Ich sitze vor dem Fernseher und die Tränen laufen mir über das Gesicht – es sind Freudentränen. Gerade ist unser Superskiheld Marco Odermatt zum Riesenslalom-Olympia-Sieg gerast. Ich vergesse jeweils das Atmen, das Herz klopft mir bis zum Hals und ich leide so was von mit – dann endlich die Erlösung! Er kommt fehlerfrei durch und gewinnt die von ihm von der ganzen Nation erwartete Olympia-Goldmedaille. Auf unseren Odi ist Verlass!
Einmal wird er Marco, dann Odi genannt
Jetzt ist er wieder «unser Odi». Das werden wir nun in allen Medien lesen. Anfang Woche schied er im Super-G aus und wurde in der Abfahrt «nur» Siebter. Da hat der Marco – nicht unser Odi – dem Druck nicht standgehalten, er hatte zu schwache Nerven. Genau dies musste ich über ihn lesen.
Welcher Teufel reitet die Journalisten, die solchen Schrott schreiben? Kaum je ein junger Skiathlet war so erfolgreich. Und immerhin schaffte er es auch in Adelboden, vor heimischem – und erstmals wieder echtem Publikum – den riesigen Erwartungen Stand zu halten und am Chuenisbärgli zu gewinnen. Also wenn der keine Nerven hat, wer dann? Aber sogar unser Odi ist keine Maschine. Und das ist gut so. Auch bei Beat Feuz, Roger Federer und vielen anderen erleben und lesen wir ähnliches. Sie bereiten uns über viele Jahre so grosse Freude. Aber wenn sie einmal dem erfolgsverwöhnten Publikum keine Siege präsentieren können, dann sind sie abgeschrieben, trainingsfaul, gehören auf den Alteisenhaufen und dies sind «im Fau» noch die anständigen Varianten.
Die Macht der Schlagzeile
Ich kann solches nicht nachvollziehen. Funktioniert der Medienkonsum oder der Mensch tatsächlich so? Liest die Mehrheit einen Text nur, wenn die Schlagzeilen richtig bissig sind? Dann, wenn wir uns über andere lustig machen können oder wir erschreckend intime Details erzählt bekommen? Ob sie stimmen oder nicht interessiert niemanden. Hauptsache Sensation. Was dies mit den Gefühlen der Betroffenen macht, blenden wir aus.
Schlagzeilen werden oft noch von den Medien gegenseitig übernommen, ohne den Inhalt zu hinterfragen. Tatsache ist, dass Unwahrheiten nicht wahrer werden, je öfter man sie liest. Aber «es pressiert haut», denn was sie heute nicht bringen, ist morgen bereits Schnee von gestern. Das Schlimmste an dieser vor allem Online-Medien-Sensationswelt ist, dass wirklich jedermann anonym sämtliche Texte kommentieren kann. Diese Kommentare sind meist unglaublich verletzend. Sie zielen oft so tief unter die Gürtellinie, dass die Körpermitte längst nicht mehr erkennbar ist. Die gehören für mich ignoriert und auf den Schrotthaufen!
Löschen statt senden für mehr Menschlichkeit
Ich wünsche mir, dass sich jeder Textschreiber, ob Journalist oder anonymer Online-Kommentator, ernsthaft versucht vorzustellen, wie sich die Menschen fühlen werden, welche es betrifft. Und dies, bevor man auf seinem Computer die Sende-Taste tippt. Kritisch sein ist ok, aber bitte fair. Vielleicht wäre die Boulevardpresse wieder ein bisschen menschlicher, wenn vermehrt auf «Löschen» statt auf «Senden» gedrückt würde!

