Es lässt sich darüber streiten, ob Unkräuter für die Landwirtschaft Ärgernis oder Werkzeug sind. Dietmar Näser von der «Grünen Brücke - Büro für Regenerative Landwirtschaft» hat dazu eine klare Meinung: «Unkräuter sind die Antwort der Natur, verloren gegangenes Bodenleben wieder herzustellen.» An einem Webinar, organisiert von der Fachstelle Biolandbau des BBZ Arenenberg, erklärte er die komplexen Zusammenhänge zwischen Pflanzen und Bodenleben. Näser ist ein Pionier der regenerativen Landwirtschaft in Europa und seit fast 20 Jahren im Bereich der Pflanzenbauberatung tätig.
Bodenleben ins Gleichgewicht bringen
Unkräuter würden zu Unrecht verteufelt, findet Dietmar Näser und fordert einen Paradigmenwechsel. «Wir müssen unsere Anschauung ändern. Wir müssen uns nicht die Frage stellen ‹Wie geht das weg?›, sondern ‹Warum steht das hier und was macht es dort?›.» Unkraut – oder Beikraut wie es Näser nannte – tritt auf, wenn das mikrobielle Bodenleben abnimmt und dadurch Nährstoffe ungebunden sind. Die Unkräuter sammeln diese ungebundenen Nährstoffe und stellen das Bodenleben wieder her. Die Gründe, weshalb das Bodenleben aus dem Gleichgewicht gerät, sind vielfältig:
- Verdichtungshorizonte und Bearbeitungsfehler.
- Hohe Mengen mineralischer Dünger, wenn der Bedarf erst später ansteigt.
- Düngung mit faulenden organischen Düngern und deren Einarbeitung.
- Zu intensive oder zu reichliche Bodenbearbeitung.
Treten Problempflanzen auf einer Fläche auf, ist dies immer ein Indiz für ein gestörtes Bodenleben. Nicht umsonst nennt man Unkräuter auch Zeigerpflanzen. «Wenn eine Komponente weg ist, weil die dazugehörige Mikrobiologie nicht aktiv oder tot ist, macht die Natur dieses Loch wieder zu – und zwar mit Unkraut», erläuterte Näser. Er empfiehlt, zum Spaten zu greifen, die ganze Pflanze auszustechen und diese genau zu betrachten. In den meisten Fällen zeige sich, wo die Ursache für das Wachstum genau dieses Unkrauts ist.
Teilnehmer schildern ihre Problempflanzen
Näser ging während seines Referats auch auf die Fragen der Teilnehmer ein. Diese Tipps gab Näser zu ausgewählten Unkräutern und ihrer Bekämpfung.
- Blacken: Wenn möglich, die Nutzung ändern (Wechsel zwischen Weide- und Schnittnutzung). Güllebelebung in Betracht ziehen. Nach den ersten beiden Schnitten eine Vitalisierung machen mit Komposttee plus ein Ferment, in dem Ampfer, Kalk (saures Milieu) und Bor (wegen der Futterwirtschaft) enthalten sind. Dieses Milieu hat eine starke Blacken unterdrückende Wirkung. Es dauert aber sicher ein Jahr, bis die Blacken ganz verschwinden.
- Disteln: Bei maschinengängigem Grünland zwischen Schnitt und Beweidung wechseln. Wo dies nicht möglich ist, mit der Intensität der Weide zu variieren. Pausen machen zwischen den Aufwüchsen, damit das Gras stärker bestocken kann. Falls organisch gedüngt wird, Gülle beleben. Fauliger Mist, Kompost oder Gülle fördern Distelwuchs.
- Kanadisches Berufkraut: Für Bodengare sorgen durch Bodenbearbeitung, Saatbettbereitung und Saat eines mehrfachen Gemenges. Blattspritzung mit Komposttee könnte Vitalisierung der anderen Pflanzen unterstützen. Unkräuter vertragen Vitalisierung schlecht. Möglich, dass dadurch das Berufkraut zum Wachstumsstillstand kommt.
- Spitzwegerich: Hinweis auf Verdichtung. Mit dem Wiesenlüfter vertikutieren. Wenn das nicht reicht, Narbenlüfter einsetzen. Bei beiden Varianten mit Fermenteinspritzung. Dieselbe Vorgehensweise hilft auch gegen das Jakobskreuzkraut.
Pflanzen beobachten statt bekämpfen
«Erst wenn man die Unkräuter liest, erkennt man, wo das Problem im Bodenleben liegt und kann entsprechend handeln», lautete die Quintessenz von Dietmar Näsers Referat. Und er forderte ein radikales Umdenken beim Thema Unkraut, gerade im Hinblick auf die zunehmenden Resistenzen. «Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir überdenken müssen, ob wir wirklich noch so weitermachen wollen», sagte Näser und warnte: «Wenn wir weiterhin ignorieren, welche Aufgaben Unkräuter für die Bodenbelebung wirklich haben, erschlägt uns das Problem der Resistenz endgültig.»
Näser nannte dazu ein Beispiel aus den USA von einer Riesenambrosia, die höher wächst als Mais. Zur Bekämpfung wurden Wirkstoffkombinationen eingesetzt, die schlussendlich zu Abdriftschäden auf über 2,5 acre Land (das entspricht 1 Mio Hektaren) führten. «Das ist das Endstadium der Ignoranz der Funktion der Unkräuter», meinte Näser. Er fordert die Bäuerinnen und Bauern dazu auf, sich aus der Kampfhaltung zu verabschieden und in eine beobachtende Haltung überzugehen. «Nur so erkennen wir, was Unkräuter für eine Aufgabe haben.»

