ABO

Reportage: Artischocken haben in der Schweiz Potenzial

Eigentlich passt die Pflanze nicht zur Schweiz - weder kulinarisch, noch klimatisch. Trotzdem gibt es eine treue Fangemeinde.

Artischocken passen eigentlich nicht zur Schweiz. Der Korbblütler gehört nicht unbedingt zur Schweizer Küche, es ist ihm oft zu kalt; der Anbau ist nicht gerade das, was man effizient nennt. Trotzdem ist Potenzial vorhanden: in der Schweiz werden rund 50 Tonnen Artischocken jährlich produziert.

Artischocken als Nische

Ein Teil davon kommt vom Feldhof in Scherzingen TG. Auf zwei Feldern von insgesamt 40 Aren wachsen 4000 Artischockenpflanzen, Sorte JW 106. Wenns optimal läuft, sagt Feldhof-Pächter und Gemüsegärtner Tobias Rascher, können zwei Tonnen Artischocken geerntet werden. Für den Demeter-Betrieb sind Artischocken nur eine Nische, aber eine interessante.

Zahlen zum Anbau

6 ha werden in der Schweiz Artischocken angebaut

50 Tonnen der Distel werden darauf ungefähr produziert.

1400 Tonnen Artischocken werden ungefähr importiert. Hauptherkunftsländer sind Italien, Frankreich und Spanien

Verkauft im Coop und in Hofläden

Rund 90 Prozent der Ernte gehen über die Rathgeb Bio ­Produkte AG an Coop. Der Detailhändler führt seit 2018 Demeter-Artischocken im Sortiment. Die restlichen zehn Prozent werden auf den Wochenmärkten in St. Gallen und Winterthur sowie im Hofladen für zwölf Franken pro Kilo verkauft. «Coop will in Zukunft mehr Demeter-Produkte und Spezialkulturen wie Schweizer Artischocken, Spitzkabis oder gelbe Zucchetti verkaufen», freut sich Rascher. 2016 hat der Detailhändler sein Naturaplan-Sortiment mit ersten Schweizer Produkten in Demeter-Qualität ergänzt. Heute führt Coop schweizweit über 130 Demeter-Produkte im Sortiment. Dazu gehören neben Milch, Butter, Joghurt und Käse auch Eier, Brot, verschiedene Gemüsesorten, Wein und Babynahrung.

Der Feldhof existiert dank Genossenschaft

Der «Feldhof» in Scherzingen TG wurde von Markus und Maria Tschudin 1981 gepachtet. Markus Tschudin, Jahrgang 1953, aus dem Baselbiet stammend, machte eine Gemüsegärtnerlehre bei Hugo Brandenberger in der Biotta AG im thurgauischen Tägerwilen. 1981 machte er sich selbstständig.

Bewirtschaftsvertrag mit der Genossenschaft

Da die Familie Tschudin nicht über die Mittel verfügte, den Hof, der 1988 für 1,5 Millionen Franken von den Besitzern Gottlieb und Elfriede Gremli zum Kauf angeboten wurde, zu erwerben, gründeten sie die «Genossenschaft Feldhof». Der Erwerb gelang. Die Liegenschaften und die insgesamt 3,8 Hektaren Land gehören seither der Genossenschaft Feldhof und haben heute einen Wert von etwa 1,6 Millionen Franken. Geräte usw. werden von der Pächterfamilie angeschafft und sind auch deren Besitz. «Wir sind selbstständig, vergleichbar mit einem Pächter, und haben einen Bewirtschaftervertrag mit der Genossenschaft», sagt Markus Tschudin. An die Genossenschaft wird eine jährliche Grundrente von 40 000 Franken (Pacht) bezahlt.

Genossenschafter aus der ganzen Ostschweiz

«Durch die Genossenschaft kann der Hof nicht einfach verkauft werden und ist so auch Spekulationen entzogen. Und durch den Demeter-Anbau wird das Land gepflegt», sagt Genossenschaftspräsident Thomas Guler aus Mörschwil SG. Die Genossenschaft zählte Ende 2018 307 Genossenschafterinnen und Genossenschafter aus der ganzen Ostschweiz, dem Baselbiet und aus dem Grossraum Zürich. Seit 2011 bestand eine Generationengemeinschaft zwischen Markus Tschudin und seinem Schwiegersohn, dem deutschen Gemüsegärtner Tobias Rascher (40) aus Überlingen am Bodensee. Seit Januar 2019 führen Tobias Rascher und seine Frau Verena Tschudin die Pacht des «Feldhofes».

30 bis 40 verschiedene Gemüsesorten

Der Hof beschäftigt acht Vollzeitangestellte und sechs Teilzeitangestellte im Anbau und in der Vermarktung. Der Umsatz beträgt eine Million Franken. Zusätzlich wurden noch fünf Hektaren Land gepachtet. Etwa 3000 m² sind Folientunnels. 30 bis 40 verschiedene Gemüsesorten werden angebaut. 90 Prozent ihrer Produktion verkaufen sie auf den Wochenmärkten in St. Gallen und Winterthur sowie in ihrem eigenen Hofladen. Weitere Abnehmer sind Restaurants, Gemüseläden und Schulhäuser. Auch 15 bis 20 Mastrinder zur Aufzucht sind für 6 bis 24 Monate auf dem Hof.

«Früher sehr frostgefährdet»

Die Artischocken sind mehrjährige Stauden. Allerdings überwintern sie bei uns nur in milderen Lagen. «In den letzten Wintern ist es aber ganz gut gelungen, zumindest in unserem Acker in Scherzingen. Pflanzen überstehen Frost theoretisch bis minus zehn Grad. Bei starkem Wind (Bise) können sie aber auch schon bei zwei Grad erfrieren», sagt Tobias Rascher.

Der Anbau der Nischenkultur, die in Scherzingen erst 2017 begann, werde weiter ausgebaut. «Artischocken waren früher sehr frostgefährdet. Mit den neuen Sorten, welche im Januar warm angezogen, in Töpfe getopft und im Mai ausgepflanzt werden, hat sich die Kultur vereinfacht. Sehr wichtig im Winter, wenn sie im Freiland bleiben, ist ein guter Wasserabzug», weiss Peter ­Lippus, Gemüsefachmann und Gärtnermeister aus Widnau SG.

Fünf Sorten für die Schweiz

Fünf Sorten Artischocken werden in der Schweiz hauptsächlich angebaut. Die Hauptsorte JW 106 ist grün und kommt aus Spanien. Eine andere ist die purpurfarbene Opera, sowohl als Gemüse-Artischocke wie auch zur Blütenproduktion geeignet.

In der Schweiz werden unter anderem folgende konventionellen Artischocken-Hybridsorten für den professionellen Anbau verwendet: «Madrigal», «Symphony», «Opal» und «Opera». Sie werden von der deutschen Hild Samen GmbH in Marbach am Neckar vertrieben und auch in der Schweiz kultiviert. Die Hybridzüchtung bei Artischocken findet überwiegend in Kalifornien und Spanien statt. Artischocken-Setzlinge produziert unter anderem der Bio-Jungpflanzenspezialist Beat Jud im thurgauischen Tägerwilen TG.

Die Sativa Rheinau AG, Biosaatgut und Pflanzenzüchtung in Rheinau (ZH) arbeitet seit einigen Jahren gemeinsam mit dem Artischockenanbauer Daniel Reutimann aus Guntalingen (ZH) an einer nachbau-fähigen Populationssorte (Nichthybride) für die Kurz-kultur. «Wir können nicht genau sagen, wann die neue Sorte fertig sein wird. Im letzten Jahr sind wir nicht wirklich weitergekommen, weil das Wetter zu heiss war», sagt Amadeus Zschunke, Geschäftsführer der Sativa Rheinau AG.

Laufende Kulturarbeiten sind einfach

Er hat über dreissig Jahre lang an der kantonalen Bäuerinnenschule Custerhof Rheineck im Rheintal als Fachlehrer unterrichtet. Die laufenden Kulturarbeiten sind relativ einfach: Düngung, Bodenlockerung, Schädlings- und Nützungskontrolle usw. «Gegen Unkraut bei den Artischocken muss um die Erde der Pflanze viel gehackt werden. Dies wird mehrheitlich mit dem Traktor gemacht», sagt Rascher. Die Artischocken ­werden unter anderem mit Rindermist gedüngt. Der weitere Wachstumsverlauf sei vergleichsweise anspruchslos, sagt Rascher.

Ein Luxusgemüse mit hohen Ansprüchen

«Artischocken sind ein dekadentes Wohlstands- und Luxusgemüse. Es braucht eine Riesenfläche für wenige Kilo Gemüse», meint ein Gemüsegärtner in der Region, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. «Der Ertrag ist tatsächlich klein», gibt Tobias Rascher zu. «Auf einem Quadratmeter gibt es im Durchschnitt bei uns 800 bis 1000 Gramm Artischocken. Bei Rüebli, die man zudem maschinell ernten kann, liegt der Ertrag bei rund fünf Kilo pro Quadratmeter. Dementsprechend ist der Preis dann auch viel geringer.»

Als Arnzeipflanze gefragt

2018 konnte der Feldhof erstmals Artischockenblätter an das Pharmaunternehmen Bioforce nach Roggwil TG verkaufen. Das Laubblatt der Artischocke weist eine pharmakologische Wirkung auf und wird auch in der traditionellen Medizin eingesetzt. «Wir brauchen jährlich wenige Tonnen frische Artischockenblätter und verwenden sie für unser Leber-Galle-Präparat ‹Boldocynara›. Die Blüten verwenden wir nicht», sagt Andreas ­Ryser, Leiter Heilpflanzenanbau bei der Bioforce. Die vom Heilpraktiker Alfred Vogel 1963 gegründete Firma baut seit über 50 Jahren im Thurgau selber Artischocken an.

Nischenkultur passt ins Konzept

Für Tobias Rascher ist die ­Zusammenarbeit mit Coop eine Chance. «Grossflächige Gemüsekulturen passen eigentlich nicht zu unserem vielseitigen und eher kleinen Betrieb, aber eine Nischenkultur wie die Artischocke für Coop anzubauen, passt gut in unser Konzept.»

Dennoch ist der distelartige Korbblütler in der Schweiz ­weiterhin ein Exot, auch weil er nicht aus unserer Esskultur stammt. Wer ihn anbauen möchte, ist auf ein mildes Mikroklima angewiesen.

6 ha

Auf dieser Fläche werden in der Schweiz Artischocken angebaut

50 Tonnen der Distel werden darauf ungefähr produziert.

1400 Tonnen Artischocken werden ungefähr importiert. Hauptherkunftsländer sind Italien, Frankreich und Spanien.

Weiterlesen

  • Die schwarze Folie verhindert, dass der Kardy zu bitter wird. (Bild ji/lid)

    Kardy - das distelartige Gemüse

    Kardy ist eine Spezialität aus dem Kanton Genf, die dort vor allem zur Weihnachtszeit genossen wird. Sie fällt auf dem Feld durch ihre Dornen auf.
    Show more
  • Gewinnen Sie zwei Tickets für die OLMA 2026!