Im ersten Halbjahr ist die Schweineproduktion um 3 Prozent gesunken. Bis Woche 27 wurden 1,26 Mio Schweine geschlachtet. Vor einem Jahr waren es im gleichen Zeitraum 1,30 Mio Schweine. Trotz Tiefstpreisen war die Produktion damals nicht gedrosselt worden. Die Ställe stehen, die Kosten laufen. Kaum jemand kann es sich erlauben, den Stall einfach leer zu lassen. Insbesondere die Zucht reagierte lange nicht oder nur verzögert auf sinkende Schlachtschweinepreise. Das soll sich nun mit dem neuen Jagerpreismodell ändern. Damit soll der Jagerpreis an die Nachfrage nach Schlachtschweinen und den Schlachtschweinepreis gekoppelt werden.
Schneller reagieren
Die Mengensteuerung bei den Schweinen passiert nicht in den Mastställen, sondern grossmehrheitlich bei den Züchtern. Und hier hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Zwar sanken die Muttersauenbestände von über 200 000 Sauen im Jahr 1980 auf noch gut 100 000 Stück. Doch gleichzeitig nahm die Anzahl Produzenten auch ab. Hielten vor dreissig Jahren noch über 24 000 Betriebe Schweine, waren es 2021 gerade noch 5561 Betriebe. Dadurch kam es bei diesen Betrieben zu einer starken Spezialisierung, sodass sie nicht mehr dem Schweinezyklus folgten und die Produktion bei tiefen Preisen reduzierten oder aufgaben.
So realisierten die Zuchtbetriebe nach rund zwei Jahren der Überproduktion im vergangenen Jahr gerade noch durchschnittlich 4.14 Fr./kg LG für die Jager. Die Mäster lösten für die schweren Schweine im vergangenen Jahr lediglich noch 3.38 Fr./kg SG. Doch trotz dieser Tiefstpreise, die Produktion sank erst, als der Markt kurz vor dem Kollaps stand. Aufgrund der Rückstaus drohten Tierschutzprobleme. So stellte die Branche im Dezember eine einzigartige Marktentlastungsmassnahme auf die Beine, exportierte die Schlachtkörper von 31 425 Schweinen und 1100 Tonnen Wurstfleisch. Ausserdem wurden 14 987 Schlachtkörper eingefroren und nun im ersten Halbjahr marktverträglich wieder ausgelagert.
Märkte im Lot, aber …
Trotz der kurzfristigen Entlastung der Märkte und nun wieder besseren Preisen ist allen bewusst, dass es auch langfristig eine Reduktion der Produktion braucht, damit sie der Nachfrage angepasst bleibt. Das Marktversagen vom letzten Winter steckt der Branche noch in den Knochen. So will man sich nicht mehr allein auf den Schweinezyklus verlassen und koppelt nun in einem ersten Schritt die Jagerpreise direkt an die Schlachtschweinenachfrage und -preise. Doch allein das neue Jagerpreismodell wird die Schweineproduktion nicht wieder ins Lot bringen, dessen ist sich auch die Suisseporcs bewusst und ruft dazu auf, weitere Lösungen für eine wirtschaftliche Schweizer Schweineproduktion einzubringen.

Zu hoher Inlandanteil
Zwar sind aktuell Angebot und Nachfrage bei Jagern wie auch bei Schlachtschweinen im Lot. Doch die Schweinebranche ist bei aller Professionalisierung auch mit einer sinkenden Nachfrage konfrontiert. Auch im laufenden Jahr zeigen die Zahlen von Proviande, dass weniger Schweinefleisch gegessen wird. So sank zwar die Produktion im Inland, die Importe gar um 25 Prozent, dennoch hat es nach wie vor zu viel inländisches Schweinefleisch. Gut 6500 Tonnen weniger Schweinefleisch als im Vorjahr ass die Schweizer Bevölkerung von Januar bis Mai. Der Inlandanteil beträgt weiterhin 102 Prozent.
Angebot muss sinken
Wiederum wurden 5096 t Schweinefleisch exportiert, um den Markt im Gleichgewicht zu halten. Damit die Preise nachhaltig steigen, müsste das Angebot an Mastschweinen rund 10 Prozent sinken. Dazu muss die Anzahl Zuchtsauen dem Zuchtfortschritt angepasst werden. Welch eindrückliche Entwicklung in den vergangenen Jahren vor sich ging, zeigt sich beim produzierten Schlachtgewicht je Muttersau: Waren es 1996 noch 1400 kg, kommen aktuell von einer Muttersau über 2100 kg Schlachtgewicht auf den Markt. Entsprechend bräuchte es immer weniger Sauen und Schweinebetriebe, um die sinkende Nachfrage zu decken. Dieses Problem wird auch nach der Einführung des neuen Jagerpreismodells noch zu lösen sein.
Kommentar: Die marktgerechte Produktion besser steuern

Die Krisensituation im Schweinemarkt vom letzten Winter hat gezeigt, dass Massnahmen für eine marktgerechte Produktion nötig sind. Als erste Massnahme wird nun ein verbessertes System zur Jagerpreisbildung ab 4. September eingeführt.
Das heutige Jagerpreismodell konnte einen Erlösverlust von rund 200 Mio Franken pro Jahr nicht verhindern und war nicht fähig, eine strukturelle Überhangssituation abzuwenden. Bisher wurde der Jagerpreis nach unverbindlichen Mitteilungen über Angebot und Nachfrage beurteilt. Eine repräsentative Umfrage der Suisseporcs hat ergeben, dass eine Mehrheit der Schweinehaltenden für den Einbezug von messbaren Indikatoren in das Preismodell ist. Im neuen Modell wird der Jagerpreis mit relativen Zahlen berechnet. Für die Preisfindung Mastjager wird das Marktpotenzial berücksichtigt. Ziel ist es, auf Marktverwerfungen frühzeitiger und deutlicher zu reagieren. Das neue Jagerpreismodell bietet die Möglichkeit, die angestrebte marktgerechte Produktion besser zu steuern.
Die Einführung des neues Jagerpreismodells reicht nicht aus, um absatzgerechte Mengen und kostendeckende Preise nachhaltig zu sichern. Alle Marktteilnehmer sind aufgefordert, weitere Lösungen für eine wirtschaftlich tragfähige Schweinehaltung einzubringen.
Raphael Helfenstein

