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Fruchtbarkeit und laute Kühe: Herausforderungen in der Kälbermast

Natura-Veal ist für Landwirte finanziell interessant. Doch die Kalbfleischproduktion hat auch ihre Tücken, wie zwei Betriebe zeigen.

«Mit der Fruchtbarkeit unserer Mutterkühe haben wir etwas Probleme», erzählt Michael Hodel, der mit seiner Tiroler Grauvieh-Herde in Vechigen BE Kalbfleisch für die Produktionslinie Natura-Veal produziert. Warum seine Kühe schlecht aufnehmen, sei schwer zu sagen, so der Landwirt.

Intensive Mutterkuhhaltung

Michael Hodel betreibt seine Mutterkuhhaltung sehr intensiv, daher kommen mehrere Haltungspraktiken als Ursache für die Fruchtbarkeitsprobleme in Frage. Weil Hodel seine Herde, die bis jetzt aus 20 Tieren besteht, weiter aufbauen will, werden seine Mutterkühe mit gesextem Samen befruchtet. So kann der Landwirt den Anteil an weiblichen Tieren gezielt erhöhen. Einen Muni braucht er deshalb nicht in der Herde. Hodel zieht wegen der Fruchtbarkeits-Probleme seiner Grauvieh-Kühe folgende Aspekte in Betracht:

  • Die Nutzung von gesextem Samen.
  • Die saisonale Abkalbung.
  • Den Einsatz eines Ammenkalbes.

«Nach dem eigenen Kalb, welches nur fünfeinhalb Monate bei der Kuh ist, stelle ich noch ein fremdes Kalb aus einem Milchviehbetrieb hier in der Nähe dazu. Allerdings habe ich das Gefühl, wenn die Kuh gleich nach dem Abkalben mehr als ein Kalb säugt, birgt dies eine negative Konsequenz für die Fruchtbarkeit. Der natürliche Ablauf der Kuh scheint dadurch gestört zu sein», vermutet der Landwirt.

Mutterkuh Schweiz berichtet dagegen, dass die Natura-Veal-Mütter grundsätzliche eine gute Fruchtbarkeit haben. Die Kühe werden regelmässig wieder trächtig und haben eine Nutzungsdauer von rund sechs ­Jahren, so Mutterkuh Schweiz weiter.

Ammenkälber machen Arbeit

Im Gegensatz zu Michael Hodel hat der Mutterkuhhalter Andreas Bösiger aus Wanzwil BE ­keine Probleme mit der Fruchtbarkeit seiner Tiere. Seine Mutterkuhherde besteht aus 25 bis 30 Stück Grauvieh, das er seit 2004 züchtet, und Natura-Beef sowie Natura-Veal produziert. Ammenkälber setzt er nicht ein. «Das wollten wir nicht, weil es für uns zu arbeitsintensiv ist», berichtet Bösiger. Auch seine Tiere werden zumeist künstlich belegt.

Zentrale Betriebs-Lage im Ort

Der Landwirt ist froh, dass dies der Fruchtbarkeit seiner Tiere keinen Abbruch tut. Für ihn wäre es schwer, seinen Muni in der Herde mitlaufen zu lassen, denn der Betrieb von Andreas Bösiger liegt zentral innerhalb der Ortschaft. Die ganzen vorbeilaufenden Spaziergänger mit ihren Hunden würden den Muni nur verrückt machen, vermutet Bösiger. Zwar ist Bösiger mit der Fruchtbarkeit seiner Grauvieh-Kühe zufrieden, aber andere Herausforderungen treiben ihn um.

Die Mutterkühe sind zu laut

Wegen der zentralen Lage im Ort hat Andreas Bösiger auch die Produktion von Natura-Veal sehr zurückgefahren. «Die Mutterkühe sind einfach zu laut, wenn wir die Kälber mit fünfeinhalb Monaten absetzen. Deshalb produzieren wir Natura-Veal nur noch, wenn wir eine Kuh ausmerzen. Dann geht sie gemeinsam mit ihrem Kalb zum Schlachten». Wenn seine Mutterkühe zu laut nach ihren Kälbern «bääggen», stört das die umliegenden Anwohner.

Mehr Produktion von Natura-Beef

Deshalb produziert der Landwirt fast ausschliesslich Rindfleisch für Natura-Beef. Bei Natura-Beef werden die Kälber erst nach zehn Monaten abgesetzt. Dies entspricht in etwa dem Alter, in dem die Mutterkuh ihr Kalb auch in der Natur entwöhnen würde und ist dementsprechend unproblematischer.

Trauerphase abschwächen

«Mit dem Ansetzen eines neuen Kalbes kann die «Trauerphase» der Mutterkuh in der Regel doch abgeschwächt werden», kommentiert Cesare Sciarra, Geschäftsführer des Kompetenzzentrums Nutztiere beim STS Tierschutz, den Einsatz eines Ammenkalbes. Ein weiterer positiver Effekt: Mit dem Ansetzen von Milchviehkälbern an Mutterkühe sei das aus Tierschutzsicht grössere Problem, nämlich die direkte Wegnahme der Kälber von Milchkühen, zumindest für die Milchvieh-Ammenkälber durchaus verbessert, so Sciarra.

Finanziell attraktiv

Den Haltungsherausforderungen entgegen stehen die finanziellen Anreize von Natura-Veal für die Landwirte. Abzulesen ist dies an der steigenden Zahl der teilnehmenden Betriebe. Im Vergleich zu Natura-Beef liegt der Preis für Natura-Veal-Kalbfleisch durchschnittlich bei Fr. 5.25 mehr pro Kilogramm Schlachtgewicht (siehe Kasten «Natura-Beef und Natura-Veal»). Laut dem aktuellen «Marktbericht Fleisch 2019» ist die Inlandsproduktion sinkend (siehe Kasten «In Zahlen»). Das Gegenteil ist bei Natura-Veal der Fall, wo die Anzahl der Schlachtungen im letzten Jahr durchweg ­anstieg. Mutterkuh Schweiz ist weiterhin auf der Suche nach Natura-Veal-Produzenten.

In Zahlen

2019 verzeichnete der Kalbfleischmarkt im Vergleich zum Vorjahr rückläufige Zahlen:

  • 1,8 % Absatzrückgang.
  • 2,8 % Umsatzrückgang.
  • 2,5 % sinkende Inlandsproduktion.
  • 18,6 % weniger Importe.
  • 11,9 % Absatzanteil von Edelstücken (Filet, Nier-stück, Rücken, Kotelett)
  • 1,9 Kilogramm Kalbfleischkonsum pro Kopf und Jahr.

Quelle: Statista, Marktbericht Fleisch 2019.

Natura-Beef und Natura-Veal

  • Für Natura-Beef werden die Kälber mit 10 Monaten von der Mutterkuh abgesetzt. Für Natura-Veal dürfen die Kälber maximal fünfeinhalb Monate bei der Mutterkuh bleiben und sollten zum Schlachtzeitpunkt zwischen 95 und 140 Kilogramm (SG) wiegen.
  • Bis zum Absetzen lebt die Herde gemeinsam in Freilandhaltung mit Sommerweide und Winterauslauf.
  • Bei beiden Produktionslinien besteht die Fütterung aus Muttermilch, Gras und Heu.
  • Die meist genutzten Rassen für die beiden Produktionslinien sind Simmental, Braunvieh, Angus, Limousin und Grauvieh, aber auch
    Kreuzungskühe.
  • Die durchschnittlichen Fleischpreise liegen für Natura-Beef bei Fr. 11.25 und für Natura-Veal bei Fr. 16.50 je Kilogramm Schlachtgewicht.
  • Gestartet ist Natura-Veal 2009 mit 800 Tieren. 2019 wurden bereits 8900 Schlachtungen erreicht.
  • Aktuell liefern rund 1000 Betriebe in das Natura-Veal-Programm von Mutterkuh Schweiz.
  • Natura-Veal ist in der Schweiz das einzige Kalbfleisch, welches auf der Weide produziert wird.
  • Im Gegensatz zum steigenden Absatz von Natura-Veal verzeichnet der übrige Kalbfleischmarkt in der Schweiz derzeit rückläufige Zahlen.
Rätisches Grauvieh Tiroler Grauvieh

Ursprungsland Schweiz: Einst war das Rätische Grauvieh in den Bündner Alpen weit verbreitet. Nach und nach wich die Rasse 1920 dem Braunvieh. Aus österreichischen Restpopulationen konnten die Bestände des Rätischen Grauviehs wieder erhöht werden.

Wiederristhöhe: 116 bis 123 Zentimeter

Gewicht Kühe: 300 bis 600 Kilogramm

Gewicht Stiere: 500 bis 1000 Kilogramm

Das Rätische Grauvieh ist eine Zweinutzungsrasse.

Ursprungsland Österreich: Das Tiroler Grauvieh zählt zu den ältesten Rassen des Tiroler Alpenraumes und entwickelte sich aus mehreren regionalen Schlägen.

Wiederristhöhe: 129 bis 150 Zentimeter

Gewicht Kühe: 550 bis 650 Kilogramm

Gewicht Stiere: 900 bis 1050 Kilogramm

Das Herdebuch wird zweigeteilt geführt: einerseits
als Zweinutzungsrasse und andererseits als reine Fleischrasse.

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