Kurz & bündig - Der Zeitaufwand beim Ausfüllen eines Klimarechners unterscheidet sich von Rechner zu Rechner. - Oft geht die Verbesserung der Klimaleistungen eines Betriebes automatisch auch mit einer höheren Wirtschaftlichkeit einher. - Der Vergleich mit den Klimaleistungen anderer Betriebe motiviert und der Austausch mit anderen teilnehmenden Landwirten ist oft ein Gewinn für den eigenen Betrieb.
Landwirt Quentin Francillon betreibt gemeinsam mit seinem Vater Pascal Ackerbau und Mutterkuhhaltung. Neben den eigenen Tieren nehmen die Landwirte noch weitere Mutterkühe zur Sömmerung auf. Über das Jahr gerechnet entspreche dies etwa 30 GVE. Auf insgesamt 100 Hektaren bauen sie Weizen, Raps, Zuckerrüben, Mais und Sonnenblumen, in manchen Jahren ausserdem Gerste, Soja, Körnersorghum und Quinoa an. Quentin Francillon nutzt für den Betrieb den französischen Klimarechner CAP’2ER, der von der Agridea an die Schweizer Bedingungen angepasst wurde.
CAP’2ER ist eines der von Agroimpact anerkannten Tools, neben beispielsweise dem Treibhausgas-Bilanzierungsmodell KLIR oder dem World Climate Farm Tool (WCFT). Zur Messung der Kohlenstoffspeicherung in Böden nutzt Francillon ein von der HEPIA (Haute école du paysage, d’ingénierie et d’architecture de Genève) entwickeltes Tool. Agroimpact berücksichtigt neben den Berechnungen der Treibhausgasemissionen auch die Kohlenstoffspeicherung mit dem Rechner der HEPIA. Sobald die CO₂-Bilanz durchgeführt ist, erhalten teilnehmende Landwirte im Rahmen des Agroimpact-Verfahrens eine ClimaCert-Bescheinigung, welche die Ergebnisse des Betriebes bestätigt. «Zum Ausfüllen des Klimarechners sollte man administrativ gut organisiert sein», rät der Landwirt, denn damit die Ausgangssituation korrekt berechnet werden kann, müssen viele Dokumente parat liegen. «Das bedeutet einige Stunden Büroarbeit», stellt Francillon klar.
CAP’2ER ist eines der von Agroimpact anerkannten Tools
Die Ausgangsbilanz für seinen Betrieb erstellte er 2022. 2024 wurde der daraus resultierende Massnahmenkatalog umgesetzt. Die Massnahmen zielen dabei entweder darauf ab, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren oder die Robustheit und Fruchtbarkeit der Böden zu verbessern.
«Mit den verschiedenen Hebeln, die wir eingeführt haben, konnten wir unsere CO₂-Bilanz deutlich verbessern», so der Landwirt. Er befürwortet die Flexibilität der Massnahmen sowie die Tatsache, dass er sich als Betriebsleiter jene Massnahmen aussuchen kann, die er für seinen Betrieb umsetzen will. «Wir haben an verschiedenen Hebeln gearbeitet: Reduktion der Bodenbearbeitung, Ausbringung von Kompost, Ersatz eines Teils der Handelsdünger durch Hofdünger, Installation eines GPS-Systems sowie Aussaat von Gründüngungen und Zwischenkulturen in einem Arbeitsgang», erklärt Francillon.
Bei der Umsetzung der Massnahmen wurden die Betriebsleiter von einem Berater von Pro Conseil begleitet. Die erhaltenen Berichte seien sehr komplex und allein schwer zu interpretieren gewesen, so der Landwirt. «Zum Glück hat uns ein Berater begleitet, um die Ergebnisse zu verstehen und unsere Daten besser einordnen zu können», fügt er hinzu.
Für Quentin Francillon bedeutet die Erstellung einer CO₂-Bilanz für die einheimische Produktion einen echten Vorteil gegenüber importierten Produkten. Es sei eine Aufwertung der Schweizer Landwirtschaft, ihrer Produkte und ihrer guten Praktiken. Auch wirtschaftlich lohnt sich die Bilanzierung.
Unterscheiden muss man jedoch zwischen dem Berechnungsinstrument CAP’2ER und dem Ansatz von Agroimpact, denn CAP’2ER selbst steht in keinem Zusammenhang mit finanziellen Förderungen. Letztere erhalten teilnehmende Landwirte und Landwirtinnen, weil sie die Klimabilanzierung mit Agroimpact durchgeführt sowie Massnahmen zur Verbesserung der Fruchtbarkeit und Widerstandsfähigkeit der Böden umgesetzt haben. Über die Finanzierungsplattform von Agroimpact können Landwirte auch private finanzielle Unterstützung in Form von Klimaprämien für ihre Bemühungen erhalten. Hierbei handelt es sich um eine Insetting-Plattform von Agroimpact, die Finanzmittel von der Lebensmittelindustrie sammelt und an landwirtschaftliche Betriebe weiterverteilt, welche CO₂-Einsparungen bei jenen landwirtschaftlichen Erzeugnissen erzielen, die von den Geldgebern verarbeitet oder verkauft werden. «Auf unserem Betrieb betrifft dies Weizen, Raps, Sonnenblumen und Zuckerrüben. Diese von der Lebensmittelindustrie bezahlten Prämien hängen ebenfalls von den umgesetzten Massnahmen ab», erklärt Francillon, der mit den wirtschaftlichen Auswirkungen dieses Vorgehens für seinen Betrieb zufrieden ist.

Klimastar Milch stellt Testdaten zur Modellierung bereit
Landwirt Markus Gisler bewirtschaftet seinen Betrieb in der voralpinen Hügelzone. Auf 18 Hektaren betreibt er Futterbau und baut Silomais an, zudem hält er 40 Holstein-Milchkühe und 300 Mastschweine. Gisler nutzt den Klimarechner Klimastar Milch. Das gleichnamige Ressourcenprojekt wurde von den Projektträgern Nestlé, Emmi, Aaremilch AG, ZMP, Agro-Clean-Tech und dem Bundesamt für Landwirtschaft 2022 gestartet. Zu Beginn des Projektes wurde im Rahmen eines Workshops die Ausgangslage anhand der Referenzjahre 2019 bis 2021 erhoben. 2022 erhielt Markus Gisler zum ersten Mal eine Prämie für seine Klimaleistungen.
Nun muss er den Klimarechner nur noch Anfang des Jahres einmal ausfüllen. «Mittlerweile geht das Ausfüllen schnell. Doch am Anfang hat es schon eine Weile gedauert, bis man das Prinzip verstanden hat. Ohne die begleitenden Workshops wäre es zu Beginn nicht gegangen», erzählt der Milchviehhalter. Der Klimarechner stelle auch Testdaten zur Verfügung, so Gisler. So könne man verschiedene Szenarien für den eigenen Betrieb durchspielen. Wie würden sich zum Beispiel andere Futtermittel auswirken? Welche Massnahmen führen zu wie viel CO₂-Reduktion? «Das ist sehr wertvoll», sagt Markus Gisler. Am Anfang habe er sich rund ums Jahr sehr eingehend mit dem Rechner beschäftigt. Gerade im Bereich der Fütterung von Nebenprodukten sei es interessant, zu sehen, welche Effekte man mit deren Einsatz erzielen könne, wo es Sparpotenziale gebe und welche Prämien damit verknüpft seien.

Emissionen und gleichzeitig Geld sparen.
Markus Gisler, Landwirt
CO2-Reduktion und geringere Nahrungsmittelkonkurrenz
Der Klimarechner Klimastar Milch sei auf zwei Elementen aufgebaut, erklärt Markus Gisler. Im Fokus des einen steht die konkrete CO₂-Re-duktion basierend auf der Treibhausgasemission pro kg Milch, während man sich im zweiten Element mit der Reduktion der proteinbasierten Nahrungsmittelkonkurrenz beschäftigt. «Die Treibhausgasemission pro kg Milch kann man gut reduzieren, wenn die Milchleistung durch die Fütterung von energiedichten Futtermitteln wie Silomais, Getreide und proteinergänztem Sojaschrot erhöht wird. Dieser Effekt hat mich zunächst überrascht», sagt er. Gleichzeitig steige mit der betrieblichen Entscheidung hin zu höheren Leistungen allerdings der Wert der Nahrungsmittelkonkurrenz, weil solche energie- und proteindichten Futtermittel auch für die menschliche Nahrung genutzt werden könnten. Das Gleichgewicht zwischen der Reduktion der Treibhausgase und der Nahrungsmittelkonkurrenz zu halten, mache die Sache schwierig. Dieses Grundprinzip zu verstehen, sei der erste Schritt für die erfolgreiche Nutzung des Klimarechners Klimastar Milch, erklärt Gisler, der die Arbeit mit dem Klimarechner sehr nüchtern und wirtschaftlich betrachtet. Ein wichtiger Orientierungspunkt für ihn seien die Prämien, die für die Umsetzung der Massnahmen gezahlt würden. «Die Prämien haben für mich einen wirtschaftlichen Nutzen», sagt Markus Gisler klar. Dass in der Nutzung des Klimarechners so viel Potenzial liege, habe er zu Beginn nicht erwartet.
Im Austausch mit anderen Betrieben, die den Klimarechner nutzten, zeige sich jedoch: Nicht für alle Betriebe bringe der Klimarechner einen vergleichbaren wirtschaftlichen Nutzen. «Gerade Betriebe im Berggebiet, deren Futter grösstenteils auf Grasland basiert, haben weniger Möglichkeiten zur Reduktion. Dies wird jedoch beim Klimarechner abgefedert», sagt Gisler und erklärt weiter: «Da diese Betriebe bei der Eingabe der Grunddaten in der Nahrungsmittelkonkurrenz schon gut abgeschnitten haben, mussten sie im Verhältnis weniger Reduktion erbringen, um dieselbe Prämie zu erhalten.»
Was konnte nun Markus Gisler konkret an Massnahmen umsetzen, um die Emissionen seines Betriebes zu mindern? «Viele Massnahmen korrelieren eigentlich mit fachlicher Praxis zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit. Ein Beispiel dafür ist die längere Nutzungsdauer der Milchkühe – durch die geringere Remontierungsrate werden Emissionen gesenkt und gleichzeitig Geld gespart.» Ein weiteres Beispiel sei die Einsparung von Kraftfutter durch die Erhöhung der Grundfutterqualität. Das mache das System ebenfalls effizienter. Um dies auf dem Betrieb umzusetzen, sei ein jährlicher Beratungstermin verpflichtend, erzählt der Landwirt. «Die Beratungstage werden bei uns vom BBZN Hohenrain organisiert. Dabei trifft man sich mit mehreren teilnehmenden BerufskollegInnen auf verschiedenen Betrieben. Es werden bestimmte Themen besprochen und man hat die Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen. Anwesend sind auch immer Berater als Ansprechpersonen zum Thema Klimarechner. Das ist viel wert», sagt Gisler.
Das Klimapunktesystem gibt gesamtbetriebliche Anschauung
Michael Sutter hält 71 Swiss-Fleckvieh-Kühe, produziert Kalbfleisch und bewirtschaftet in einer Betriebszweiggemeinschaft mit seinem Nach-barn knapp 60 Hektaren, die sich primär aus Kunst- und Naturwiesen und etwa 9 Hektaren offener Ackerfläche zusammensetzen. Die Fruchtfolge besteht aus Winterweizen, Silomais und Urdinkel. «Wir sind schon ewig ein IP-Suisse-Betrieb. Beim Klimapunktesystem habe ich von Beginn an mitgemacht, seit es 2021 lanciert wurde», erzählt der Landwirt. Für den zahlenaffinen Tierhalter war das Ausfüllen des Klimapunktesystems keine grosse Herausforderung.
Aktuell wurde das Klimapunktesystem erweitert. Es gebe nun mehr Parameter, die man ausfüllen könne, wenn diese zum Betrieb passen. Die Beweidung, die auf dem Betrieb von Michael Sutter eine grosse Rolle spielt, werde durch die neuen Parameter besser berücksichtigt. «Mit den neuen Parametern wurde das Ausfüllen aber nicht komplizierter. Alles ist gut dokumentiert und der Rechner ist eigentlich selbsterklärend», erzählt Sutter.
Nach der Initialausfüllung 2021 musste der Landwirt nur jährlich kontrollieren, ob alles noch aktuell ist. Der Arbeitsaufwand liege in der Regel nicht über einer halben Stunde. «Viele klimarelevanten Punkte wie Heizsystem oder Stromverbrauch bleiben in der Regel gleich. Da muss man nicht viel ändern», so der Landwirt. Den höchsten Nutzen, den er aus den Resultaten des Klimarechners zieht, ist die Sichtbarkeit der Reduktionsleistung. Manche Massnahmen hatte Sutter als Pionierleistungen auch schon vor der Einführung des Rechners auf seinem Betrieb umgesetzt. Mit der Anwendung des Klimapunktesystems werden diese nun quantifiziert und es wird aufgezeigt, was auf dem Betrieb bereits geleistet wird. «Leider habe ich den Mehrwert, dass der Markt diese Leistungen finanziell entschädigt, noch nicht», sagt Michael Sutter.

Der Klimarechner hat einen Gaming-Effekt.
Michael Sutter, Landwirt
Ökonomische Aspekteals Treiber der Emissionssenke
Spannend sei aber auch der Benchmark-Aspekt: Man sieht, wo man im Vergleich mit anderen betrieblich steht. «Dabei entsteht ein Gaming-Effekt. Es hat schon einen gewissen Reiz, nicht das Schlusslicht zu sein», erklärt Sutter mit einem Augenzwinkern. Man schaue immer nach weiteren Möglichkeiten, sich in der betrieblichen Klimaleistung zu verbessern, und fälle anhand dessen unter Umständen auch Investitionsentscheidungen. «Ich kann meine Hebel also selbst wählen. Unsere Klima-leistungen konnten wir mit dem Einsatz von Gründüngung und mit einer Verlängerung der Nutzungsdauer verbessern. Die Reduktion der Bodenbearbeitung ist bei uns auch immer ein Thema. Letztendlich stehen dahinter auch ökonomische Aspekte», sagt er. Was er am Klimapunktesystem von IP-Suisse schätzt, ist, dass der gesamte Betrieb berücksichtigt wird, statt nur einzelne Betriebszweige. «Das macht für mich viel Sinn», schlussfolgert Michael Sutter.
World Climate Farm Tool Gemäss einer aktuellen Pressemeldung von Bio-Inspecta haben Nutzer und Nutzerinnen des digitalen Hofmanagementsystems «Barto» nun die Möglichkeit, ihre Klimaleistungen anhand eines neuen Bausteins in der Barto-Plattform berechnen, auswerten und zertifizieren zu lassen. Der nun integrierte Klimarechner ist das von Bio-Inspecta entwickelte World Climate Farm Tool. NutzerInnen können ihre Klimaleistungen sowohl für einzelne Betriebszweige als auch über den Gesamtbetrieb hinweg berechnen lassen. Fachlich begleitet werden die Betriebe dabei von Bio-Inspecta. Basierend auf den generierten Daten erhält der Betrieb daraufhin verschiedene Klimazertifikate, die von einer unabhängigen Validierungs- und Zertifizierungsstelle ausgegeben werden. Wer für seine Klimaleistungen Prämien erhalten will, muss zudem an einem Programm wie beispielsweise Agroimpact teilnehmen, welches diese finanziell entschädigt.

