Kurz & bündig
- Fast trockenes Heu kann mit der Belüftung wieder befeuchtet werden. - Mit Sensordaten können die Belüftungsbedingungen beurteilt werden. - Kühlere Luft eignet sich oft bei der Endtrocknung.
Beat Widmer hält 22 Braunviehkühe mit einer Milchleistung von durchschnittlich 6600 Kilogramm. Dazu kommen noch einmal so viele Aufzuchttiere. Die Milch liefert er an die Appenzeller Schaukäserei.
In Bezug auf die Futterqualität geht Beat Widmer keine Kompromisse ein, er will bestes Raufutter herstellen. Er produziert biologisch.
Dabei setzt er bereits bei der Bestandesführung an. So düngt er beispielsweise zurückhaltend für den ersten Schnitt. «Ich habe gemerkt, dass ich so mehr Spielraum für den optimalen Schnittzeitpunkt habe. Bei intensiverer Düngung wird der Bestand schnell zu massig», so Widmer.
Der erste Schnitt erfolgt etwa Anfang Mai. Zudem fördert Widmer den Weissklee für die Stickstoffbildung. Auf Übersaaten mit Raigras verzichtet er. Dieses passt nicht zu seinem kräuterreichen und feingrasigen Bestand. Damit schafft Widmer Voraussetzungen, welche mit einer guten Futterkonservierung eine hohe Milchleistung aus dem Grundfutter ermöglichen. Pro Schnitt schneidet er jeweils 6 bis 7 Hektaren aufs Mal.
Vormittags mäht er die Flächen mit dem Motormäher und Bandeingraser ringsrum an. Die so vorbereiteten Parzellen lassen sich später zügig mähen. So spart er Zeit, wenn er erst am späteren Nachmittag die Fläche mit dem Mähwerk mit Aufbereiter für mehr Intensität bei der Trocknung auf dem Feld schneidet.
Bröckelverluste bei der Ernte vermeiden
Am Tag darauf wird das Futter zweimal gekreiselt. Einmal vor dem Mittag und einmal am Nachmittag. Danach wird das Futter geschwadet und eingefahren. «Ich trockne das Heu auf dem Feld nicht zu stark. So kann ich Bröckelverluste beim Einführen vermeiden und bringe so auch kleine und feine Pflanzenteile auf den Stock. Ich nehme also eine intensivere Nachtrocknung am Stock in Kauf, damit ich Bröckelverluste reduzieren kann», erklärt Beat Widmer.
In der ersten Nacht nach dem Einlagern läuft die Heubelüftung meist bis zum Morgen. In dieser Phase spielt die Heustocksonde für die Belüftungsstrategie noch eine untergeordnete Rolle. «Die Belüftung ist in jedem Fall nötig, damit der Stock stabil bleibt und nicht zusammensackt», sagt Widmer. Für den Notfall kann er mit einem zusätzlichen Ofen die Ansaugluft beim Lüfter erwärmen. Dadurch sinkt die relative Luftfeuchtigkeit in der Ansaugluft und kann so im Stock mehr Wasser aufnehmen und in der Abluft hinaustragen.
Am Morgen danach kontrolliert Widmer den Stock und lockert bei Bedarf feuchte Stellen mit dem Kran auf, damit die Luft überall ungehindert durchströmen kann. Anschliessend platziert er die Heustocksonde an einer Stelle, an der er die höchste Restfeuchte vermutet.
Heustocksonde zeichnet die Messdaten auf
Zum Einsatz kommt eine neu entwickelte Sonde der Pikkerton Schweiz AG. Vor zwei Jahren investierte Beat Widmer in eine solche Sonde. Das Sensorsystem misst, übermittelt und visualisiert die Temperatur, die relative Feuchtigkeit, die absolute Feuchtigkeit und den Taupunkt gleichzeitig und kabellos.
Dank der Aufzeichnungen lässt sich der Trocknungsverlauf übersichtlich darstellen. Ergänzend können weitere Messpunkte vor dem Lüfter und an der Abluft über dem Stock eingesetzt werden, um die Wirkung der Belüftung noch besser zu kontrollieren.

Die Heusonde wird auch bei der Feuerwehr eingesetzt, wenn sie bei temperaturkritischen Heustöcken gerufen wird.
Die eigenen Sinne ebenfalls nutzen
Beat Widmer nutzt die Sensordaten als Ergänzung zu seinen eigenen Sinnen und setzt die Sonde auch bewusst ein: «Es gibt mir Sicherheit, wenn ich Temperatur und Feuchtigkeit an verschiedenen Stellen im Stock kontrollieren kann.» Die Daten ruft er per Smartphone ab. Den grössten Nutzen der Heustockmesssonde sieht er darin, den Trocknungsprozess mit klaren Zahlen nachvollziehen zu können.
Am ersten Tag nach dem Einführen nimmt sich Widmer immer viel Zeit für die Kontrolle. «Nur aufs Display zu schauen, reicht mir aber nicht. Ich überprüfe den Stock mehrfach und messe an verschiedenen Stellen.»Grundsätzlich gilt: Ist die absolute Luftfeuchtigkeit der Zuluft geringer als im Stock und ihr Taupunkt tiefer als die Heustocktemperatur, kann belüftet werden. Je trockener das Heu wird, desto grösser ist die Gefahr, dass das nahezu trockene Heu durch feuchtere Aussenluft wieder befeuchtet wird. Das kann zu Qualitätsverlusten führen, welche die Mühen der Qualitätsheuproduktion zunichte macht. Zudem werden der Energieaufwand und somit die Kosten erhöht. Denn der schädliche Feuchtigkeitseintrag muss mit der Belüftung zuerst korrigiert werden, um dann die Endtrocknung nochmals zu beginnen.
Endtrocknung: Gefahr der Wiederbefeuchtung
«Mit den exakten Feuchtigkeitswerten kann ich die Belüftung bei der Fertigtrocknung heute viel präziser steuern. Früher war mir das gar nicht so bewusst. Ich dachte immer, dass bei warmem Wetter am Nachmittag unbedingt belüftet werden muss», sagt Beat Widmer.
Besonders die Messung der absoluten Luftfeuchtigkeit, also des Wassergehalts in Gramm pro Kubikmeter Luft, brachte neue Erkenntnisse. «Da habe ich mich intensiver mit dem Zusammenspiel von relativer Luftfeuchtigkeit und tatsächlicher Wassermenge beschäftigt», so Widmer.
Physikalisch ist der Zusammenhang klar: Warme Luft kann deutlich mehr Wasserdampf aufnehmen als kalte Luft. Bei 10 Grad ist die Luft bei rund 9,5 Gramm Wasserdampf gesättigt, bei 30 Grad erst bei etwa 30 Gramm. Am besten ist warme und trockene Luft für das Belüften geeignet, wie sie an heissen Tagen ohne Regen vorherrscht. Das ist jedoch nicht immer so: Wenn während des Tages Feuchtigkeit in die Atmosphäre aufsteigt, kann warme Luft sehr viel Wasser enthalten. Hier nutzt Beat Widmer die Sensortechnik, indem er den absoluten Wassergehalt der Luft verwendet, um seine Strategie bei der Resttrocknung zu bestimmen.
Dabei steht nicht mehr die Belüftung am Tag, sondern die Belüftung abends im Vordergrund.
Warme Luft wirkt trocken, kann aber viel Wasser enthalten
An sonnigen Nachmittagen startet Beat Widmer die Belüftung für etwa eine halbe Stunde, um in erster Linie Wärme in den Stock zu bringen. Wenn es am Abend kühler wird, beginnt er mit der eigentlichen Resttrocknung.
Wenn kältere Luft durch einen wärmeren Heustock strömt, erwärmt sie sich. Dadurch sinkt ihre relative Feuchtigkeit und ihre Aufnahmefähigkeit steigt, obwohl sie ursprünglich feucht wirkte.
«Man muss sich schon mit der Thematik befassen, damit man ideale Belüftungszeitpunkte anhand der Sensordaten korrekt bestimmen kann», sagt Beat Widmer. Er meint weiter, dass es schon ein Umdenken brauche, um nicht nur auf die Temperatur, sondern auch auf den absoluten Wassergehalt der Ansaugluft zu achten und daraus mit den weiteren Daten wie dem Taupunkt die Belüftungswirkung zu bestimmen.
Unabhängig von der eingesetzten Sensortechnik gilt: Die Temperatur im Heustock muss jederzeit im Auge behalten werden. Bei übermässigem Temperaturanstieg sind die geltenden Sicherheitsregeln konsequent einzuhalten.

Die Temperaturkontrolle am Heustock ist wichtig. Steigt diese in gefährliche Bereiche, müssen Massnahmen getroffen werden. Quelle: Edition-Imz, A6 «Grasland pflegen und nutzen»
Betriebsspiegel der Familie Widmer
LN:
Beat Widmer, Stein AR 22 ha Kulturen: Futterbau Tierbestand: 22 Milchkühe, 22 Aufzuchttiere Betriebszweige: Milchwirtschaft, Aufzucht Arbeitskräfte: Betriebsleiterpaar

