Spagat zwischen Alp und Tal: Bäuerin Clelia Waser lebt in zwei Welten

Die zweifache Mutter und ihr Mann Matthias sind ein eingespieltes Team. Sie sind mit Leib und Seele Älpler und leben in zwei Welten.

Wolkenverhangen, regnerisch und zu kalt für die Jahreszeit präsentiert sich das Wetter auf dem Niederbauen NW Anfang August. Doch in der warmen Wohnküche der Alp wartet ein warmes Essen. Begeistert erzählen Clelia und ihr Mann Matthias Waser während des Mittagessens, dass sie seit 2015 das Pächterpaar hier auf der Alp Unterst-Hütte sein dürfen.

Die Alp liegt auf 1500 Metern über Meer und gehört der Korporation Ennetbürgen. «Früher war ich bei meinem Vater angestellt», sagt der 38-jährige Matthias Waser und ist sichtlich stolz, dass er die Alp in dritter Generation führen darf.

Blacken fallen sogar dem kleinen Sohn auf

Von Mai bis September sömmern auf 27 Hektaren 26 Braunvieh-Kühe von vier Bauernbetrieben. Dazu kommen zehn Toggenburger Ziegen, 40 Mastschweine und ein Zuchtmuni. Die Mastschweine dürfen einen Sommer lang die Alpzeit geniessen und begeben sich dann auf die letzte Reise mit der Bahn runter zum Metzger. Die Ziegen fressen alles in den steilen Hängen und beugen einer Verbuschung vor. Alppflege ist Wasers sehr wichtig. Schon dem kleinen Flurin fällt es sofort auf, wenn auf einer fremden Alp Blacken spriessen.

Die Toggenburger Ziegen werden auf der Alp zur Landschaftspflege eingesetzt.
Die Toggenburger Ziegen werden auf der Alp zur Landschaftspflege eingesetzt.

Vorfreude auf den Abzug

Wenn alles planmässig läuft, geht es dann am 23. September wieder von der Alp ins Tal. «Das ist immer ein besonderer Anlass, auf den wir uns alle freuen, auch unsere Kinder Flurin und Anja», sagt der Älpler. «Wir schmücken unser gehörntes Braunvieh und marschieren früh los.» In Emmetten gibts dann ein Mittagessen, bevor es mehr als vier Stunden weiter bis nach Ennetbürgen geht. Dort werden die Senten von Hunderten von Schaulustigen empfangen, bevor die Tiere wieder auf ihre Betriebe geführt werden.

Matthias Waser ist gelernter Schreiner und Landwirt. Im Winter ist er als Zimmermann angestellt. Er ist kein Mann grosser Worte, sagt nur beim Abschied: «Es gibt noch viel zu tun», und geht seinen Arbeiten nach.

Fünf Fragen

Was möchten Sie besser können? Ich möchte kreativer sein. Welchen Traum möchten Sie sich verwirklichen? In einem Häuschen im Grünen zu leben. Welches ist Ihr Lieblingsplatz? Hier, die Unterst-Hütte in Niederbauen. Welche Arbeit liegt Ihnen so gar nicht? Die Aufgaben im Schweinestall. Was ist Ihre schönste Kindheitserinnerung? Der hell erleuchtete Weihnachtsbaum zu Hause im Schächental.

Angst vor den Schweinen

«Wir haben beide unsere Hauptaufgaben», sagt Clelia Waser. «Ich bin für die Käseproduktion und Matthias für das Melken verantwortlich. Wir können glücklicherweise auch die Arbeiten des anderen ausführen.» Nur im Schweinestall sei sie nie anzutreffen, denn vor den Tieren fürchte sie sich. 2012 absolvierte die Älplerin die Ausbildung zur Milchtechnologin. «Ich liebe es, ein Produkt herzustellen und am Abend zu sehen, was ich alles geleistet habe.» Im Winter geht sie jeweils ihrem erlernten Beruf als Medizinische Praxisassistentin nach.

Zufrieden mit dem Absatz

Jährlich produzieren Wasers mit zusätzlicher Milch eines Nachbar-Älplers bis zu sieben Tonnen Käse: Niederbauer Alpkäse, Mutschli nature, mit Knoblauch oder Chili, Geisschäs, Alpbutter und Alpziger. Besonders beliebt sei der Geisschäs, der je hälftig aus Kuh- und Ziegenmilch hergestellt wird. «Der ‹böckelet› weniger und ist auch für Kuhmilchallergiker verträglicher», weiss die Älplerin.

Ihren Käse liefern sie an diverse Läden und Restaurants. «Viele Wanderer kaufen bei uns direkt ein», diesen Kontakt schätze sie sehr. Persönlich anzutreffen sind Wasers dieses Jahr am Nidwaldner Alpkäsemarkt in Beckenried und am Stanser Weihnachtsmarkt. Gute Werbung und Absatz bietet ihnen auch der Käseweg-Rundweg, der beim Hotel Niederbauen startet und in anderthalb Stunden über die Alp Frutt zur Unterst-Hütte, weiter zur Alp Tritt und wieder zurück zum Hotel Niederbauen führt.

Zwei Leben

Aufgewachsen ist Clelia im Urner Schächental auf einem Landwirtschaftsbetrieb. Das Bäuerliche habe ihr schon immer gefallen, sie hätte sich gut vorstellen können, sich zur Landwirtin ausbilden zu lassen. «Sehr gern half ich meinem Vater im Stall und auf der Weide», erinnert sie sich. Sie sei ein Heimwehkind gewesen und hätte nie gedacht, dass sie mal vom Urnerland wegziehen würde. Aber als sie Matthias kennenlernte und wusste, dass sie zusammen eine Alp betreiben könnten, habe sie den Schritt «gewagt» und sei überglücklich, sich so entschieden zu haben.

Wasers führen zwei Leben. Im Sommer auf der Alp und im Winter im Tal in einer Wohnung. «Ab Herbst geht Flurin in die erste Klasse», dies bedeutet, dass sie nicht mehr so oft auf der Alp mithelfen könne, da ihr Wohnsitz in Stans ist und der Schulweg für die Kinder von der Alp bis nach Stans unzumutbar wäre.

Anja (links) und Bruder Flurin sind immer am «Gscheren» – ihnen wird es auf der Alp nie langweilig.
Anja (links) und Bruder Flurin sind immer am «Gscheren» – ihnen wird es auf der Alp nie langweilig.

Es beschäftigt Clelia Waser sehr und sie suchen nach Lösungen. «Am liebsten würden wir eigentlich immer hier oben wohnen und arbeiten.» Ideal wäre etwa ein Wohnsitz in Emmetten. So wäre es einfacher, den Sommer auf der Alp zu verbringen, denn die Kinder könnten mit der Bahn zur Schule.

Zabigplättli für Besucher

«Immer mehr Wanderer erwarten, dass auf allen Alpbetrieben Speis und Trank ausgeschenkt werden», erzählt Clelia Waser weiter. Hierfür habe sie aber schlicht keine Zeit. Nach Absprache serviert sie jedoch für Besuchergruppen bis zu 40 Personen ein reichhaltiges Znüni- oder Zabigplättli mit Produkten von der Alp und aus der Region. Neben der Alltagsarbeit amtet sie als Vizepräsidentin im Bäuerinnenverband Nidwalden sowie im Vorstand von «Natürlich Nidwalden», einer Marke «für Bodenständiges aus Nidwalden». «Und seit 2022 sind wir bei der Älperbruderschaft Stans», verkündet sie mit Freude.

Trotz der vielen Arbeit und Dank der grossen Unterstützung beider Eltern und einer Angestellten kann die 36-Jährige auch ihren Hobbies nachgehen: neue Kochrezepte ausprobieren, Bücher lesen oder lismen.

Die Alp Unterst-Hütte auf Niederbauen ist eingebettet in schönster Bergwelt – im Hintergrund der Schwalmis.
Die Alp Unterst-Hütte auf Niederbauen ist eingebettet in schönster Bergwelt – im Hintergrund der Schwalmis.

«Wir wollen unsere Kühe nicht ausbeuten»

Clelia und Matthias Waser legen auf der Alp viel Wert auf Qualität und Ökologie. Die Kühe sollen mit Gras so viel Milch produzieren, wie es für diese möglich ist. «Wir wollen unsere Kühe nicht ausbeuten», zudem sei es ihnen sehr wichtig, den Alpbetrieb weiterhin gut zu pflegen. Die Abende auf der Alp sind ruhig. Doch immer mal wieder geniessen Clelia und Matthias die Abende mit Sicht auf den Schwalmis, Oberbauenstock, Klewenstock und die Aussicht auf den Vierwaldstättersee.