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Analyse zur Ziegenhaltung: Ein «Zückerli» für die Artenvielfalt

Redaktorin Lisa McKenna ging den Ursachen für die tiefen Bestände alter Ziegenrassen auf den Grund und fand vor allem wirtschaftliche Gründe. Die Biodiversität in der Nutztierhaltung sollte ihrer Meinung nach tatkräftiger gefördert werden, denn die bisher vorgesehenen «Zückerli» können die Kosten dafür kaum decken.

Die Schweiz, die schon seit der Jungsteinzeit von der Ziegenmilch-Nutzung geprägt ist, ist das Ursprungsland der modernen Ziegenzucht. Nicht zuletzt hat Johanna Spyri mit ihrem Heidi-Idyll zahlreiche Kindheiten stark geprägt, darunter auch meine. Als ich im Sommer 2020 aus Deutschland in die Schweiz kam, erwartete ich grasende Ziegen unter «dunklen Tannen und grünen Wiesen im Sonnenschein».

Kann man ein Aussterben rechtfertigen?

Hochmotiviert warf ich mich in die Recherche zu meiner ersten Ziegen-Story bei der BauernZeitung – und landete unsanft auf dem harten Boden der Realität. Ich erfuhr, dass der Ziegenbestand in der Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg drastisch sank und erst in den letzten 20 Jahren wieder vermehrt daran gearbeitet wurde, die Bestände der gefährdeten Ziegenrassen zu stabilisieren. Gerade die Bockhaltung ist eine Herausforderung. Die Böcke verursachen rund ums Jahr Kosten und Arbeit, können aber nur für ihren kurzen Deckeinsatz produktiv genutzt werden. Die Marktsituation macht bereits die Haltung von milch- oder fleischbetonten Ziegenrassen anspruchsvoll. Ziegenmilch ist bislang ein Nischenmarkt und das Gitzifleisch findet allenfalls an Ostern einen kleinen Absatz. Die Haltung alter, gefährdeter Rassen ist schlichtweg nicht rentabel. Rechtfertigt dies aus agronomischer Sicht ein Aussterben? Keiner kann die Marktentwicklung genau vorhersagen. Vielleicht folgt eine der zurzeit gefährdeten Ziegenrassen dem Beispiel des Simmentaler Rindes, und erlebt in der Zukunft einen Aufschwung?

Das «Zückerli» ist nicht kostendeckend

Zum Erhalt der gefährdeten Rassen fördert der Bund ab 2020 die «Nachhaltigere Nutzung von älteren Zuchtböcken zur Erhaltung von besonders wertvoller Genetik», ein auf fünf Jahre angesetztes Projekt des Schweizerischen Ziegenzuchtverbandes (SZZV). ­Halter von Böcken einiger gefährdeter Rassen erhalten demnach 80 Franken jährlich um einen Teil der Kosten für die aufwendige Haltung zu decken. Zugegeben, dieses «Zückerli» deckt wahrscheinlich nur einen sehr kleinen Teil der jährlichen Kosten. Für mich fühlt sich dies eher nach einem Tropfen auf den heissen Stein an.

Gefährdete Rassen können nicht mithalten

Wie kommt es überhaupt zu den geringen Tierzahlen? Der SZZV sieht vor allem in den strukturellen Veränderungen den Grund für die geringen Bestandeszahlen. Der steigende Leistungsdruck auf die Landwirtschaft sorge dafür, dass sich vor allem junge Züchter eher für die Haltung von Ziegenrassen mit höherem Milchleistungspotenzial entscheiden und sich somit gleichzeitig die Möglichkeit zur intensiveren Haltung offenhalten. Verständlich, denn nur damit kann derzeit überhaupt im Ansatz rentabel gewirtschaftet werden. Da können die gefährdeten Rassen einfach nicht mithalten.

Artenvielfalt braucht es auch in der Nutztierhaltung

Auch wenn die Population wieder stabilisiert werden kann, hat ein geringer Tierbestand weitreichende Konsequenzen. Gibt es nur noch wenige Tiere einer Rasse oder Art, ist der Genpool folglich sehr klein. Man nennt dies einen «genetischen Flaschenhals». Die Population ist quasi genetisch verarmt. Bei der strategischen Verpaarung der übrig bleibenden Tiere stösst man schnell an die verwandtschaftlichen Grenzen und es kann zu einer Inzuchtdepression kommen. Das bedeutet, dass die körperliche Funktionalität und Leistungsfähigkeit durch die mangelnde genetische Vielfalt, sprich durch die Inzucht, eingeschränkt wird. Dies hat ebenfalls zur Folge, dass seltene Erbkrankheiten häufiger auftreten können. Alle zukünftigen Tiere der respektiven Rasse oder Art gehen zwangsläufig auf die einst «Übrig-Gebliebenen» zurück. Wie gut sich Rassen und Arten, die durch einen genetischen Flaschenhals gewandert sind erholen, variiert stark, denn die Zahl der kleinsten überlebensfähigen Population unterscheidet sich je nach Umweltbedingungen. Es bleibt zu hoffen, dass die gefährdeten Schweizer Ziegenrassen erfolgreich erhalten werden können, und in Zukunft weiterhin in ihrer charakteristischen Region grasen. Kann eine Rasse nicht zu einer vitalen, stabilen Populationsgrösse zurück gezüchtet werden, ist dies sehr bedauerlich. Es ist etwas Unwiederbringliches, das vor unseren Augen für immer verschwindet. Biodiversität und hohe Artenvielfalt spielen schon jetzt eine wichtige politische Rolle und sind Schwerpunkte, die auch in Zukunft an immer mehr Tragweite gewinnen werden. Meiner Meinung nach sollte die Artenvielfalt auch in der Nutztierhaltung tatkräftiger gefördert, anstatt mehr oder minder «abgespeist» zu werden.

So könnten mehr Landwirte ihre alten Rassen vielleicht wieder wirtschaftlicher halten und es klappt eben doch noch mit meinem Schweizer Heidi-Idyll.

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