«Wenn die Schafe ins hohe Heugras abhauen, da helfen dir zwei Berner Sennenhunde einfach nichts.» Es ist eine lustige Geschichte, die Barbara Käser über ihre entflohenen Milchschafe erzählt. Mühevoll lief sie mit ihren wuchtigen Berner Sennenhunden vor vielen Jahren den steilen Hang hoch, in der Hoffnung, sie mögen ihr dabei helfen, die Schafe wieder in den Stall zurückzutreiben. Dem war nicht so. «Es wäre besser gewesen, ich hätte die Schafe gleich selbst runtergeholt. Da dachte ich: Ich brauche unbedingt einen Border Collie!»
Schafe hüten wird leichter
1993 ging dieser Traum dann mit der feinfühligen Border-Collie-Hündin Midge in Erfüllung. Barbara Käser lernte in Kursen des Schweizer Vereins für die Ausbildung von Herdengebrauchshunden, wie man Hunden beibringt Schafe richtig zu hüten. So wurde die Arbeit mit den Schafen auf dem Hämelbachboden-Hof Trubschachen, Bern erleichtert. Die beiden wuchsen zu einem guten Team zusammen und zeigten ihr Können gemeinsam mit den hofeigenen Gänsen bei mehreren Hüte-Vorführungen, nicht zuletzt auf dem Waisenhausplatz in Bern.
Die Hunde wurden zahlreicher
Die Bäuerin entwickelte grosses Interesse an der Border-Collie-Zucht und bald schon wuchs der Hundebestand auf dem kleinen Biobauernhof im Emmental. Auch dauerte es nicht lange, bis Barbara Käser auf Anfrage eine Hüte-Vorführung in der Rennpause des jährlichen Schlittenhunderennens in Thun bekam. An diesem Tag tauchte das Ehepaar in die Welt des Schlittenhundesports ein.
Beat Käser, Barbaras Ehemann, baute kurzerhand selbst ein Wägeli und 2006 stand seine Frau in Thun mit vier Border Collies ihrer eigenen Nachzucht an der Startlinie des Rennens. Die Faszination für den Schlittenhundesport war entdeckt und hält bis heute an. Beat Käser nahm zehn Jahre in Folge an Canicross- und Bikejöring-Rennen teil (siehe Kasten). Auch die Europameisterschaft steht jedes Jahr im Kalender des Ehepaares und deren Hunde.
Kein klassischer Zughund
Der Border Collie ist kein klassischer Schlittenhund. Er kommt ursprünglich aus dem Grenzgebiet zwischen England und Schottland, wo er seit dem17. Jahrhundert züchterisch auf sein Hüte-Verhalten spezialisiert wurde. Vor allem zeichnet sich der Border Collie aber durch seine Vielseitigkeit aus. Durch ihre Gelehrigkeit und Folgsamkeit zeigt die Rasse Einsatz in vielen verschiedenen Gebieten. Und bei Familie Käser laufen die Border Collies eben auch vor dem Schlitten oder im Canicross.
«Meistens wird die Hüte-Arbeit an den Schafen heute von Spot erledigt», erzählt Beat Käser, und streicht diesem über den Kopf. Spots Augen sind breit mit schwarzem Fell umrandet und er schaut mich ruhig an. Während die 30 Ostfriesischen Milchschafe an den steilen Hängen grasen, hat er Pause.
Sommerprogramm für die vierzehn Hunde
Auch die übrigen dreizehn Hunde der Familie Käser gehen derzeit ihren Sommertätigkeiten nach: die Hofhühner beobachten, im Seerosenteich baden, Goldfische jagen, auf den Pöstler warten oder einfach nur auf der faulen Haut liegen. Die Atmosphäre im grossen Garten der Käsers spiegelt dies wider: Überall summt und brummt es, doch die Szene ist durchzogen von einer sommerlichen Träge. Wir trinken kühles Wasser und Barbara Käser erzählt von einem grossen Traum. Einmal mit den Schlittenhunden durch Skandinavien zu fahren.
Sehnsucht nach der Weite
Die Sehnsucht nach der Weite ist nachvollziehbar, denn das Tal, in dem der Bauernhof der Familie Käser liegt, ist eng. Drei Sonnenstunden haben sie im Winter am Tag. «Jetzt muss ich nur noch Beat von einer solchen Reise überzeugen», sagt sie. «Keine Chance», kontert er, «da ist es viel zu kalt!». Wir diskutieren darüber, ob nun die nordische, trockene Kälte nicht so kalt ist wie jene hierzulande. «Kalt ist kalt», beharrt Beat. «Er ist eben ein ‹Gfröörli›» schlussfolgert Barbara grinsend. Das kann man von den Schlittenhunden nicht behaupten. Ob Husky, Samojede, Grönlandhund oder Alaskan Malamut, bei diesen ursprünglichen Schlittenhunde-Rassen findet man keine «Gfröörlis».
… und dann kam Amarok
Die nordischen Hunde gehören zu den ältesten Gebrauchshunden der Welt und spielten bereits bei der Eroberung des Südpols 1911 im Einsatz vor dem Schlitten eine entscheidende Rolle. Sie zeigen eine hohe Kälteresistenz, eine grosse Rudelzugehörigkeit, eine enorme Zugkraft und einen starken Zugwillen.
Ein starker Wille zeichnet auch Amarok aus, der erste nordische Hund, der auf dem Hof der Familie Käser ein Zuhause fand. «Ich hätte mich nie an einen Husky getraut», erzählt Barbara Käser. Aber Amarok strandete in der Praxis einer befreundete Tierärztin und diese platzierte ihn daraufhin kurzerhand bei den Schlittenhund-affinen Käsers.
Der Leithund übernimmt eine verantwortungsvolle Aufgabe
«Amarok habe ich dann schon recht schnell als Leithund eingesetzt. Ich dachte: Wow, super, der macht ja wirklich keine Fehler.» Barbara Käser war hingerissen von ihrem ersten «echten» Schlittenhund, dem sie als sogenanntem Leithund die vorderste Position im Gespann und somit die Führung des Teams überlies. Jedenfalls bis zu dem Trainingstag auf der Wiese, an dem Amarok erneut als Leithund im Einsatz war. «Plötzlich hat Amarok einfach das komplette Gespann gestoppt, um nach Mäusen zu jagen. Da konnten die Border Collies im Team nichts ausrichten. Auch wenn sie weitergewollt hätten: Wenn der Leithund lieber Mäuse jagen will, ist nichts zu machen, dann steht einfach alles still.»
Die Hundeführerin hat Amarok fortan nicht mehr als Leithund eingesetzt. Anderntags, beim Dach neu Eindecken, öffnete Amarok die Tür zum Dachstuhl und spazierte aufs Dach. Die anderen Hunde, ihrer Natur entsprechend neugierig, folgten ihm. «Dann sind mal die ganzen Hunde auf dem Dach des Hofes umhergelaufen» erinnert sich Beat Käser kopfschüttelnd.
Charakterstark und gelehrig
Der Husky ist ein sehr intelligenter Hund, der meist genau versteht, was von ihm verlangt wird. Aber er entscheidet eben selbst, ob ihm das jetzt passt oder nicht. «In gewisser Weise schätzen wir diese Charakterstärke auch», sagt Barbara Käser. «Aber von der enormen Führigkeit der Border Collies sind wir schon verwöhnt», ergänzt ihr Mann.
Bei den Border Collies reicht ein einfaches «lie down», die englische Anweisung zum Hinlegen, und schon steht das Gespann. Eine Bremse am Wagen bräuchte es da gar nicht. Daran ist bei den Huskies nicht zu denken. Sobald den nordischen Hunden das Zuggeschirr angelegt wird, gibt es nur noch eins: Gas. «Wenn die laufen wollen, laufen sie, auch wenn man hinten auf dem Wagen noch gar nicht bereit ist», berichtet Beat Käser.
Nur der Schnee fehlt
Ob nun mit den Border Collies oder mit den Huskies, das Ehepaar blickt gemeinsam auf zahlreiche nationale und internationale Erfolge zurück. Momentan hängen die Laufschuhe aber am Nagel und die Wagen stehen still. Corona-bedingt finden keine Rennen statt. Ob sich die Einschränkungen im kommenden Winter wieder lockern, und Käsers sich wieder mit ihren zahlreichen Musher-Freunden (siehe Kasten) treffen und messen können, bleibt ungewiss.
Genauso ungewiss wie die Trainingsbedingungen im Winter, denn den notwendigen Schnee gab es in Trubschachen schon lange nicht mehr. Und wenn mit dem Schlitten nicht trainiert werden kann, ist die Teilnahme an Schlittenrennen ebenfalls unmöglich. Eine gewisse Wehmut kommt schon auf, denn der Schnee verleiht dem Zugsport seine Ursprünglichkeit.
Wagenrennen und Canicross
Trotzdem bleiben den Käsers die Wagenrennen, das Canicross und das Bikejöring erhalten. Darauf wollen sich die beiden zukünftig konzentrieren. Beat Käser ist seit April pensioniert und kümmert sich um die allfälligen Arbeiten am Hof, während seine Frau den landwirtschaftlichen Betrieb leitet. Auch die hofeigene Ferienwohnung bauen die beiden gerade um. Diese soll den Gästen bald wieder zur Verfügung stehen. Denn ein Besuch auf dem Hämelbachboden-Hof lohnt sich immer, vor allem, wenn man Hunde mag.
Wissenswertes zum Zughundesport
Historisch: Der Einsatz von Schlittenhunden befähigte bereits Roald Amundsen, 1911 als erster den Südpol zu erreichen. Der Einsatz von Schlittenhunden war das Zünglein an der Waage, und verschaffte ihm den entscheidenden Vorteil gegenüber seinem Konkurrenten Robert Falcon Scott.
Anerkannte Schlittenhunde-Rassen: Die eingetragenen nordischen Rassen sind: der Samojede, der Grönlandhund, der Husky und der Alaskan Malamut.
Musher: Im Schlittenhundesport wird der Fahrer oder die Hundeführerin als Musher bezeichnet.
Kommandos: Die klassischen Kommandos, die jeder Zughund kennen sollte, sind «Gee» zum rechts Abbiegen und «Haw» zum links Abbiegen.
Wagen- und Schlittenrennen: Der Ursprung des Zughundesports ist der Schlitten, der von den Hunden über den Schnee gezogen wird. Auf nicht beschneitem Gelände werden die Rennen mit drei- oder vierrädrigen Wagen gefahren.
Canicross: Beim Canicross ist der Hundeführer mit einer flexiblen Leine mit seinem Zughund verbunden. Gemeinsam absolvieren beide zu Fuss einen schnellen Geländelauf.
Bikejöring und Skijöring: Beim Jöring ist die Hundeführerin entweder auf dem Mountainbike oder auf Skiern unterwegs. Die Zughunde sind beim Bikejöring am Fahrrad, beim Skijöring über einen Bauchgurt mit dem Hundeführer verbunden.
Langdistanz oder Sprint: Schlitten und Wagenrennen werden über unterschiedliche Distanzen veranstaltet. Die berühmtesten Langdistanz-
rennen sind das Iditarod (1850 Kilometer) und der Yukon Quest (1600 Kilometer) im nordamerikanischen Bundesstaat Alaska. Dort ist Ausdauer gefragt. Beim Sprintrennen geht es um Schnelligkeit auf kürzeren Distanzen bis etwa zehn Kilometer.

