ABO

«Wir wollten etwas anderes»: Alp, Hof und Restaurant waren genau das Richtige für Jeannette Jung

Trotz viel Arbeit: Die gelernte Detailhandelsfachfrau Jeannette Jung ist glücklich mit Familie, hofeigenem Restaurant und der Mithilfe auf dem Betrieb. Dabei wollte sie einst ganz bestimmt keinen Bauern heiraten.

Alles, nur keinen Landwirt, der muss viel zu viel arbeiten! Das war einst die Einstellung von Jeannette Jung. Heute beginnt der Arbeitstag der 29-Jährigen um 5.30 Uhr und endet, wenn der letzte Gast das Restaurant Alp Altschwand in Rüeterswil SG zufrieden verlassen hat. Die junge Frau lacht und hält fest: «Ich könnte mir kein anderes Leben mehr vorstellen!»

«Das war nicht unser Leben»

Doch als Wirtin, Mutter, Bäuerin und Älplerin bleibt nicht mehr viel Platz für Hobbys. «Mit zwei kleinen Kindern läuft immer etwas. Momentan ist es schon Luxus, wenn ich in Ruhe eine Tasse Kaffee trinken kann.» Diese Worte sagt sie nicht etwa wehmütig, sondern begleitet von einem Schmunzeln. Freizeit ist für sie, wenn sie mit ihren Kindern auf der Alp oder dem Landwirtschaftsbetrieb arbeiten kann.

«Das war nicht unser Leben»

Jeannette Jung ist gelernte Detailhandelsfachfrau, Tochter eines Metzgers und war als Kind oft bei Verwandten auf einem Bauernhof. Zusammen mit ihrem heutigen Mann Christian Jung war sie einen Sommer z Alp. Das Paar umsorgte 30 Milchkühe, Kälber und Rinder, daneben arbeitete Jung in einem Berggasthaus. Viel zu schnell kam der Herbst und das Paar zügelte zurück in eine kleine Wohnung. Sie arbeitete als Filialleiterin in einem Volg, Christian als Maurer. «Wir merkten schnell, das war nicht unser Leben. Wir wollten etwas anderes.»

Die Unternehmerin

Die Pacht des Restaurants Alp Altschwand mit 70 Innen- und 100 Terrassenplätzen, kombiniert mit einem 6,5 Hektar grossen Landwirtschaftsbetrieb und der Sömmerung war genau das Richtige – und ist es auch heute noch.

Das Restaurant ist das Unternehmen von Jeannette Jung, der Landwirtschaftsbetrieb wird von Christian Jung geführt: «Wir sind ein Familienunternehmen. Für uns bedeutet das, dass wir Entscheide in beiden Betrieben gemeinsam treffen, zusammenarbeiten und unsere Kinder immer dabei sind.»

Auf Mutterkühe umgestellt

Auch der Entschluss, von der Rinderaufzucht auf Mutterkühe umzustellen, wurde gemeinsam gefällt. Als das Paar vor sechs Jahren die Pacht antrat, hatten sie mit Aufzuchtrindern des Schwiegervaters begonnen. Jeannette erläutert, dass sie mit diesem Betriebszweig zwar keine roten Zahlen geschrieben haben, jedoch auch keinen Profit daraus ziehen konnten. Nun hoffen sie, dass die sechs Mutterkühe mit Kälbern mehr rentieren werden.

Eigene Produkte

Wenn möglich, werden die Produkte aus der Landwirtschaft im Restaurant angeboten. Das Fleisch beispielsweise im Februar während der Steak-Wochen oder an der beliebten Alpsäuli-Metzgete im Oktober. Jeannette Jung ist diese Wertschöpfungskette wichtig: «Bei unseren Tieren wissen wir, wie sie gelebt haben, und können das Fleisch mit gutem Gewissen verkaufen. Das schätzen auch die Gäste.»

Bis vor einem Jahr hatte sie auch einen Salatgarten und servierte den eigenen Salat im Restaurant. So konnte sie Food Waste reduzieren. Wegen Personalmangels und aus zeitlichen Gründen musste Jung dieses Projekt wieder aufgeben. Die Kreativität der jungen Frau sieht man nicht nur in der Küche. Erfolgreich betreibt sie eine kleine Direktvermarktung. Sie vermarktet Mostbröckli und Trockenwürste von den hofeigenen Ziegen, verschiedene Konfitüren und das hausgemachte Birnenbrot. «Wir sind mitten in einem Wandergebiet und die Touristen schätzen diese kleinen Mitbringsel sehr.»

Flexibilität gefragt

Für die Bäuerin ist es eine schöne Abwechslung, wenn sie mit den Kindern beim Zäunen helfen kann, die Weiden pflegt, Stallarbeiten macht oder die Alprinder kontrolliert. Die höchsten Arbeitsspitzen hat sie mit ihrer Familie vor allem im Frühling zu bewältigen. Um diese Zeit läuft im Restaurant viel, und es muss auf der Alp alles gezäunt und für das Vieh vorbereitet werden. Wenn Ende Mai, Anfang Juni die etwa 140 Alprinder und Galtkühe kommen, muss alles bereit sein.

«Es ist jeweils schwierig zu planen. Ich kann mir schon vornehmen, dass ich heute Christian beim Zäunen helfe. Doch wenn es viele Gäste im Restaurant hat, haben diese Priorität. Christian muss dann alleine zäunen, eventuell die Kinder mitnehmen oder es kann auch sein, dass er den Service unterstützen muss.» Oftmals müssen die landwirtschaftlichen Arbeiten auf die Restaurant-freien Tage der Familie verschoben werden.

Leben als Familie

Obwohl ihre Tage sehr ausgefüllt sind, schätzt sie die Art und Weise, wie sie ihr Leben führt und ihre Kinder aufwachsen dürfen: «Wir leben und arbeiten als Familie. Meine Kinder sind immer mit dabei und lernen auf spielerische Art zu arbeiten. Sie lernen den Umgang mit Tieren und haben ihren Vater immer um sich. Ich kann voll arbeiten und Mutter sein, ohne dass ich meine Kinder weggeben muss.»

Jeannette Jung schätzt auch sehr die enge Verbindung mit den Angestellten. Köchin Sandra gehört schon fast zur Familie, die Kinder kennen ein Leben ohne diese gar nicht. Zusätzlich kann sie in hektischen Zeiten auf ihre Eltern und Schwiegereltern zurückgreifen. Sie unterstützen überall, wo es Hilfe braucht, egal ob in der Landwirtschaft, im Restaurant oder bei der Kinderbetreuung.

Verstehen, dann urteilen

Man könnte meinen, dass Jeannette Jung eine sehr gute Möglichkeit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gefunden hat. So, wie es doch eigentlich von Politik und Gesellschaft gefordert wird. Doch genau in diesem Bereich muss Jung immer wieder Kritik erdulden: «Ich bekomme von Aussenstehenden oft zu hören, dass ich viel zu wenig Zeit für meine Kinder hätte und es gar nicht möglich sei, allem gerecht zu werden.»

Auch wurde Jeannette Jung schon mit dem Vorwurf von Kinderarbeit konfrontiert, als Tochter Marina ihrer Mutter nacheiferte und voller Stolz einem Gast den Teller servierte. «Es ist doch ganz natürlich, dass uns unsere Kinder imitieren. Schliesslich sind wir ihre Vorbilder. Und manchmal sollten die Leute versuchen, die Situation zuerst zu verstehen, bevor sie urteilen.»

«Ich geniesse es»

Doch negative Rückmeldungen sind selten. Selbstbewusst erklärt die junge Frau: «Ich lebe mein Leben zusammen mit meiner Familie ab vom Schuss und geniesse es, Mami, Bäuerin, Wirtin und Hausfrau sein zu dürfen.»

Website: www.alp-altschwand.ch

Weiterlesen