Kamele im Schnee – ein etwas ungewöhnliches Bild, aber dennoch keine Fata Morgana. An der Grenze zu St. Gallen und unweit vom Bodensee kauen Cleo, Hathia und Shakira gemächlich an den grünen Halmen, die von der weissen Pracht noch nicht vollends bedeckt wurden. Neugierig blicken sie auf, als die Redakteurin die Einfahrt zum Kamelhof Olmerswil in Neukirch an der Thur TG hochfährt. Karin Stiffler wartet bereits am Eingang, in Zeiten von Covid-19 natürlich mit Mund-Nasen-Schutz. An ihrer Seite ihr Lebenspartner Ulli Runge. Gemeinsam führen sie seit 13 Jahren den drei Hektaren grossen Hof mit insgesamt 30 verschiedenen Tierarten. Darunter allerlei Reptilien und Kleintiere sowie 15 Kamele, zwei Alpakas und drei Lamas.
«Wie vertragen die Kamele die Kälte?», fragt die Redakteurin neugierig mit einem erstaunten Blick auf die Tiere. «Sie sind von Natur aus an die Kälte gewöhnt. Im Winter können die Temperaturen in der Wüste Gobi schnell mal bis zu −40°C betragen. Mit ihrem dicken Fell ist das kein Problem», erklärt Ulli.
Gut zu wissen
Kamele lassen sich in zwei Gruppen unterteilen:
Altweltkamele: Sind Grosskamele, zu denen das Dromedar (einhöckriges Kamel) und Trampeltier (zweihöckriges Kamel) gehören.
Neuweltkamele: Sind höckerlose Kleinkamele der Gattungen Lama und Vikunja (z. B. Alpaka).
Private Halter sind oft überfordert
Amira, Brunte, Fatima, Hathia, Hemangi, Khaleesi, Kuthan, Rashid, Sambal, Shakira, Takil, Tengri, T-Rex und Yara stammen nicht, wie man es vermuten würde, aus dem Nahen Osten. Die Tiere wurden in der Schweiz, in Deutschland, Schweden und Frankreich geboren.
Einzig Cleo, die silbergraue 33-jährige Dromedarstute, das älteste Tier in der Herde, stammt aus der Wüste Nordafrikas und kam über die Kanarischen Inseln nach Deutschland. «Man kann die an ihrem Hals angebrachten Brandzeichen noch erkennen», zeigt Ulli. Cleo hatte schon viel erlebt und mindestens zwei Vorbesitzer. Weil ihr bisheriges Zuhause aufgelöst werden musste, kam sie vor vier Jahren in den Besitz von Ulli und Karin. Cleo ist nicht das einzige Tier auf dem Kamelhof, welches eine Vorgeschichte hat. «Im Ausland sind die Haltungsvorschriften weniger streng als in der Schweiz. Wir erhalten deshalb oft auch Kamele von Privatpersonen, die mit den Tieren überfordert waren und sie nicht artgerecht hielten», erzählt Ulli, der vor 20 Jahren in die Schweiz auswanderte.
Kamele sind sehr empfindsam und zeigen lautstark ihre Trauer
Kamele sind sehr soziale und empfindsame Herdentiere. Sie schliessen sogar innerhalb der Herde Freundschaften. «Fehlt einer in der Gruppe, kann man ihre Trauer sehen und lautstark hören!», berichtet Ulli. «Werden sie nicht mindestens zu zweit gehalten, zeigen sie auffällige Verhaltensstörungen.»

Ulli ist ausgebildeter Zoo-Tierpfleger aus dem ostdeutschen Chemnitz und hat über 30 Jahre Erfahrung mit den gemütlichen Paarhufern. Bevor er und Karin, die aus Davos GR stammt, sich selbstständig machten, arbeitete der 47-jährige in diversen Zoos in Deutschland und der Schweiz, wo er sich hauptsächlich auf Kamele spezialisiert hat. Seit einigen Jahren gilt er europaweit als Ansprechpartner für alle Kamelfragen. Karin war ihrerseits im administrativen Bereich tätig. Auf ihren teilweise mehrmonatigen Reisen lernte auch sie die Wüste und Kamele intensiver kennen.
Paar bietet Gnadenhof für Kamele
Aufgrund ihrer geteilten Leidenschaft hielten beide anfänglich vier Kamele als Haustiere. Mit dem Kauf des ehemaligen landwirtschaftlichen Betriebs erfüllten sich Ulli und Karin einen Traum. Sie gründeten den Tierschutzverein «Kamel-Kompetenzzentrum Schweiz».
«Viele Kamele können nach Verletzungen oder im Alter nicht mehr zum Reiten eingesetzt werden und sind dementsprechend für private Halter oder Zirkusse ein Klotz am Bein. Oftmals werden diese Tiere dann aufgrund ihrer körperlichen Einschränkung an irgendwelche Händler verkauft, wo sie ein trostloses, einsames Leben in der Box führen müssen, oder werden gar eingeschläfert. Wir wollen diesen Tieren die Möglichkeit bieten, einen artgerechten und würdigen Lebensabend auf schönen Weiden mit viel Auslauf zu verbringen», erzählt Ulli voller Leidenschaft.
Längerfristige Aufmerksamkeit und Betreuung
Der Kamelhof arbeitet mit den Veterinärämtern zusammen, um im Falle einer fragwürdigen Haltung oder einer Beschlagnahmung beratend zur Seite zu stehen und wenn nötig, die Tiere aufzunehmen. Nachdem sie gesund gepflegt wurden, stellen Ulli und Karin anschliessend die Unterbringung bei kompetenten Haltern wie Kamelhöfen und Tierparks sicher. Die älteren Tiere, die längerfristig besondere Aufmerksamkeit und Betreuung brauchen, verbringen ihren restlichen zufriedenen Lebensabend auf dem Kamelhof Olmerswil.

Kurse für Tierhalter
In Zusammenarbeit mit dem Veterinärdienst gibt Ulli auch Kurse über die artgerechte Haltung. Teilnehmer sind private Personen, die eine Bewilligung benötigen, um Kamele halten zu können. Laut Schätzung von Ulli gibt es zirka 20 bis 30 Halter in der Schweiz.
Seit drei Jahren werden die Kurse in einem ausgebauten Heustock geführt, wo auch orientalische Anlässe abgehalten werden.

Ein hofeigener «Bazar» bietet neben Stofftieren, warmen Socken und Handschuhen aus Kamel- und Alpakahaar auch Kamelhaarkissen und -duvets der eigenen Kamele an.


«Im Frühjahr, beim Fellwechsel, kommt einiges zusammen: Fünf bis sechs Kilogramm pro Tier», sagt Ulli, während er eines seiner Kamele kämt. «Sie können aggressiv werden, vor allem während der Brunftzeit.» Doch der ehemalige Tierpfleger hat seine Tiere im Griff. «Wir trainieren mit ihnen regelmässig.» Das ist auch wichtig, weil Ulli und Karin Kamelaustritte anbieten.

Erlebnisausritte mit Kamelen
In der Vorweihnachts- und Weihnachtszeit sind bei den Besuchern die Erlebnisausritte mit den Kamelen und die nächtliche Fackelwanderung mit den Lamas sehr beliebt. Aufgrund von Corona können diese leider nicht durchgeführt werden. So auch nicht der alljährliche Besuch der Weihnachtsmärkte: «Im Advent ziehen wir gewöhnlich mit Freunden als Weise aus dem Morgenland verkleidet mit den Kamelen von Weihnachtsmarkt zu Weihnachtsmarkt. Das ist immer ein Highlight des Jahres», blicken beide zurück und hoffen auf bessere Zeiten.

Weil ihr Hof so nicht als landwirtschaftlicher Betrieb zählt, erhalten beide keine Subventionen. Familie und Freunde stehen Ulli und Karin in dieser schwierigen Zeit zur Seite.
Drei Könige und ihr Kamel
Als «Heilige Drei Könige» oder «Weise aus dem Morgenland» bezeichnet die christliche Tradition die in der Weihnachtsgeschichte des Matthäus-evangeliums erwähnten «Sterndeuter» (Matthäus 2, 1–12). Sie wurden durch den Stern von Bethlehem zum Neugeborenen Jesus Christus nach Jerusalem geführt.
Gaben für das Jesus-Kind
Gemäss dem Alten Testament brachten die drei Könige Gaben mit: «Gold, dem grossen König, Weihrauch, dem wahren Gott und Myrrhe für sein Begräbnis.» Ihre Namen Caspar, Melchior und Balthasar werden in der Bibel nicht genannt. Sie tauchten erst im achten und neunten Jahrhundert auf. Begleitet werden sie von ihren Reittieren: König Balthasar, als Vertreter des asiatischen Kontinents, reitet auf dem Kamel; Caspar auf dem Elefanten, als Vertreter Afrikas, und Melchior auf dem Pferd, als Vertreter der Europäer.
Am 6. Januar werden die Heiligen Drei Könige geehrt
In der katholischen Kirche werden die drei Könige beim Fest der Erscheinung des Herrn (Epiphanias) am 6. Januar geehrt. Kinder und Jugendliche ziehen als Sternsinger von Haus zu Haus, sammeln Spenden und schreiben zum Schutz mit Kreide
die aktuelle Jahreszahl und «C+M+B» an die Türen. Die Buchstaben stehen für «Christus mansionem benedicat», was aus dem Lateinischen übersetzt bedeutet «Christus, segne dieses Haus».

