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Wenn Eltern mühsam werden

Pubertierende können Eltern «auf die Palme» bringen. In diesem Artikel zeigen wir Ihnen, wie sie wieder von derselben runter kommen.

Judith Kundert* erzählt: «Was ist nur aus unserem herzigen, verschmusten und hilfsbereiten Mädchen geworden? – Eine Göre, die sich an keine Absprache mehr halten will und die mich nur noch doof, langweilig und ätzend findet.» Aber nicht nur die 13 jährige Elena* macht es der Mutter schwer – nein, auch Jan*, der zwei Jahre ältere Sohn führt sich wie ein Pascha auf. «Er ist zu faul für alles und jedes und wenn er mich oder meinen Mann auf der Strasse sieht, wechselt er die Strassenseite.» Es sei ihm peinlich, in der Nähe seiner «oberdoofen» und total mühsamen Eltern gesehen zu werden.

Wie ein Sturm, der rüttelt

Was die knapp 40-jährige Bäuerin Judith Kundert ihrer Freundin erzählt, ist für Fachleute nicht erstaunlich. Psychologen sind sich einig, dass die Pubertät für die meisten Familie eine äusserst schwierige Zeit darstellt. Man kann sich diese Phase wie ein Herbststurm vorstellen, der über eine Familie hinwegfegt. Eltern, die mitten in diesem Sturm stecken, fragen sich, was aus ihren manchmal unausstehlichen Jugendlichen werden soll. Fachleute beruhigen und sagen, dass es meist gut komme und der Sturm keine bleibenden Schäden anrichte. Eltern fragen sich, wie sie sich verhalten sollen, um diese Phase zu überstehen und den Sohn oder die Tochter möglichst gut zu unterstützen.

Judith Kundert kam an ihre Grenze, so dass sie eine Psychologin aufsuchte und sich Tipps geben liess. Sie erzählt: «Ich war erstaunt, als die Fachfrau mir riet, nicht die Freundin meiner Tochter sein zu wollen. Das sei total falsch. Jugendliche müssten sich abgrenzen können, müssten ihre eigene Identität finden. Das sei nur möglich, wenn der Einfluss von Mama und Papa kontinuierlich schwinde.»

Wenig, aber klare Regeln

Auf das absolute Chaos im Zimmer von Elena angesprochen, habe die Psychologin ein Lächeln nur knapp verbergen können, so Judith Kundert weiter. «Sie sagte mir, dass die ‹Streuordnung› zu dieser Phase gehöre und nicht schlimm sei. Ausserdem fragte sie mich: ‹Mal ehrlich Frau Kundert, sah es in Ihrem Mädchenzimmer dann und wann nicht auch so aus?›» Die Bäuerin dachte nach – und musste schmunzeln. Es fiel ihr ein, dass wenn ihre Mutter nicht so viel Druck gemacht hätte, es wohl nicht anders gewesen wäre.

Pubertät vor 45 Jahren
Autorin Agnes Schneider Wermelinger erinnert sich an ihre eigene Pubertät: «Vor 45 Jahren war der Begriff Pubertät für die meisten Eltern noch fremd. Meine Geschwister und ich hatten zu gehorchen – was aber nicht heisst, dass wir heimlich nicht auch Dinge taten, die unsere Eltern zur Weissglut gebracht hätten, wenn sie es denn gewusst hätten. Der erste Rausch meines Bruders beispielsweise war so heftig, dass unsere Mutter vermutlich gleich die Polizei geholt hätte, wenn sie diesen mitgekriegt hätte …»

Die Psychologin riet, mit den Jugendlichen Regeln auszuhandeln. Nicht allzu viele – aber diese müssten eingehalten werden. Etwas vom Wichtigsten sei, dass sich die Eltern nicht gegeneinander ausspielen lassen. «Alle intelligenten Jugendlichen versuchen das. Das gehört zum Spiel.» Ein weiterer, wertvoller Tipp bekam die Mutter ungefragt: «Versuchen Sie ums Himmelswillen nicht, so zu sein wie ihre Tochter. Auch wenn die Tochter Sie als langweiliges, farbloses Mütterchen bezeichnet – lassen Sie sich nicht zu einem Tattoo oder einem Lippenpiercing verführen.» Elena wolle jetzt bewusst anders sein als ihre Bezugspersonen. Das drücke sich auch im «Jugendlichen-Slang», also der Sprache aus, die alles andere als feinfühlig sei.

Nähe und Distanz wahren

Judith Kundert erzählt, dass es sie treffe, wenn sich die Kinder ganz bewusst abwenden. «Es tut weh, wenn wir für Jan oder Elena nur noch die Dummen und die Ewiggestrigen sind.» Erneut habe die Psychologin interveniert und ihr gesagt, dass dieses Abwenden völlig normal sei, sie solle sich deswegen keine Sorgen machen.

Der nächste Fragenkatalog betraf den Umgang mit Alkohol. Judith Kundert berichtet, dass ihr Mann und sie kürzlich in einer Samstagnacht unerwartet früh nach Hause gekommen seien. Dabei habe sie fast «durchgedreht», denn Sohn Jan und seine beiden Freunde hätten das Spiel «Kommasuff» gemacht. Eric sei schon so betrunken gewesen, dass er sie nicht mehr erkannt habe und auch der eigene Sohn sei in seinem Erbrochenen am Boden gelegen. Die Psychologin habe nicht einmal das erschreckt. Der Umgang mit Alkohol müsse gelernt werden – das gelinge den wenigsten Jugendlichen auf Anhieb. Die Bäuerin wurde ermuntert, immer wieder das Gespräch mit Elena und Jan zu suchen. Es müsse ihnen bewusst gemacht werden, dass die Freiheit des Einen dort aufhöre, wo sie die Freiheit des Nächsten einschränke. Provokation sei ein Wort, das auch zu dieser Phase gehöre. «Pubertierende wollen auffallen – mit ihrer Sprache, ihrem Aussehen, ihrem Benehmen. Versuchen Sie, das nicht zu persönlich zu nehmen. So lange keine Gewalt im Spiel ist, ist das Verhalten innerhalb der Norm. Wenn aber geschlagen wird, dann muss eingegriffen werden, das geht zu weit.»

Der letzte Satz der Psychologin sei gewesen, dass sie und ihre Kollegen sich in der Pubertät auch bis beinahe zur Bewusstlosigkeit betrunken hätten – und dass alle wieder «auf eine gute Bahn» gekommen seien. Diese Aussage und die Aufforderung zu mehr Gelassenheit haben Judith Kundert etwas beruhigt.

*Namen geändert

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