz verbringen dort den Alpsommer, ebenso wie ein grosser Teil seiner eigenen Schafe. Er hat das Amt von seinem Vater übernommen.
Die Ansprüche sind im Verlaufe der Jahre gewachsen, nicht zuletzt wegen dem Wolf. So wird es immer schwieriger, genügend Tiere für die Alp zu bekommen. Damit der wichtige Sömmerungsbeitrag jedoch ausbezahlt wird, muss eine gewisse Anzahl Tiere gesömmert werden. Der Beitrag ist zentral, denn damit werden der Schafhirt und alles notwendige Material beglichen. Die Schafe im Rappental werden seit 1960 von einem Schafhirten betreut. Durch die anfallenden Wolfrisse stiegen die Anforderungen an die Hirten enorm. Die Alpgenossenschaft hat reagiert und ist schon seit Längerem bemüht, einen funktionierenden Herdenschutz – mit Zäunen und Herdenschutzhunden – aufzubauen.
Das Beste aus der Situation
«Wir versuchen, die Situation stetig zu verbessern», erklärt Fabian. Dennoch muss er im Sommer ständig erreichbar sein. Schlägt der Wolf zu, muss er sofort reagieren. «Dadurch ist vieles Unplanbar geworden», gibt er zu bedenken. Fabian ist die erste Ansprechperson für den Hirten und koordiniert alles darum Notwendige: Essen und Trinken, Zaunmaterial, die Helfer usw.
«Der Wolf hat das Schäferleben schwieriger gemacht», erklärt er. Wenn er wählen könnte, wäre ihm ein Wallis ohne Wolf auch lieber. Anstatt seine Energie in den Kampf gegen den Wolf zu investieren, macht er das Beste aus der Situation. Die Tiere im Sommer nicht mehr auf die Alp zu geben, sei keine Option. «Im Sommer ist es im Tal zu heiss. Die Tiere sind schlicht nicht wohl.» Ist kein Wolf in der Region, wie das momentan der Fall zu sein scheint, ist er etwas entspannter.
Freude überwiegt
Ganz entspannt wird es jedoch nie mehr sein. Die Schafe sind mittlerweile fast das ganze Jahr der Gefahr von Grossraubtieren ausgesetzt. Denn hat der Wolf zugeschlagen, ist es an Fabian, die schwer verletzten Tiere zu erlösen. «Das sind Bilder, die dich dann in der Nacht verfolgen», erklärt er nachdenklich.
Aufgeben ist für ihn keine Option. Die Freude an den Tieren ist grösser als der Verdruss über den Wolf. «Man wird dazu gezwungen und lernt, mit den Grossraubtieren umzugehen. Aber er hat Verständnis für diejenigen Schäfer, die das Handtuch werfen. Denn eine absolute Sicherheit hat man nicht, trotz den ergriffenen Massnahmen. «Wir machen eine Schadensminderung.»
Stolz auf das Erreichte
Wenn er Zeit hat, ist er in der ganzen Schweiz unterwegs. Nicht nur mit seiner Zucht hat er sich bereits einen Namen gemacht. Auch in seiner Funktion als Schafexperte kann er viele Kontakte knüpfen. Unter dem Jahr besucht er mit seinen Tieren zwei kantonale und eine schweizerische Ausstellung. Dafür fährt er nach Sachseln OW, wo die Konkurrenz am stärksten sei. «Man muss sich mit den Besten messen», erklärt er. Doch damit man einen der begehrten Titel nach Hause nehmen kann, muss einfach alles stimmen: Gesundheit, Futterzustand, Pflege, Exterieur.
Kundschaft von überall
Den Titel des Vize-Mister-Schweiz bezeichnet er als seinen grössten Erfolg. Wie viel ein solches Tier Wert sei? «Mir wurde 4000 Franken geboten», sagt er und fügt lachend an, man hätte ihm an diesem Tag auch 10 000 Franken anbieten können. «Ein solches Tier verkauft man nicht.» In seiner Zucht legt er vor allem Wert auf die Wirtschaftlichkeit, Milch und Fleischqualität. «Mir ist es zudem wichtig, dass das Tier einen gewissen Stolz ausstrahlt.» Dank seinen Zuchterfolgen kann er Tiere in die ganze Schweiz verkaufen.
Überalterung der Züchter
Das Weisse Alpenschaf liegt ihm am Herzen. So ist Fabian Präsident des Oberwalliser WAS-Verbands. Eine Arbeit, die ihm gut gefällt. «Das ist eine Lebenserfahrung», erklärt er seine Motivation. Ihm gefallen die Kontakte mit den Politikern oder mit Verbänden ausserhalb des Kantons.
Auch dort ist die Überalterung der Züchter ein ständiges Thema. Nicht viele Jungen wollen sich den «Chrampf» noch antun. Ausserdem hat das Bundesamt für Landwirtschaft angekündigt, den Nebenerwerbskurs für den Erhalt von Direktzahlungen nicht mehr zulassen zu wollen. «Das ist ein grosses Problem für das Wallis», gibt Fabian zu bedenken.
Unterdessen ist das Fotoshooting zu Ende und der Widder zurück bei seinen Kollegen. Wo Fabian sich selbst in 20 Jahren sieht, weiss er noch nicht. Er möchte gerne so weitermachen, sofern «die Grossraubtiere nicht alles kaputt machen». Aber auch die Wertschätzung gegenüber der Produktion in der Schweiz müsse noch vorhanden sein. «Wenn man lieber alles importieren will, macht die einheimische Produktion keinen Sinn mehr.»
Und da bleibt noch die Frage nach seinem Privatleben? «Ich habe das grosse Glück, eine Bauerntochter als Partnerin zu haben, die das nötige Verständnis aufbringt und auch mithilft.» Die Frage nach Hobbies erübrigt sich bei Fabian Schwery.

