Pflanzenschutzmittel stehen in heftiger Kritik, der biologische Landbau geniesst mehr Sympathie bei den Konsumentinnen und Konsumenten. Auf das Kaufverhalten wirkt sich das aber nicht im grossen Stil aus – eine schwierige Situation für die Landwirtschaft. Entsprechend mögen sich Bauernfamilien wenig in Veränderungen stürzen, zeigt eine Umfrage in der Region.
Nur drei im Aargau
So ist es im Kanton Aargau sehr ruhig, was Umstellungen auf Bio angeht: Ueli Frey, Leiter Direktzahlungen bei Landwirtschaft Aargau, meldet nur gerade drei neue Anmeldungen für das Jahr 2021, wobei diese noch provisorisch sind. Im Jahr 2018 wurden von den 2533 direktzahlungsberechtigten Aargauer Landwirtschaftsbetrieben 272 biologisch bewirtschaftet. «Ab 2012 bis 2017 hat die Anzahl der Biobetriebe jeweils relativ stark zugenommen. Ab 2018 ist jedoch eine Abflachung der Zunahme erkennbar», informiert Frey.
«Das Interesse ist nach wie vor vorhanden, aber weniger stark als in den vergangenen zwei Jahren», beschreibt André Liner die Stimmung in der Zentralschweiz ähnlich wie im Aargau. Der Berater für Biolandbau am Luzerner BBZ Natur und Ernährung ergänzt: «Es sind vor allem Familien respektive Betriebsleiter, welche voll hinter den Grundsätzen des Biolandbaus stehen.» Er stellt nicht fest, dass Corona die Haltung unter Bauern gegenüber der Bioproduktion beeinflusse, wohl aber die PSM-kritische Stimmung der Bevölkerung: «Dies habe ich schon mehrmals von potenziellen Umstellern gehört, vor allem bei Betriebsleitern von Ackerbaubetrieben.»
Luzern unter dem Schnitt
Der Kanton Luzern hat bezüglich Bio noch Potenzial: Der Anteil ist mit knapp 10 Prozent deutlich unter dem Schweizer Durchschnitt von 15,3 Prozent. Derzeit sind nach Information der Dienststelle Landwirtschaft und Wald Luzern 454 Biobetriebe gemeldet. Gemäss Annatina Bühler, Fachbereichsleiterin Direktzahlungen, kommen auf Anfang nächstes Jahr 18 neue Biobetriebe dazu. Im Jahr 2019 waren 24 Umstellungsbetriebe gemeldet und 16 Betriebe im Jahr 2018.
Es gibt wenig Sicherheit
Die Nachfrage nach Umstellungsberatungen bei Martina Häfliger vom LZ Liebegg war dieses Jahr tief. Sie erlebt, dass sich die Bauernfamilien bei ihren Plänen stark am Markt orientieren. Das sei sehr wichtig – aber keine langfristige Erfolgsgarantie. Sie verweist auf das Beispiel der Biomilch, wo die Warteliste dank gestiegener Nachfrage aufgehoben wurde und neue Vollknospen-Produzenten früher als geplant in den Biokanal liefern konnten. Aber umgekehrt kann eben auch ein hohes Angebot auf die Preise drücken. Martina Häfliger empfiehlt allen, die auf Bio umstellen möchten, unbedingt vorgängig mit den Abnehmern in Kontakt zu treten. Auch wenn die Bauern dabei noch kaum schriftliche Verträge und damit Sicherheit erwarten könnten.
Mehr Umstellungen erwartet
Stefan Schreiber, Präsident von Bio Aargau, hält den aktuellen Zahlen entgegen: «Wir von Bio Aargau rechnen mit vielen Neuumstellbetrieben in den nächsten Jahren.» Die Schweizer Bevölkerung habe begonnen, mit Volksinitiativen Mitsprache geltend zu machen in Landwirtschafts-, Natur- und Umweltfragen. «Diese neue Situation, mit ihren positiven und negativen Auswirkungen, wird eine Neuausrichtung der Schweizer Landwirtschaft mitprägen», prognostiziert Schreiber, der mit seiner Familie in Wegenstetten einen Biobetrieb führt. Viele Bauernfamilien würden sich Gedanken machen über eine Umstellung auf Biolandbau. Aber sie würden abwarten, weil es derzeit viele Unsicherheiten gebe wie die AP 22+ und anstehende Abstimmungen zu landwirtschaftlichen Themen. Auch Corona schaffe Unsicherheit, wobei diese Situation grundsätzlich zu besseren Inlandabsatzmöglichkeiten der landwirtschaftlichen Produkte führe, ob biologisch oder konventionell.
Viel Bio in OW und ZG
Einen schweizweiten Podestplatz im Biolandbau belegt der Kanton Obwalden mit rund einem Drittel Biobetrieben. André Windlin vom Amt für Landwirtschaft und Umwelt schätzt das Potenzial in der Region dementsprechend als ziemlich ausgeschöpft ein. «Jährlich entscheiden sich nur noch einzelne Betriebe für den biologischen Landbau.»
Auch im Kanton Zug wirtschaften schon viele Betriebe biologisch, nämlich 18 Prozent der rund 500 Ganzjahresbetriebe. «Wir stellen in den vergangenen Jahren einen leichten Trend zur Zunahme fest, allerdings sind das aufgrund der Kantonsgrösse jeweils nur einzelne Betriebe pro Jahr», erklärt Thomas Wiederkehr, Leiter des Landwirtschaftsamts Zug. Es gebe auch vereinzelt Abmeldungen, allerdings selten. «Bei den Umstellungsbetrieben handelt es sich um eher einfach strukturierte Betriebe mit Grünland, Mutterkühen oder allenfalls Geflügel.»
Titel
«Augen offen halten, was am Markt gefragt ist»
Ende Jahr hat Andreas Vogel aus Hägglingen die zweijährige Umstellungsphase zum Vollknospenbetrieb hinter sich. «Der politische Druck Richtung Ökologisierung steigt», so seine Einschätzung. Da sei er gerne eine Nasenlänge voraus.
Bio passt auf den Betrieb
Vor der Anmeldung bei Bio Suisse hatte sich Andreas Vogel drei, vier Jahre Bedenkzeit genommen und bereits die obligatorischen Umstellerkurse absolviert, um sich ein besseres Bild machen zu können. Sein Betrieb sei für Bio gut aufgestellt, merkte er. Im Ackerbau ist er flexibel, die 60 Plätze für Aufzuchtrinder sind gefragt und ein sicherer Betriebszweig.
Lehrgeld bezahlen gehört trotzdem dazu. So haben diesen Frühling die Krähen 2 Hektaren Maissaatgut aus seiner Parzelle gefressen, da halfen keine Flatterbänder und Vogelscheuchen. Der Landwirt aus Hägglingen hatte Mulchsaat nach Kunstwiese gemacht, «vielleicht suchten die Krähen nach Würmern und haben den Mais dann mitgefressen», mutmasst er. Beim zweiten Versuch ackerte er das Feld vor dem Säen und der Mais lief auf. «Dafür», ergänzt er, «waren beim Getreide und im Futterbau die Erträge und Qualität in den vergangenen zwei Jahren sehr gut». In bauliche Massnahmen musste er wegen der Umstellung nicht investieren. Auch nicht in Maschinen. Das Hacken vergibt Vogel an einen Berufskollegen.
150 Stunden Mehrarbeit
Auf seinen 25 Hektaren LN produziert Andreas Vogel Weizen, Mais und Ganzpflanzensilage, Kunst- und Naturwiesen und Ökoflächen. Neu kommt Raps dazu, er wurde im August mit Untersaat gesät und sieht aktuell gut aus. Geplant sind zudem Dreschbohnen und -erbsen; nach der mündlichen Zusage des Abnehmers wartet der Landwirt noch auf die schriftliche Bestätigung. Der Markt für Umstellungsprodukte ist beschränkt, mit vollwertigem Knospenbetrieb ist Vogel freier und hält sich an die Devise: Jedes Jahr die Augen offen halten, was am Markt gefragt ist.» Seinen Nebenerwerb im Umgebungsunterhalt hat er aufgegeben. Die Zeit braucht er für die anfallende Handarbeit, er rechnet mit jährlich rund 150 Stunden Mehraufwand. Unterstützt wird er von seinem pensionierten Vater und seiner Frau, die auch noch extern arbeitet.
Deutlichere Kommunikation
«In der Umstellungsphase ist nichts sicher», sagt Andreas Vogel. Unliebsame Überraschungen brachten nicht nur die Krähen, sondern auch der Markt. Kurz vor der Maisernte erfuhr er, dass es wegen des grossen Angebots einen saftigen Rückbehalt auf den Preis gibt – bei 50 Tonnen Mais eine empfindliche Einbusse. Bei der Milch seien sich die Produzenten dieser Problematik bewusst, im Ackerbau weniger, kommentiert er. «Da wünsche ich mir eine deutlichere Kommunikation von allen Akteuren.»

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Andreas Vogel betreut 60 Aufzuchtrinder auf seinem Betrieb, vorwiegend HO und RH. Das Angebot ist sehr gefragt. (Bild rae)

