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Die Geschwister Ruckli haben ein neues Absetzsystem entwickelt

Abruptes Absetzen führt oft zu Stress bei Ferkeln und Sauen. Eine kontrollierte Gruppenhaltung während der Säugezeit bereitet beide besser auf das Absetzen vor. Und ein Teil des Kraftfutters lässt sich durch Raufutter ersetzen.

In der Natur säugen Sauen ihre Ferkel 16 bis 20 Wochen lang. «Absetzen ist ein gradueller Prozess», betont Schweinezüchterin und Verhaltensforscherin Antonia Ruckli. Es benötigt Zeit. Auf Zuchtbetrieben werden die Ferkel allerdings in der Regel schon mit vier bis sechs Wochen abgesetzt. Die Sauen müssen die Milchproduktion von einem Tag auf den anderen abstellen. Die Ferkel bekommen plötzlich keine Muttermilch mehr, müssen sich an einen neuen Stall gewöhnen und sich durch Rangkämpfe mit Ferkeln anderer Würfe behaupten. Das kann zu Durchfall und anderen Absetzproblemen führen.

Die Geschwister Ruckli haben ein neues Absetzsystem entwickelt
Die Geschwister Antonia und Gabriel Ruckli haben das neue Absetzsystem entwickelt. Die innovativen Schweinehalter konnten auf diese Weise 24 Ferkel je Sau und Jahr absetzen.

Zu den Personen

Antonia Ruckli, Agronomin MSc ETH, promoviert an der Universität für Bodenkultur (Boku) in Wien in einem europäischen Projekt zur nachhaltigen Schweinehaltung. Daneben probiert sie als praktische Schweinezüchterin zusammen mit ihrem Bruder Gabriel Ruckli, Agronom BSc HAFL, neue Haltungsverfahren auf dem Betrieb ihrer Eltern im luzernischen Sulz aus. Ihr Ziel ist es, die Haltung besser auf das natürliche Verhalten der Tiere abzustimmen. Antonia Ruckli hat darüber am Online-Seminar «Tierwohl-gerechtere Schweinehaltung in der Schweiz – Ein Blick über den Tellerrand» referiert. Das Seminar wurde vom deutschen Netzwerk «Fokus Tierwohl» organisiert. Dieses von den Bundesländern getragene Netzwerk hat zum Ziel, Tierhalter(innen) bei einer tierwohlgerechteren und nachhaltigen Nutztierhaltung zu unterstützen. 

Unterbrochenes Säugen führt zur Laktationsrausche

Um dies zu vermeiden, haben die Geschwister Ruckli in Sulz ein neues Absetzsystem entwickelt. Sie verlängern die Säugezeit, bringen die Ferkel verschiedener Würfe während der Säugezeit zusammen und besamen die Sauen schon, während diese ihre Ferkel noch säugen. Die Anzahl abgesetzter Ferkel pro Jahr bleibt etwa dieselbe wie beim konventionellen Absetzen. Wie geht das vor sich?

Drei Wochen nach dem Abferkeln in Einzelbuchten kommen jeweils zwei bis vier Sauen mit ihren Ferkeln in einen Gruppensäugestall.

Die Geschwister Ruckli haben ein neues Absetzsystem entwickelt
Der Umtriebsplan für Sauen und Ferkel. Die Sauen kommen in den Wochen 4 und 5 tagsüber ins Deckzentrum.

Nach einer weiteren Woche trennen die Tierhaltenden die Sauen dann zeitweise von den Ferkeln, indem sie die Sauen tagsüberin den Deckstall bringen. Am Abend dürfen sie wieder zurück zu den Ferkeln. Antonia Ruckli nennt dies «intermittent suckling» oder «unterbrochenes Säugen». Ziel dieses Verfahrens ist es, die Sauen während der Säugezeit in Rausche zu bringen. Es soll eine Laktationsrausche, auch Laktationsöstrus genannt, auslösen. Nach dem Decken in Woche fünf bleiben die Sauen wieder den ganzen Tag bei den Ferkeln, bis sie in Woche acht abgesetzt werden und in die Grossgruppe zurückkommen. Somit wird die Säugezeit auf acht Wochen verlängert.

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Mit dem Absetzen in Woche 8 kommen die trächtigen Sauen zurück in den Liegebereich der Grossgruppe.

Ferkel lernen von der Mutter

Die innovativen Schweinehalter konnten auf diese Weise 24 Ferkel je Sau und Jahr absetzen. Die Verluste nach dem Absetzen betrugen etwa ein Prozent. Als weiteren Vorteil neben der Laktationsrausche der Sauen sieht Antonia Ruckli datin, dass die Ferkel von den Müttern lernen, festes Futter zu fressen. Das führt dazu, dass es beim Absetzen zu geringeren Wachstumseinbussen kommt. Ausserdem verfügen die Tiere über einen Auslauf und mehr Fläche als in der Abferkelbucht.

Insgesamt schliessen die beiden Schweine-Ethologen, dass das Tierwohl beim Gruppensäugen höher ist. Als Nachteile führen sie an, dass das Umstallen mehr Arbeit mit sich bringt und es zusätzlichen Raum für die Gruppensäugebuchten braucht. Im Laufe des Versuches lernten sie, dass es von Vorteil ist, grosse Ferkel schon vor acht Wochen abzusetzen, denn dann kommen die kleineren Ferkel zu mehr Milch.

TMR fördert das natürliche Fressverhalten

Gabriel Ruckli ist der Fütterungsspezialist auf dem Betrieb und hat sich während seiner Semesterarbeit an der Berner Fachhochschule HAFL vertieft mit der Fütterung einer Mischration aus Rau- und Kraftfutter auseinandergesetzt. Ziel war es, ein Fütterungssystem zu entwickeln, das dem natürlichen Futtersuch- und Fressverhalten der Schweine gerechter wird. In der Natur wenden Schweine etwa drei Viertel ihrer aktiven Zeit für die Futtersuche und das Fressen auf. «Die Sauen beissen genüsslich ins Gras», kommentiert Antonia Ruckli die Videoaufnahmen weidender Schweine. Die Fütterung der Sauen mit einer totalen Mischration TMR, wie sie in der Rindviehhaltung genannt wird, soll deren natürlichem Fressverhalten entgegenkommen.

Die Geschwister Ruckli haben ein neues Absetzsystem entwickelt
Die totale Mischration (TMR) mit 30 bis 50 % Kleeanteil soll dem natürlichen Fressverhalten der Sauen entgegenkommen. Sie wird einmal täglich in Raufen angeboten.

Für den Hof in Sulz bot sich eine Kleegrasmischung als hof­eigene Proteinquelle an; ein Sojaanbau sei bei dem dortigen Klima noch nicht möglich. Die TMR wird täglich frisch an einem stationären Futtermischwagen gemischt und dann jeweils am Morgen in die Futterraufen verteilt. Die Grundration bestehend aus 1,4 kg Kraftfutter je Sau, 2,1 kg Gras/Silage und 0,8 kg Heu wird je nach Laktationsstadium der Sauen mit Kraftfutter ergänzt. Die trächtigen Sauen erhalten kein zusätzliches Kraftfutter.

Auf die Zusammensetzung der TMR kommt es an

Als Vorteile nennt Antonia Ruckli, dass die Sauen den ganzen Tag fressen und damit ihr Fressverhalten ausleben können, aber auch, dass sich damit die Fruchtfolge auf dem Betrieb optimieren lässt und sich die Futterkosten senken lassen. Als Nachteile sieht sie den Mehraufwand bei der Fütterung. Diese lässt sich noch nicht wie zum Beispiel bei einer Flüssigfütterung automatisieren. Ausserdem ist es nicht möglich, die Sauen individuell zu füttern.

Als Erkenntnisse aus dem ­Versuch nehmen die beiden Praktiker mit, dass es auf die Zusammensetzung der Kleegrasmischung ankommt, am besten 30 bis 50 % Kleeanteil. Man muss das Futter sorgsam bergen, um Bröckelverluste zu vermeiden und jedes Tier benötigt einen Fressplatz. «Es braucht ein Umdenken», folgern die beiden Schweinehaltungsforschenden. Zwei Anforderungen an die zukünftige Schweinehaltung sind ihnen besonders wichtig: Stallsysteme sollen sich am natürlichen Verhalten der Tiere orientieren und der Kraftfutterverbrauch soll im Grasland durch hofeigene Klee-/Grasmischungen reduziert werden.

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