Weisen Lämmer bläschen- bis pockenartige Wucherungen rund ums Maul auf, dann haben sie sich höchstwahrscheinlich mit Lippengrind angesteckt. Die Viruserkrankung verursacht schmerzhafte Hautveränderungen, die mild bis stark ausgeprägt sein können. In ihrer bösartigsten Form hindern sie die Jungtiere daran, genügend Milch aufzunehmen. Werden die Lämmer dann nicht ausreichend unterstützt und zugefüttert, kann die Unterernährung sogar zum Tod führen.
Ein regelmässiges Problem unter Kleinwiederkäuern
Lippengrind wird durch Parapoxvirus ovis verursacht, einem Virus aus der Familie der Pockenviren. In der Schweiz, wie auch weltweit, tritt die Viruserkrankung regelmässig bei Schafen und Ziegen auf. Von Jahr zu Jahr kann das Vorkommen aber stark schwanken. Auf Nachfrage beim Beratungs- und Gesundheitsdienst für Kleinwiederkäuer Schweiz (BGK) wird bestätigt, dass es Jahre gibt, in denen Betriebe kaum betroffen sind. In anderen Jahren werden wiederum sehr bösartige Verläufe beobachtet, in denen auch erwachsene Tiere mit schweren Symptomen erkranken.
Blumenkohlartige Bläschen und Pusteln auf der Haut
Jungtiere wie Alttiere leiden dann sehr stark unter blumenkohlartigen Bläschen und Pusteln auf der Haut, die vor allem wenig behaarte oder haarlose Stellen befallen. Das können die Lippen, Mundwinkel, die Nase und teilweise die Ohren und Augenlider sein. Bei erwachsenen Tieren kann zudem auch der Kronsaum und bei weiblichen das Euter befallen sein, was den Melkvorgang schmerzhaft macht. Diese Tiere zeigen dann häufig eine starke Abwehrreaktion, wenn sie gemolken werden oder die Lämmer saugen. Kommt zusätzlich eine bakterielle Infektion hinzu, werden die Hautveränderungen grossflächiger. Im seltenen, aber schlimmsten Fall breiten sich die Symptome bis zu den Vormägen aus, wie in einem Merkblatt der BGK zu lesen ist.

Sömmerung ist ein Risiko
Vor allem der Kontakt zu fremden Tieren durch die Sömmerung, den Zukauf oder durch Ausstellungen erhöht das Infektionsrisiko mit Lippengrind. «Wenn Tiere unterschiedlicher Herkünfte aufeinandertreffen, kann es zu einem Ausbruch der Erkrankung kommen. Einerseits können unerkrankte Trägertiere das Virus weitergeben, andererseits kann der Stress, welcher durch das Zusammenführen entsteht, die Immunität der Tiere herabsetzen», so der BGK zur BauernZeitung. Die Viren gelangen dann über kleine Hautverletzungen oder über die Schleimhäute in den Körper und verursachen besagte Hautveränderungen, an denen sich Krusten bilden. Fallen die Krusten ab, werden massenweise Viren in die Umwelt freigesetzt, die unter trockenen Bedingungen noch lange ansteckungsfähig bleiben können.
Ältere Tiere bilden nach einer Erkrankung für mehrere Monate oder bis zu drei Jahre eine eigene Immunität gegen das Virus aus, so dass sie für eine gewisse Zeit vor einer erneuten Ansteckung geschützt sind oder nur leicht erkranken. Bei den Jungtieren hingegen ist das Immunsystem noch nicht ausgereift. «Auch die Antikörper im Kolostrum einer bereits einmal infizierten Mutter entfalten keine ausreichend schützende Wirkung für das Lamm», sagt der BGK. Deshalb sei die Chance besonders für Jungtiere hoch, dass sie sich mit dem Erreger anstecken und erkranken, wenn virustragende Tiere in den Bestand gelangen.
In Zahlen
100 % der Schafe/Ziegen können sich in einer Herde mit Lippengrind anstecken. 3–14 Tage vergehen von der Ansteckung bis zur Erkrankung. 3–4 Wochen dauert es, bis die Erkrankung abgeheilt ist. 20–50 % Lämmerverluste sind möglich nach einer Infektion mit der bösartigen Form ohne Therapie und Betreuung der erkrankten Tiere. 1 % der Adulten können nach einer Infektion mit der bösartigen Form sterben.
Ansteckungsrisiko vermeiden durch vorbeugende Massnahmen
Die Stallhygiene kann die Menge des Virus vermindern, aber diesen häufig nicht ausrotten. Auch kann der Erreger noch lange nach einer Infektion in manchen Tieren überleben. Diese zeigen keine Symptome mehr, können das Virus aber weiter an gesunde Tiere übertragen.
In gefährdeten Herden sei es gemäss BGK daher sinnvoll, über eine Impfung des Bestandes nachzudenken. Seit 2020 ist die Zulassung des Impfstoffes für die Schweiz erloschen. Der Bestandstierarzt hat jedoch die Möglichkeit, den Impfstoff für einzelne Betriebe mittels Sondergenehmigung zu importieren.
Da der Impfstoff nicht mehr ohne Weiteres zur Verfügung steht, sei es umso wichtiger, alle Massnahmen, die eine optimale Tiergesundheit fördern und das Ansteckungsrisiko vermindern, gewissenhaft durchzuführen:
Vorbeugende Massnahmen
Stallhygiene (regelmässige Reinigung und Desinfektion der Stalleinrichtung), reduzierter Stress und eine optimale Versorgung mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen unterstützen das Immunsystem. Erkrankte Tiere sollten von Gesunden isoliert werden, um eine weitere Ansteckung zu verhindern. Bei der Sömmerung mit fremden Tieren oder an Ausstellungen besteht ein erhöhtes Ansteckungsrisiko. Alle Tiere mit einer Sondergenehmigung über drei Monate einmal, alle Lämmer unter drei Monaten zweimal im Abstand von 4–6 Wochen impfen. Die Impfung muss alle 12 Monate wiederholt werden.
Behandlung des Virus
Ist der Virus schon im Bestand, müssen die Symptome behandelt werden. Waschen und Einsalben: Erkrankte Stellen waschen, mit Jodlösung einsprühen oder einer jod- oder Vitamin-A-haltigen Salbe be-handeln. Krusten nicht entfernen. Assistierte Fütterung: Jungtiere mit schweren Veränderungen am Maul zufüttern. Antibiotika: Auf oberflächlich bakteriellen Infektionen antibiotikahaltige Präparate auftragen. Starke bakterielle Veränderungen mit Antibiotika und Schmerzmitteln behandeln lassen. Impfung: Per Sondergenehmigung für gefährdete Herde. Impfung des gesamten Bestandes mit jährlicher Wiederholung.

