Wenig Sonne, tiefe Temperaturen und hohe Niederschlagsmengen. So lässt sich die Witterung der letzten Woche für die ganz Schweiz beschreiben. Auch im Bündner Albulatal und im Surses-Tal war der Winter im Vergleich zu den letzten Jahren länger. Das hatte eine längere Stallfütterung der Nutztiere zur Folge. Die Bestossung der Alpen dürfte ebenfalls später ausfallen als üblich.
Trauriger Anblick
Wenn man am Pfingstsonntag am Morgen zum Fenster hinausschaut und feststellen muss, dass es über Nacht wieder bis auf rund 1500 Meter über Meer geschneit hat, so ist das zurzeit im Albula- und im Surses-Tal nicht unbedingt ein freudiger Anblick. Der einzige Trost besteht darin, dass der Schnee Feuchtigkeit ins inneralpine Trockental bringt: Die Niederschläge im Mai sind entscheidend dafür, wie hoch die Futtermenge des ersten Schnittes ausfällt. Allerdings braucht es nicht nur Regen, sondern auch Wärme, damit sich das Gras entwickeln kann. An Wärme mangelt es aber in diesem Frühling sehr: immer wieder Bodenfrost und Schneefall bis ins Tal. Es bräuchte lediglich ein paar wärmende Sonnenstrahlen und die Pflanzen, die schon länger in den Startlöchern sind, würden spriessen. Die warmen Perioden waren diesen Frühling jedoch stets von sehr kurzer Dauer – und sogleich wurde es wieder kalt bis frostig. Da wächst kaum Gras. Und Gras wäre nötig, denn in vielen Heuställen wird es immer heller und man sieht immer weniger Heu.
Schnee im Oktober
Im vergangenen Herbst musste man in Mittelbünden nach den starken Schneefällen von gut 50 Zentimetern am 26. Oktober vielerorts das Vieh einstallen. Die Heustöcke wurden angeschnitten, die Siloballen, Hoch- oder Fahrsilos wurden geöffnet. Wegen der Nässe konnte man ein paar Tage später kaum noch weiden, obwohl auf manchen Wiesen noch etwas Gras stand. Im Albulatal war zudem im Jahr 2020 der erste Schnitt sehr mager ausgefallen: Es war im April und Mai trocken und heiss, das Gras begann zum Teil schon zu welken, so dass viele Bauern in der letzten Maiwoche den ersten Schnitt für Silage machten. Es fiel die Hälfte der Futtermenge an, die sonst in einem normalen Futterjahr üblich war. Die Menge Emd, dem zweiten Schnitt, war im Albulatal nur durchschnittlich. Dafür gab es regional einen mengenmässig reichen dritten Schnitt, zum Teil war er so ertragreich wie der erste Schnitt.
Manche Bauern kauften vorsichtshalber etwas Raufutter zu, andere reduzierten die Anzahl Tiere, indem sie Vieh verkauften oder indem Vieh etwas früher als geplant zur Schlachtung geführt wurde. Aufgrund der Erfahrung der vergangenen Jahre kann im Albulatal üblicherweise Anfang Mai mit dem Start der Weidesaison gerechnet werden, auch wenn im Stall noch Heu zugefüttert werden muss.
Es fehlt an Wärme
Dieses Jahr musste man sich allerdings gar nicht erst überlegen, ob man die Tiere schon auf die Weide lassen wollte: Es gab Anfang Mai kein Gras, die Wiesen waren noch braun, wenn nicht gar weiss. Dank des vielen Schnees im vergangenen Winter hatten die Böden zwar viel Wasser aufnehmen können, die Pflanzen waren bereit zu spriessen, doch Feuchtigkeit alleine nützt nichts. Genauso wichtig sind die länger werdenden Tage und die Wärme. Die Tage wurden länger – in einem Monat ist der längste Tag schon vorbei, dann geht es wieder dem Winter entgegen –, doch es war und blieb kalt. Das Gras, das die wenigen warmen Stunden nutzte, um zu wachsen, scheint schon wieder alt zu werden und schiebt Rispen. Der Löwenzahn verblüht langsam aber sicher. Es ist nur grün mit wenig Gras. Kaum ist das Vieh auf der grünen Weide, ist sie schon ratzekahl gefressen.
Die Winterfütterung dauerte diesen Frühling gut zwei bis drei Wochen länger als üblich. Mit der früher als üblich begonnenen Winterfütterung im Herbst bedeutet dies, dass das Vieh vier bis fünf Wochen länger gefüttert werden muss als üblich. Das ist eine Menge Futter bei einer normalen Betriebsgrösse. Nicht jeder Bauer hat so viele Futtervorräte.
Die Alpsaison beginnt mit Verspätung
«Wir waren in den letzten Jahren etwas verwöhnt.» Das sagt Töni Gujan von der Fachstelle Alpwirtschaft des Plantahof mit Blick auf den Beginn der Alpsaison. Gujan geht davon aus, dass die Alpaufzüge in den tiefer gelegenen Bündner Alpen Ende Mai oder Anfang Juni beginnen werden, mit einem Verzug von etwa einer Woche im Vergleich zu früheren Jahren. Da auf den Weiden viel Feuchtigkeit vorhanden ist, werde der Vegetationsrückstand in kurzer Zeit aufgeholt sein. An den Schattenhängen der Bündner Hochalpen liege noch immer viel Schnee. Doch die Erfahrung zeige, dass dieser bei höheren Temperaturen extrem schnell wegschmelze. Gujan rechnet mit einer Bestossung dieser Alpen ab Mitte Juni. Das Wetter im Juni werde jedoch entscheidend für den Bestossungszeitpunkt sein. Aktuell kann für diese Alpen noch keine genaue Einschätzung gemacht werden.
Im Kanton St. Gallen ist die Alp Kienberg ob Oberriet im St. Galler Rheintal bereits bezogen. Dabei handelt es sich allerdings um die am tiefsten gelegene Milchkuhalp des Kantons. Sie liegt auf einer Höhe von 850 m ü. M. Laut Auskunft von Marco Bolt sind im Kanton noch grosse Teile des Sömmerungsgebiets mit Schnee bedeckt. Das gilt auch für die Toggenburger Alpen, die üblicherweise früh bestossen werden. Der Alpberater bei der Fachstelle Alpwirtschaft am LZSG Salez geht davon aus, dass die Alpsaison für viele Alpbetriebe sieben bis zehn Tage später beginnen wird als in einem durchschnittlichen Jahr. Im Vergleich zum Vorjahr mit einem frühen Start in die Alpsaison dürfte die Bestossung sogar mehr als zwei Wochen später beginnen. Bolt geht davon aus, dass der Grossteil der Alpbetriebe ab der 2. Juniwoche bestossen wird. Von dieser Schätzung sind die Hochalpen ausgenommen.
Für die Alpen im Glarnerland erwartet Marco Baltensweiler eine Verzögerung der Alpaufzüge von rund fünf bis maximal sieben Tagen. Laut Auskunft des Leiters der Abteilung Landwirtschaft sind die Unterstäfel schneefrei und das Gras ist am Wachsen. Auf den Oberstäfel liegt noch eine Schneedecke. Baltensweiler hofft, dass sich diese bald in höherer Regionen zurückzieht.
Den Heimbetrieb entlasten
Ein Blick in die Berge zeigt, dass diese noch immer von sehr viel Schnee bedeckt sind. Dieser ist gepresst, liegt dicht. Es braucht viel Wärme, bis er schmilzt und als Wasser davon rinnt. An den sonnigen, dem Wind ausgesetzten Stellen ist der Schnee geschmolzen. Dank der Feuchtigkeit beginnen die Pflanzen zu treiben, doch auch sie würden Wärme brauchen. Es ist damit zu rechnen, dass es dieses Jahr keinen frühen Alpauftrieb geben wird. Dabei wären viele froh, wenn das Vieh möglichst bald den Heimbetrieb verlassen könnte, damit wieder Futtervorräte aus eigener Produktion angelegt werden könnten.

