Wie kann die Landwirtschaft zur nachhaltigen Transformation beitragen, ohne dabei unter die Räder zu kommen? Diese Frage beschäftigt derzeit die ganze Branche – mit direkten Folgen für die Bauernfamilien. Die Migros – die grösste Kundin der Schweizer Bauern – verfolgt eine neue Nachhaltigkeitsstrategie. Was heisst das? Christopher Rohrer erklärt, wie die Detailhändlerin Vertrauen schafft, Komplexität abbauen und mehr Wirkung erzielen will.
Herr Rohrer, die neue Nachhaltigkeitsstrategie der Migros klingt ambitioniert. Aber wie sieht konkret der Weg vom Strategiepapier bis auf den Bauernhof aus? Wer begleitet diesen Transferprozess und wie stellen Sie sicher, dass die Landwirtinnen und Landwirte mitgenommen werden?
Christopher Rohrer: Die strategischen Ziele wurden auf Ebene der Migros-Gruppe einheitlich verabschiedet. Jetzt geht es darum, sie schrittweise auf die einzelnen Formate und Unternehmen herunterzubrechen. Dieser Prozess läuft bis in den Herbst und wird laufend weiterentwickelt. Wichtig ist uns, dass wir nicht über die Köpfe der Landwirtschaft hinweg planen: Wir kommunizieren transparent, auch über Inhalte, und stehen im engen Austausch mit Organisationen wie IP-Suisse, Bio Suisse und dem Bauernverband. Sie sollen die Strategie direkt kennenlernen und nicht erst aus den Medien davon erfahren. So fördern wir Verständnis und gemeinsame Vorbereitung.
Sie sprechen oft von Vertrauen und Miteinander. Wie wollen Sie dieses Vertrauen mit den Bäuerinnen und Bauern konkret aufbauen, wenn gleichzeitig ein harter Preiskampf im Detailhandel tobt?
Partnerschaften müssen ganzheitlich verstanden werden. Es ist eine Beziehung mit einer gemeinsamen Vision und einem einheitlichen Auftritt nach aussen. Eine solche Partnerschaft hat zwei Ebenen: Das sind zum einen die rationalen, sichtbaren Aspekte – etwa Mengen, Preise und fachliche Vereinbarungen. Zum anderen gibt es die emotionale Ebene, den unsichtbaren Teil, der langfristiges Vertrauen schafft. Vertrauen entsteht nicht über Nacht, es braucht Zeit und Arbeit – und ja, auch Konflikte. Aber mit Vertrauen kann man Konflikte lösen. Wir möchten Partnerschaften auf Augenhöhe und mit Respekt führen, sowie klare und verlässliche Beziehungen zu den Bäuerinnen und Bauern aufbauen. Nur so können wir langfristig erfolgreich sein.
Ihre Strategie setzt auf Reduktion von Emissionen und Biodiversitätsschutz. Mit welchen Partnern arbeiten Sie in der Landwirtschaft bereits konkret zusammen?
Für uns ist wichtig, allen zuzuhören, wir setzen aber primär auf unsere langjährigen Partner wie beispielsweise IP-Suisse. Wir investieren in den Ausbau dieser Organisationen, die mit uns zusammenarbeiten. Dabei müssen einen gemeinsamen Weg finden und dürfen nicht aneinander vorbeiarbeiten. Das ist der Prozess, in dem wir uns aktuell befinden: Wir suchen die beste Lösung. Danach müssen wir uns entscheiden und dann diesen Weg konsequent gehen. Wir wollen keine Unsicherheiten, sondern Verbindlichkeit schaffen. Deshalb setzen wir auf die bestehenden Strukturen – konventionelle Landwirtschaft und Mehrwertorganisationen.
Was haben Sie aus früheren Programmen, zum Beispiel M7, gelernt, die vielleicht gut gemeint, aber offensichtlich nicht immer wirksam waren?
Im Nachhinein zu sagen, was nicht funktioniert hat, ist einfach. Wenn man Pionierarbeit leistet, kann man auch mal scheitern oder muss sich anpassen. M7 wurde zum Beispiel an IP-Suisse übergeben – das war ein erfolgreicher Schritt. Nachhaltigkeit war bei uns immer ein grosses Thema, deshalb konnten wir auch mit grosser Kraft vorangehen. Es gab viele gute Entwicklungen. Aber die Migros kann nicht alles allein machen – und das wollen wir auch nicht. Unsere Programme müssen wirkungsorientiert sein und vor allem messbar. Das sind sie nur, wenn wir alle einbinden. Um spürbar Wirkung zu erzielen, müssen wir aber auch den Mut haben, Anpassungen vorzunehmen und flexibel zu bleiben.
Ist es realistisch, dass tiefere Preise und mehr Nachhaltigkeit nebeneinander bestehen können? Oder wird der Preisdruck letztlich doch auf die Landwirtschaft abgewälzt?
Nachhaltigkeit muss nicht automatisch teurer sein und steht nicht grundsätzlich im Widerspruch zu tiefen Preisen. Das ist ein weitverbreiteter Irrtum. Es geht nicht in erster Linie um den Preis, sondern um die Wertigkeit eines Produkts. Man kann nicht nur über Preise sprechen, sondern muss auch den Mehrwert betonen, den eine nachhaltige Landwirtschaft bietet.
Aber wie soll das konkret funktionieren, wenn gleichzeitig Detailhändler unter enormem Preisdruck stehen?
Der Schlüssel liegt darin, die Effizienz in den eigenen Strukturen zu verbessern – bei uns in der Verarbeitung, in der Logistik, im Sortiment. Wenn wir nachhaltiger wirtschaften wollen, dann darf das nicht dazu führen, dass am Schluss der landwirtschaftliche Betrieb darunter leidet. Die Preise müssen aber marktkonform bleiben – das ist zentral. Dabei orientieren wir uns an den Richtpreisen, das betonen wir immer wieder. Gleichzeitig dürfen Effizienzsteigerungen nicht auf dem Rücken der Bäuerinnen und Bauern erfolgen.
Nachhaltigkeit ist für uns kein Luxus, sondern eine notwendige Grundhaltung. Ich höre oft, dass Ernährungssicherheit wichtig sei – aber Nachhaltigkeit dann angeblich zu teuer. Das geht so nicht. Wir müssen beides gleichzeitig schaffen. Ich verstehe allerdings, dass es hier oft an Vertrauen fehlt. Genau deshalb wollen wir transparent kommunizieren, zuhören und gemeinsam Lösungen finden.
Gibt es einen Plan, wie Sie mit bestehenden Forschungsprogrammen oder Standards zusammenarbeiten wollen? Baut die Migros wieder eine eigene grosse Nachhaltigkeitsstruktur auf?
Bio und IP-Suisse konkurrenzieren sich nicht – sie ergänzen sich. Wir schaffen das nur zusammen. Die Gesamtwirkung zählt, nicht das Einzelergebnis. Genau das wollen wir fördern. Ich glaube, dass sich die Nachhaltigkeitsansätze gerade revolutionär entwickeln. Zum Beispiel die SBTN – die Science Based Targets for Nature – hat es vor fünf Jahren noch nicht gegeben. Das ist eine gute Entwicklung. Wenn wir Grosses bewegen wollen, dann müssen wir gemeinsam Ziele erreichen.
Aber wie?
Das Resultat ist wichtig. Das heisst, wir brauchen gemeinsame Messgrössen und Transparenz. Es geht nicht darum, dass wir als Migros im Vordergrund stehen, sondern dass wir alle, also die gesamte Branche, gemeinsam Wirkung erzielen, indem wir alle am gleichen Strang ziehen.
Was meinen Sie damit konkret – bei den Emissionsfaktoren oder in der Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft?
Wir bauen keine neue, eigene Struktur auf, sondern setzen auf bestehende Standards und Programme – international und national. Natürlich unterstützen wir auch weiterhin Forschungsprojekte, aber wir wollen keine Insellösungen mehr.
Es darf nicht sein, dass die Landwirtschaft für jeden Bereich – Klima, Tierwohl, Biodiversität – ein eigenes System bedienen muss. Das ist heute schon zu komplex. Wir brauchen einfache, betriebsübergreifende Systeme, die weniger administrativen Aufwand bedeuten. Auch für uns. Ein breit abgestütztes Gesamtsystem hat deshalb klare Vorteile gegenüber sektoriellen Ansätzen.
«Freiwilligkeit ist für die Migros ein Grundwert.»
Christopher Rohrer ist Leiter Direktion Nachhaltigkeit und Wirtschaftspolitik MGB
Wie stehen Sie denn zu den Zielvereinbarungen des Bundes im Klimabereich? Könnten solche verbindlichen Vereinbarungen ein Instrument sein, Verantwortung fair zu verteilen?
Freiwilligkeit ist für die Migros ein Grundwert. Der Bund sollte nicht als Akteur in Zielvereinbarungen auftreten, das muss in der Wertschöpfungskette geregelt werden. Und, wir können keine Zielvereinbarungen machen, ohne die Landwirtschaft mit einzubeziehen.
Bei unserem letzten Gespräch im März sagten Sie, es fehle im Bereich der Klimastrategie ein gemeinsamer Nenner bei den Emissionsfaktoren. Warum setzt die Migros nicht einfach einen eigenen Standard?
Das ist der Elefant im Raum. Als Detailhändlerin sind wir im Sandwich zwischen Landwirtschaft, Konsumenten, NGOs und Medien. Wir müssen einen Schritt nach vorne machen, aber wir können das nicht allein. Es braucht dafür alle Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette. Partikularinteressen blockieren oft den Prozess, deshalb müssen wir gemeinsam vorwärts gehen. Dieser Austausch findet statt.
Die Bauern tragen ihre Anliegen ans Bundesamt für Landwirtschaft, obwohl sie ihre Botschaft inhaltlich wohl besser an den Detailhandel richten würden – etwa faire Preise und Verlässlichkeit. Was antworten Sie diesen Familien konkret, wenn sie sagen: «Wir müssen immer mehr leisten – für weniger»?
Einer der Hauptkritikpunkte der Bauern ist meines Wissens die überbordende Bürokratie. Damit sind sie beim BLW an der richtigen Adresse. Wenn neue Anforderungen unsererseits kommen, wie bspw. beim Klima, müssen wir im Auge behalten, dass der Aufwand für die Landwirtschaft nicht unendlich steigt. Wir wollen faire Preise und haben ein Interesse daran, dass die Landwirtschaft gesund bleibt. Leistungssteigerung ist Teil unseres Wirtschaftssystems. Aber Effizienz kann helfen, die dadurch entstehende Belastung zu reduzieren. Digitalisierung ist dafür ein gutes Beispiel, damit ist heute viel mehr möglich als vor 20 Jahren.
Die Migros ist mittlerweile Hauptabnehmerin biodiversitätsfreundlicher Produkte. Wird dieser Mehrwert für Konsumentinnen und Konsumenten überhaupt sichtbar?
Ein Labelanteil von 30 Prozent ist international gesehen eine enorme Leistung. Doch viele Konsumentinnen und Konsumenten nehmen diesen Mehrwert noch nicht bewusst wahr. Deshalb müssen wir besser kommunizieren – auch gemeinsam mit der Landwirtschaft. Es geht darum, die Wertigkeit von Lebensmitteln sichtbarer zu machen, gerade, wenn sie unter hohen Schweizer Standards produziert wurden. Ein Produkt aus der Schweiz hat einen höheren Wert als eines, das irgendwo jenseits der Grenze entsteht.
Die Landwirtschaft muss ebenfalls mithelfen, diesen Mehrwert zu transportieren: Durch eine stärkere Präsenz, bessere Kommunikation und ein klares Bekenntnis zur Qualität. Wir setzen auf eine bewusste Konsumentscheidung, nicht auf Bevormundung. Deshalb wollen wir keine Werbeverbote oder Sortimentsbeschränkungen. Unser Weg ist die Eigenverantwortung, getragen von einer Überzeugung, dass unsere Gesellschaft transformationsfähig ist.
Viele Bauernfamilien erleben Programme, bei denen sie viel Verantwortung übernehmen müssen, aber wenig Einblick haben, wer eigentlich wofür steht. Wie wollen Sie mehr Transparenz schaffen?
Wir setzen konsequent auf die Zusammenarbeit mit nationalen oder internationalen Programmen, die den direkteren Draht zur Landwirtschaft haben. Unsere Rolle ist es, diese Produkte im Sortiment zu führen und gezielt auszuloben – ergänzt durch Instrumente wie den M-Check, der keine Konkurrenz zu bestehenden Programmen ist, sondern deren Wirkung sichtbar macht.
Transparenz bedeutet für uns auch, Verantwortung zu teilen: Nicht alles muss von der Landwirtschaft allein geschultert werden. Wir wollen nicht den Eindruck erwecken, die Migros schreibe Programme in der Schublade und überstülpe sie den Produzenten. Es geht um ein gemeinsames Vorgehen – offen, ehrlich und partnerschaftlich, wie beispielsweise das IP-Suisse-Programm, bei dem die einzuhaltenden Punkte klar aufgeführt sind. Im Alleingang kommen wir nicht weit.
Wenn Sie heute einem Produzenten am Küchentisch gegenübersässen, der sagt: «Ich mache seit Jahren alles, was verlangt wird, aber es reicht trotzdem nicht» – was würden Sie ihm antworten?
Solche Aussagen machen mich persönlich sehr betroffen. Das ist kein Thema, das nur die Migros betrifft, sondern ein Spiegel unseres gesamten Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. Die Realität ist: Viele bäuerliche Familien leisten enorm viel und geraten trotzdem unter Druck. Das muss man ernst nehmen.
Ich glaube, wir holen uns in der Schweiz insgesamt zu wenig Hilfe – auch wenn sie vorhanden wäre. Es gibt verschiedene Beratungsmöglichkeiten, beispielsweise der Bauernverbände, sowohl national wie auch kantonal. Mein Wunsch wäre, dass man diese Angebote viel selbstverständlicher in Anspruch nimmt. Und gleichzeitig braucht es aus meiner Sicht eine stärkere gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung für die Arbeit, die auf den Höfen tagtäglich geleistet wird.
Auch wir im Handel tragen hier Verantwortung. Ein existenzsicherndes Einkommen für Bäuerinnen und Bauern ist für uns keine Nebensache, sondern ein zentrales Anliegen. Respekt beginnt für mich nicht erst beim Preis – aber auch dort darf er nicht aufhören

