Es ist ein Dauer-Ärgernis: «Meine Frau und ich regen uns seit Jahren darüber auf, dass in vielen Medienberichten immer über die Bauern geschimpft wird», sagt Werner Locher, pensionierter Bauer in Bonstetten ZH und Präsident der Genossenschaft «Di fair Milch Säuliamt».
Schon zweimal hatten er und seine Frau Carole daher Journalisten angeschrieben, wenn diese in Artikeln zur Landwirtschaft eine «tendenziöse und unsorgfältige» Sprache gewählt hatten. «Beide haben sich entschuldigt», sagt Werner Locher. Diesmal war es die Sendung «Rundschau» des Schweizer Fernsehens (SRF) vom 6. Dezember 2023 mit dem Titel «Kompromisslose Bauernlobby». Nach der Ausstrahlung schrieb Werner Locher die Ombudsstelle des Schweizer Fernsehens an.
Oft nur «die Bauern»
«Ich beanstande, dass in sehr vielen Sendungen und Beiträgen von SRF, in denen es um Landwirtschaftsthemen geht, immer nur von den Bauern gesprochen wird», schrieb Werner Locher in seinem Brief. «Die Bäuerinnen/Landwirtinnen werden nicht erwähnt.»
Er schliesse daraus, dass den meisten Medienschaffenden beim SRF nicht bewusst ist, welche Stellung die Frauen heute auf den Höfen einnehmen. Sie seien gleichberechtigte Partnerinnen, die alle Entscheide mittrügen. «Sie müssen politische Entscheide zusammen mit der Familie akzeptieren, aushalten und sie müssen sich immer wieder neue Überlebensstrategien für den Hof ausdenken.»
Das tolle Image der Bäuerinnen
«Es ist viel einfacher, über die Bauern zu schimpfen statt über die Bäuerinnen», erklärt Werner Locher im Gespräch zu seinem Engagement. «Doch wenn die Medien über ‹die bösen Bauern› wettern, wird ignoriert, dass 50 Prozent nicht ins Bild passen: die Frauen auf den Höfen. Sie haben ein tolles Image.»

Carole und Werner Locher sind mit ihrer Wahrnehmung nicht allein. «Ich weiss von einer Reihe von Bauernfamilien, die keine Tagespresse mehr lesen, weil regelmässig mit dem Finger auf die Bauern gezeigt wird», so Locher. Er selbst hat seine Tageszeitung nach 30 Jahren abbestellt.
Anderer Blickwinkel
Die SRF-Redaktion sieht den Sachverhalt etwas anders: «Wenn von Bauern die Rede ist, dann geschieht dies in Bezug zum primären Sektor der Volkswirtschaft. Gemeint ist jeweils der Bauernstand», schreibt sie unter anderem in ihrer Stellungnahme an die Ombudsstelle. SRF habe in den letzten anderthalb Jahren mehrfach über die Arbeit und die Rolle der Frau auf einem Bauernhof berichtet.
Auch die Ombudsstelle erkennt keinen Verstoss gegen die «Sachgerechtigkeit». Allerdings wies sie im Antwortschreiben darauf hin, dass sie «eine erhöhte Sorgfalt bei der Geschlechterbezeichnung» begrüssen würden.
Schon seit 46 Jahren
Dass die Bäuerinnen und Bauern unzufrieden sind mit der Art, wie das Schweizer Fernsehen die Landwirtschaft darstellt, ist nichts Neues.
Nachzulesen ist dies etwa in einer Sonderausgabe des «St. Galler Bauers» vom 19. Juli 1978. Damals ging es um die geplante Absetzung der Sendung «Landwirtschaft heute». «Das Schweizer Fernsehen geniesst bei der landwirtschaftlichen Bevölkerung kein besonders hohes Ansehen», wird aus einem Schreiben des Schweizer Bauernverbands zitiert. «Auf zahlreiche die Landwirtschaft betreffende Sendungen erhalten wir, und sicher auch Sie, häufig heftige Proteste, weil sie den bäuerlichen Zuschauern als unausgewogen und einseitig erscheinen.»
«Viele Beanstandungen»
Bei der Sendung «Landwirtschaft heute» sei dies anders. «Nicht nur aus bäuerlichen, sondern vor allem aus nicht landwirtschaftlichen Kreisen hören wir häufig sehr anerkennende Stimmung über diese Sendung», so der Verband weiter. Die Sendung wurde dennoch 1979 abgesetzt.
46 Jahre später sind so manche Bäuerinnen und Bauern immer noch unzufrieden über die SRF-Berichterstattung – und sie geben ihrem Unmut auch Ausdruck. Daher findet man im Jahresbericht 2022 der Ombudsstelle einen eigenen Abschnitt über die «Aktive Bauernlobby». Diese sei gut organisiert, heisst es. Im Jahr 2021 hätte es viele Beanstandungen rund um die Sendungen zu den Agrar-Initiativen gegeben, über die abgestimmt wurde.
Mehr gendern, weniger schimpfen
2022, als der «Kassensturz» über das «Auslaufmodell Anbindestall» berichtete, gingen 17 Beanstandungen ein, «meistens eingereicht durch Bäuerinnen und Bauern». Wie die Ombudsstelle schreibt, hiess sie die Kritikpunkte nur in einem Punkt gut: Die Ankündigung «Auslaufmodell Anbindestall: Wenn Milchkühe leiden» sei ein falsch gewählter Titel gewesen.
Werner Locher kann mit der Antwort der Ombudsstelle gut leben. «Wenn das Schweizer Fernsehen dazu angehalten wird, Bauern und Bäuerinnen gleichzustellen, wird es schwieriger, einfach über die bösen Bauern zu schimpfen. Dann werden die Berichte vielleicht wieder sachlicher, was den Dialog zwischen der Landwirtschaft und der Gesellschaft vereinfacht.»

