Im Kartoffelbau macht den Produzenten vor allem die Krautfäule zu schaffen. Die Sorten auf der Sortenliste für Kartoffeln sind wenig resistent gegenüber dieser Pilzkrankheit und müssten häufig mit Fungiziden behandelt werden. «Wollen wir gute Erträge und Qualität mit weniger Pflanzenschutzmittel produzieren, brauchen wir entsprechende robuste Sorten», mahnt Andreas Keiser, Professor für Ackerbau und Pflanzenzüchtung an der Berner Fachhochschule und Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL).
Am vergangenen Freitag eröffnete er das Kartoffelevent an den Feldtagen in Kölliken AG: «Vom Produzenten bis zum Detailhandel wollen wir diskutieren, wie wir robuste Kartoffelsorten auf den Markt bringen können. Nur gemeinsam können wir das schaffen.»
Grossteil der Kartoffelsorten ist anfällig
Von der Forschung kommt Patrice de Werra zu Wort. Er ist Wissenschaftler an der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope und leitet die Sortenprüfung und Anbautechnik im Fachgebiet Kartoffeln für die Deutschschweiz. De Werra blickt kurz in die Vergangenheit der Kartoffeln zurück: Vor Tausenden von Jahren begann der Mensch die wilden Kartoffelpflanzen zu domestizieren und diese auf einen höheren Ertrag hin zu züchten. Das resistente Gen gegen die Krautfäule, welches die wilden Kartoffelpflanzen in sich trugen, sei dabei verloren gegangen, erklärt er. Heutzutage sieht es nicht anders aus: «Wenn EU-Züchter neue Kartoffelsorten suchen, konzentrieren sie sich auf hohe Hektarerträge, schön gleichmässig aussehende Knollen, eine hohe Qualität bei einer langen Lagerung und eine cremige Fleischfarbe. Denn Masse ist gleich Kasse», weiss er. Auf diese Merkmale würde mehr Wert gelegt als auf resistente Eigenschaften.
«Auf äussere Merkmale wird mehr Wert gelegt beim Züchten als auf Robustheit»
Patrice de Werra, Wissenschaftler am landwirtschaftlichen Forschungsinstitut Agroscope.
«Warum? Wir hatten Mittel gegen Krautfäule, weshalb wir die Augen bisher geschlossen hielten. Wir spüren nun die Konsequenz. Ein Grossteil der Sorten auf der Liste der zugelassenen Kartoffelsorten ist anfällig gegen Krautfäule. Eine 50 % Risikoreduktion von Pflanzenschutzmitteln können wir so bis 2027 nicht erreichen», warnt de Werra. Wie können wir das ändern? «Wir müssen schrittweise den Anteil Krautfäule-resistenter Sorten erhöhen, so auch deren Anbaufläche, um das Ziel erreichen zu können», so der Wissenschaftler.
Zwei robuste Sorten auf der Liste
Swisspatat testet derzeit zusammen mit Agroscope und der HAFL im Rahmen des Projektes «Low-Input Kartoffelsorten» verschiedene Sorten auf ihre Anfälligkeit auf die Kraut- und Knollenfäule sowie ihre Toleranz gegenüber Hitze und Trockenheit, damit vermehrt robuste Sorten in die Sortenliste aufgenommen und angebaut werden.
Projekt «Low-Input Kartoffelsorten»
Aus dem Projekt haben es dieses Jahr zwei Kartoffelsorten auf die Schweizer Sortenliste geschafft: Acoustic und Twinner. Sie wurden im genannten Projekt während zwei Jahren auf sechs Praxisbetrieben im Vergleich mit der Referenzsorte Jelly und einer weiteren Sorte als robuste Kandidatin (Almonda) getestet. Kein Befall, selbst bei grossem Druck Zu Beginn des Projektes hat man die Sorten auch in Kleinparzellenversuchen mit Agria (mittel Krautfäule-resistent) verglichen, wie Stefan Vogel, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HAFL, ausführt. Zunächst wurden die robusten Sorten (2020) nicht gegen Krautfäule behandelt. Dabei habe Acoustic zwar Befall gezeigt, allerdings nur wenig und ohne weitere Vermehrung des Erregers (keine Sporulierung). Twinner blieb sehr vital und wies keine Flecken auf, selbst bei sehr grossem Druck. Almonda wurde ebenfalls nicht behandelt, zeigte aber deutlichen Befall. Agria dagegen erhielt eine 8-malige Behandlung und hatte mehr Blattbefall aufzuweisen als die unbehandelten Sorten Acoustic und Twinner. Nicht vollständig auf Fungizide verzichten «Das Ziel ist es jedoch nicht, bei den robusten Sorten vollständig auf die Fungizidbehandlungen zu verzichten», betont Vogel. Es sollten trotzdem zwei bis drei Behandlungen durchgeführt werden, um die Resistenz der Sorten zu schützen. In den Praxisversuchen wurden die Sorten gezielt mittels Prognosemodellen behandelt (s. Grafik). Es habe sich gezeigt, dass die robusten Sorten Acoustic oder Twinner ohne grösseres Risiko mit einer deutlichen Fungizidreduktion angebaut werden können.

Weniger gut lagerfähig
Nachteile zeigten sich in der Lagerfähigkeit der robusten Sorten: Acoustic etwa war im vergangenen Jahr weniger gut lagerfähig. Sie sei bereits im Oktober ausgekeimt und habe vermehrt Silberschorf und Colletotrichum im Lager entwickelt, sagt Stefan Vogel. Man müsse aber relativieren: Alle anderen Sorten hätten aufgrund des heissen Sommers 2022 ebenfalls Probleme gemacht. Die Lagerfähigkeit wurde zu einer enormen Herausforderung. Die Erträge und Erlöse der beiden robusten Sorten fielen jedoch ähnlich gut aus wie die der betriebsüblichen Sorten.
Deutliche Fungizidreduktion möglich
Vogel zieht ein Fazit: Mit robusten Sorten könne der Fungizideinsatz und somit das Risikopotenzial für die Umwelt deutlich gesenkt werden. Bleibe die Sortenliste unverändert, sei es unmöglich, die Ziele des Absenkpfades zu erreichen.
Als Beispiel nennt er die Sorte Colomba, welche dieses Jahr – trotz hoher Anfälligkeit gegenüber der Krautfäule – in die Sortenliste aufgenommen wurde. Die ersten Krautfäuleherde in diesem Jahr wurden schon früh bei dieser Sorte gefunden. Würde anstelle dieser Sorte eine robuste wie Twinner unter Folien angebaut, könnte der Krankheitsverlauf deutlich verzögert werden.
Landwirte brauchen Mut
Hierzu kam Christoph Kohli, Verantwortlicher für Pflanzgut- und Veredelungskartoffeln bei Inoverde (Fenaco), zu Wort. Die Sorte Colomba sei über Jahre hinweg in der Schweiz bei den Produzenten stark nachgefragt gewesen, trotz bekannter Anfälligkeit für Krautfäule. Es brauche daher auch Mut von Seiten der Produzenten, auf neue Sorten zu setzen. Von Seiten des Handels sei es wichtig, die Vermarktungsfenster richtig zu legen, damit «wir die Sorten auch in den Markt bringen können». Zudem seien auch die Industriebetriebe gefordert, Kompromisse einzugehen und auf Sorten mit grösserer Resistenz zu setzen.
Aber die Markteinführung neuer Sorten benötige Zeit. «Die Entwicklung zahlreicher Sorten ist im Aufbau. Die Züchtungsunternehmen sind schon seit Längerem dabei, Fortschritte zu machen», sagt er. Allerdings brauche es 10 bis 12 Jahre, bis eine neue Sorte gezüchtet sei und nochmals 3–4 Jahre, bis sich diese im Handel etabliere.
Abstriche müssten anderswo gemacht werden
Stephan Blunschi von der Migros macht darauf aufmerksam, dass es schwierig sei, die Ansprüche der Produzenten, Konsumenten und der Nachhaltigkeit unter einem Hut zu bringen. «Wir sind uns alle einig, dass Pflanzenschutzmittel und Sortenresistenz zu wenig gewichtet werden. Wenn wir aber Resistenzen mehr zuteilen müssen, müssen wir anderswo Abstriche machen», betont er. Dabei bestehe die Gefahr, dass der Konsument auf ein anderes Gemüse aus dem Ausland ausweichen könnte. Er bitte daher die Produzenten um Einsicht, «wenn wir als Detailhandel nicht alle Ansprüche umsetzen können».
Gesamte Branche muss zusammenarbeiten
Ruedi Fischer, Präsident der Vereinigung Schweizerischer Kartoffelproduzenten, folgert aus dem Event: Eine deutliche Reduktion der Pflanzenschutzmittel könne nur erreicht werden, wenn sich robuste Kartoffelsorten auf dem Markt durchsetzten. Hierfür müsse die gesamte Wertschöpfungskette an einem Strick ziehen und robuste Sorten fördern. Dies bedeutet, Prioritäten anders zu setzen und Kompromisse einzugehen und nicht wie bisher Eigenschaften wie die Fleischfarbe oder die Knollenform stärker zu gewichten als Krankheitsresistenzen. «Dieser Weg wird aber steinig und intensiv werden», gibt er zu. «Der Detailhandel muss bereit sein, sowohl Übernahmebedingungen wie auch Produzentenpreise anzupassen, damit auch in Zukunft die Anbaubereitschaft nachhaltig erhalten bleibt.»

