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Mutterkorn trotz heissem und trockenem Sommer – jetzt vorbeugen

Für die Infektion mit dem Mutterkorn-Pilz reichen kurze, günstige Zeitfenster. Für die anstehende Weizensaat sollten Landwirt(innen) auf Prävention setzen.

Der Mutterkorn-Pilz (Claviceps purpurea) ist seit Langem als Krankheitserreger in Getreide und Gräsern bekannt und wurde vor allem mit Roggen in Verbindung gebracht. Nach einer längeren Phase mit geringer Bedeutung rückt der Pilz seit etwa zwei Jahren wieder stärker in den Fokus. Auffallend ist das zunehmende Auftreten von Mutterkorn in anderen Getreidearten, wie auch in Weizen.

Nur wenige Sklerotien sind tolerierbar

Die zulässigen Grenzwerte für die Überdauerungsstadien (Sklerotien) von Mutterkorn pro 500 g Getreide variieren je nach Kultur und Saatgutkategorie: Für Weizen und Triticale liegt die Grenze bei einem Sklerotium für Präbasis- und Basissaatgut (PB/B) sowie bei drei Sklerotien für zertifiziertes Saatgut der ersten und zweiten Vermehrung (Z1/Z2). Bei Roggen (Z1) gilt ebenfalls ein Grenzwert von drei Sklerotien, bei Hybridroggen von vier.

Vorhanden, aber nicht in zu grossen Mengen

Aktuelle Auswertungen der schweizerischen Saatgutzertifizierungsstelle zeigen, dass der Anteil an anerkannten zertifizierten Saatgutposten der 1.  und der 2. Vermehrung mit nachgewiesenem Mutterkorn in den Jahren 2024 (3,1 %) und 2025 (5,2 %) deutlich gestiegen ist. In den betroffenen Posten wurde die zulässige Zahl an Sklerotien nicht überschritten, sodass alle anerkannt werden konnten. 2026 wurde Mutterkorn noch bei 1,7 % der Posten nachgewiesen.

Damit lag der Anteil unter dem Sechsjahresdurchschnitt von 2,3 % (2020–2025). Auch die Zahl der Proben, die aufgrund einer Überschreitung des jeweils geltenden Mutterkorn-Grenzwerts abgewiesen werden mussten, war sehr gering: Bei der Agroscope-Saatgutzertifizierung wurde 2024 lediglich eine Probe abgewiesen, 2025 keine und 2026 zwei Proben.

Die Zeit im Frühling und während der Blüte entscheidet

Dass Mutterkorn 2026 regional stärker auftrat, überrascht zunächst, da von Mai bis August vorwiegend hohe Temperaturen herrschten und wenig Niederschlag fiel. Für die Infektion mit C. purpurea sind jedoch nicht die Bedingungen während der gesamten Vegetationsperiode entscheidend, sondern jene im Frühling und während der Blüte.

Im Frühjahr 2026 gab es feuchte, kühlere Perioden, die die Keimung der Sklerotien und Gräser-Infektionen begünstigt haben. In der lang anhaltenden Hitzeperiode ab Mai gab es eine Woche Ende Mai bis Anfang Juni, in der es feucht, mild und damit günstig für den Mutterkorn-Pilz war. Genau in dieser Zeit blühten die späten Winterweizenbestände sowie Sommerweizen und Triticale.

Dieses kurze günstige Zeitfenster könnte die Mutterkorn-Infektionen im Getreide begünstigt haben. Zusätzlich könnte der Hitzestress eine Rolle gespielt haben: Hohe Temperaturen während der reproduktiven Phase beeinträchtigen die Pollenqualität und reduzieren die Befruchtung sowie den Kornansatz. Eine verzögerte Befruchtung verlängert die Empfänglichkeit der Getreideblüten für C. purpurea. Nachfolgende Hitze und Trockenheit machen eine bereits erfolgte Infektion nicht rückgängig.

Sporen + offene Blüten = Infektion

Mutterkorn-Sklerotien überdauern den Winter im Boden. Bei geeigneten Temperaturen und ausreichender Feuchtigkeit keimen sie und bilden Fruchtkörper, aus denen Askosporen freigesetzt werden (siehe Titelbild). Versuche unter kontrollierten Bedingungen zeigen bei Temperaturen zwischen 10 und 20 °C gute Bedingungen für die Keimung.

Hohe Luftfeuchtigkeit sowie die Befeuchtung der Sklerotien durch Niederschläge fördern die Freisetzung der Askosporen. Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung spielen zudem Insekten: Auf infizierten Blüten bildet der Pilz Honigtau, der zahlreiche Konidien enthält. Dieser lockt Insekten an, die die Konidien verbreiten.

Für eine C.‑purpurea‑Infektion ist keine feuchte Witterung über Tage oder Wochen erforderlich. Ein kurzes Feuchtefenster unmittelbar vor oder während der Blüte kann ausreichen. Treffen freigesetzte Sporen und offene Blüten zusammen, kann eine Infektion stattfinden.

Gräser als wichtige Infektionsquelle

Claviceps purpurea und andere Claviceps-Arten befallen viele Gräserarten, die als Ausgangspunkt für Infektionen dienen. Agroscope bestimmt deshalb auch Gräser-Sklerotien genetisch. Infektionsversuche in Klimakammern mit Reinkulturen dieser Isolate könnten klären, welche Getreidearten von diesen Isolaten befallen werden können.

Für das kommende Jahr sind Feldversuche mit ausgewählten Getreidesorten geplant, in denen die Unterschiede in der Sortenanfälligkeit geprüft werden. Zudem werden Klimakammer-Versuche zur Unterdrückung der Sklerotien-Keimung durchgeführt. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den von C. purpurea gebildeten Ergot-Alkaloiden, die für die Qualität und Vermarktung von Getreide relevant sind.

Ergot-Alkaloide sind äusserst giftig und können die Gesundheit von Mensch und Tier gefährden. Überschreiten Getreideposten die gesetzlichen Höchstwerte für Lebensmittel, können sie zurückgestuft oder sogar aberkannt werden. Das kann zu grossen finanziellen Einbussen führen. Somit ist Mutterkorn nicht nur ein pflanzenbauliches, sondern auch ein wirtschaftliches Problem.

Was bedeutet das für die kommende Saison?

Das Jahr 2026 zeigt, dass die Annahme «heiss und trocken = kein Mutterkorn» zu kurz greift. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Temperatur, Feuchtigkeit, Sklerotien-Keimung, Sporenfreisetzung, Blühdauer und Befruchtung und ob geeignete Wirtspflanzen vorhanden sind.

Um Mutterkornbefall in der Feldsaison 2027 zu vermeiden, helfen verschiedene Massnahmen: anfällige Strohgetreidesorten nicht direkt aufeinanderfolgen lassen, zertifiziertes, auf Sklerotien kontrolliertes Saatgut verwenden, Ungräser und Ausfallgetreide konsequent regulieren sowie die Bodenbearbeitung anpassen.

Durch eine gezielte Einarbeitung der Mutterkorn-Sklerotien in tiefere Bodenschichten (mindestens 10 cm) kann ihre Keimung und somit das Infektionspotenzial für nachfolgende Getreidebestände reduziert werden. Im Folgejahr sollte nicht erneut gepflügt werden, um die Sklerotien nicht wieder an die Oberfläche zu bringen. Eine flache Bodenbearbeitung sollte vermieden werden, da dadurch Sklerotien wieder in die oberflächennahe, keimungsfähige Bodenschicht gelangen können.

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