Milchschafhaltung: «Wir wollten davon leben können»

Die Familie Hofstetter probierte etwas für die Entlebucher Aussergewöhnliches aus. Und es funktioniert.

Entlebuch Etwas komisch sehen sie schon aus, diese Schafe, die im grössten Buch der Schweiz, im Entlebuch LU, an der Strasse zum Glaubenberg weiden. Zottelig hängt ihnen die Wolle fast wie eine Decke über dem Rücken. Und unten am Bauch sind sie nahezu kahl. Aber nein, die Tiere sind nicht krank. Das sind die Lacaune Milchschafe der Familie Hofstetter. Ein seltener Anblick im doch so konservativen Entlebuch.

Dem Standort gerecht

Peter Hofstetter, der Betriebsleiter und Vater von fünf Söhnen, bestätigt: «Ja, am Anfang wurden wir schon belächelt im Dorf, als wir mit der Milchschafhaltung angefangen haben. Das war nicht einfach.» Das war vor 21 Jahren. 1990 haben Heidi und Peter Hofstetter den Betrieb Widmen vom Onkel übernommen. Dieser mästete bis dato Munis und arbeitete nebenbei als Mechaniker. Er sagte immer: «Vom Bauern kann man nicht leben.» Peter und Heidi Hofstetter waren da aber anderer Meinung. «Ich sagte mir, von 26 Hektaren muss man doch leben können.» Peter Hofstetter fand aber die Munimast nicht sehr standortgerecht und suchte nach einer Alternative. So hielt er zeitweise Schottische Hochlandrinder und produzierte Kräuter.

273 Tiere importiert

Gemeinsam mit Werner Lötscher aus Schüpfheim LU begann sich Hofstetter für die Schafmilchproduktion zu interessieren. 1996 organisierten sieben Landwirte zusammen einen Import von 273 Lacaune Milchschafen aus Frankreich. 60 davon erhielten die Hofstetters. In der Schweiz gab es zuvor nur wenige Lacaune Schafe. Zu Beginn lieferten sie die Milch an die Emmi. Schon bald hätten die Leute im Dorf gefragt, wo man denn diese Schafmilchprodukte kaufen könne, erinnert sich Peter Hofstetter. Zudem war er unzufrieden mit der Abhängigkeit von der Emmi. Diese lehnte Vorschläge ab, um die Milchmenge zu steigern. Auch der Preis wurde ständig gedrückt. «Werner und ich dachten, es wäre ideal, wenn unsere Milch im Dorf verkäst würde.» Die Suche nach einem regionalen Käser verlief erfolglos. Da entstand die Idee einer Hofkäserei. «Natürlich habe ich auch nach Abnehmerngesucht und telefonierte mit Grossverteilern. Ich erklärte: Wir sind zwei Bauern und wollen Schafmilchprodukte verkaufen. Ich will wissen, was ihr braucht.»

Doch die Antwort lautete, dass dies umgekehrt laufe und sich die Bauern zuerst einen Namen machen müssten. Erst dann könne man sich überlegen, gewisse Produkte aufzunehmen.

Geburtsstunde der Emscha

So gründeten Peter und Heidi Hofstetter zusammen mit Werner Lötscher die Emscha GmbH im Jahr 1999. «Nun konnten wir sagen: Wir sind die Emscha und wir vermarkten Schafmilchprodukte. Das klingt professioneller», erklärt Peter Hofstetter. Auch war durch die GmbH-Gründung klar, dass Bauernhof und Käserei getrennt sind. Hofstetter absolvierte einen Alpkäserkurs und baute den ehemaligen Schweinestall zur Käserei um. 2001 fing die Emscha mit dem Käsen an. Um Konsumenten zu gewinnen, gingen sie damals zehn Tage mit ihren Joghurts und den reifen Mutschli an die Luga. Doch der Start war ernüchternd: «Sobald wir das Wort Schafmilch ausgesprochen hatten, wandten sich die Leute ab und fast niemand wollte probieren», erzählt Peter Hofstetter. Damals habe er zu seiner Frau Heidi gesagt: «Wir dürfen einfach niemandem mehr sagen, dass dies Schafmilch-Joghurt ist, und müssen warten, bis sie es runtergeschluckt haben.» Von da an habe es funktioniert. Mit einem Kühlwagen seien sie in der ersten Zeit die verschiedenen Käseläden in der Region abgefahren, um Abnehmer zu gewinnen. Bereits im August desselben Jahres stellte die Emscha zusätzlich einen Käser ein. Im ersten Jahr verkäste sie 32 000 Liter Schafmilch. Glücklicherweise kam 2004 ein weiterer Lieferant hinzu. 2005 waren es bereits 100 000 verarbeitete Liter.

Die Emscha konnte also kontinuierlich wachsen. Der Anfang sei auch deswegen einfacher gewesen, weil Hofstetter und Lötscher die Restmilch in den ersten acht Monaten noch der Emmi liefern konnten.

Umstellung auf Bio

2011, zehn Jahre nach Markteintritt, erlebte die Entlebucher Käserei einen weiteren Glücksfall. Sie konnte die Bio-Schafmilchkäserei Gauch aus dem Aargau übernehmen, weil diese den Betrieb einstellte, samt Abnehmern und Lieferanten. So schaffte die Emscha den Einstieg in den Bio-Schafmilchmarkt.

2014 hat Familie Hofstetter ihren Landwirtschaftsbetrieb auf Bio umgestellt und seither produziert die Emscha ausschliesslich Bioprodukte. Die Gauch-Produkte werden immer noch unter dem Originalnamen verkauft. Die Menge an verarbeiteter Milch liegt aktuell bei 320 000 Litern pro Jahr bei neun Lieferanten. Die Emscha bezahlt rund drei Franken pro Liter Milch, wobei der Preis im Herbst etwas höher ist.

Jedem seine Aufgabe

In der Zwischenzeit ist auch Lukas Hofstetter, der Drittälteste, auf dem Betrieb eingestiegen. Heidi Hofstetter, die Bäuerin, ist vielseitig eingebunden. Sie erklärt mit einem Schmunzeln: «Als Bäuerin musst du einfach der Joker sein und da einspringen, wo es dich gerade braucht. Und zwischendurch kannst du noch den Haushalt machen.»

Simon Hofstetter, der Zweitälteste, arbeitet seit seiner Ausbildung zum Agrokaufmann in der Käserei und ist für das Marketing und die Kommunikation verantwortlich. Er ist finanziell ebenfalls in die Emscha eingestiegen und hat nun einen Anteil an der Firma. War denn von Beginn weg klar, wer auf dem Hof und wer in der Käserei anpackt? Simon Hofstetter: «Ganz ehrlich, Geduld mit den kleinen Lämmern war nie meine besondere Stärke. Dafür gehe ich gerne auf Leute zu. So kann jeder von uns seine Stärken nutzen.» Auch dem Vater ist es wichtig, dass die Aufgaben klar sind. «So redet keiner dem Anderen rein.»

Neue Käserei gebaut

Auf der anderen Strassenseite, vis-à-vis dem Hof Widmen, steht seit kurzem ein grosses, neues Gebäude. Das ist die neue Käserei, welche die Emscha im vergangenen Jahr gebaut hat. Für diese Investition musste die Familie das Eigenkapital bei der Bank erhöhen. Dadurch erkaufte sich Simon Hofstetter seinen Anteil. Isoliert ist das Gebäude übrigens mit Schafwolle.

Seit Mitte Februar wird in der neugebauten Käserei bereits produziert. Stolz erklärt Simon Hofstetter beim Rundgang durch die neuen Räumlichkeiten, was wo gemacht wird, und präsentiert die stattliche Produktepalette: Salatkäse, Mutschli, Joghurts und Quark in vielen Geschmacksrichtungen. Die Fruchtzusätze produziert die Biosphäre-Käserei ebenfalls selber. An Ideen für neue Produkte mangelt es dem jungen Mann nicht, der gerade eine Weiterbildung im Bereich Wirtschaftspsychologie absolviert. Und Ideen waren es schliesslich auch, welche Peter Hofstetter, den Munimäster, zum erfolgreichen Schafmilchproduzenten gemacht haben. Ohne sich von den schrägen Blicken in der Umgebung abhalten zu lassen.

Mit den Schafmilchprodukten hat Peter Hofstetter den Nerv der Zeit getroffen. Die Schafe passen nicht nur wegen ihres leichten Gewichtes und der Berggängigkeit ins hügelige Entlebuch. Eine standortgerechte Produktion durch und durch.

Betriebsspiegel

- Bewirtschafter: Familie Hofstetter, Entlebuch LU

- Nutzfläche: 26 ha Eigenland, 9 ha Pacht- und Ökogemeinschaftsland

- Viehbestand: 240 Mutterschafe (plus Lämmer und Böcke), 80 Wollschweine eingekreuzt

Jasmine Baumann

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