Tiere fördern die psychische Gesundheit, bestätigen Studien immer wieder. Mittlerweile gibt es auch auf Bauernhöfen viele Angebote. In letzter Zeit ist etwa immer wieder vom «Kuscheln mit Kühen» zu hören. Es gibt aber auch viele Spielgruppen oder Kindergärten auf dem Bauernhof – nicht zuletzt wegen der Vierbeiner, die bei den Kindern beliebt sind. Tiere können auf dem Hof aber auch zu Therapiezwecken genutzt werden.
Zwei Jahre kein Wort
Ein Betriebsleiter zum Beispiel erinnert sich an eine besondere Begegnung mit einer demenzkranken Frau und deren Betreuerin, als er bei einem Altersheim-Fest mit den Hühnern zu Besuch war. Er fragte die ältere Dame, ob er ihr ein Huhn auf den Schoss setzten soll und sie antwortete «ja» – dann sind sie ins Gespräch gekommen und sie erzählte ihm, dass sie früher auch Hühner hatte und vieles mehr. Die Betreuerin habe ihn dabei aber die ganze Zeit komisch angeschaut.
Später am Tag sei herausgekommen, warum: Sie hat ihm erzählt, dass die Seniorin seit zirka zwei Jahren im Heim sei und noch nie ein Wort gesagt habe. Solche Erlebnisse gäbe es einige, sagt der interviewte Betriebsleiter, der anonym bleiben möchte. Es sei beeindruckend, was Tiere bewirken können, besonders bei psychischen Problemen, fügt er an.
Grauzone in der Landwirtschaftszone
Auch Karin Wyss bietet auf ihrem Landwirtschaftsbetrieb in Schmidigen-Mühleweg im Kanton Bern Angebote mit Tieren an. Sie hat drei Plätze für betreutes Wohnen und zwei Tagesstrukturplätze für psychisch beeinträchtigte Menschen. Ausserdem bietet sie neu auch Auszeiten, unter anderem für die Trauerbegleitung, an.
Wenn Tiere zu therapeutischen Zwecken auf dem Hof leben, sind gewisse Überlegungen nötig. So lohnt es sich, abzuklären, ob überhaupt eine Nachfrage besteht, dies hängt davon ab, wie angebunden der Betrieb ist und ob zum Beispiel ein Behindertenheim in der Nähe liegt, wo das Angebot auf Interesse stösst. Ebenfalls sollte genau mit der Gemeinde abgeklärt werden, ob ein solches Angebot in der Landwirtschaftszone toleriert wird, denn es gilt eigentlich nicht als landwirtschaftliches Gewerbe. Gegebenenfalls ist eine Umzonung unumgänglich, die Kosten und Zeit beansprucht.
Eine Ausbildung ist nötig und sinnvoll
Für die tiergestützte Intervention, so der Oberbegriff, gibt es verschiedene Ausbildungen. Karin Wyss hat ihre Ausbildung in Deutschland beim Institut Ani-Motion gemacht. Klar sei es möglich, auch ohne Ausbildung z. B. Geissentrekking anzubieten, sagt sie: «Das gibt auch ganz tolle Begegnungen.» Doch wenn es ein therapeutisches Setting sein soll, sei ein gewisses Hintergrundwissen nötig. Zum Beispiel, wie Hormone wirken oder mit welcher Aktivität man zum Ziel kommen kann. Manchmal müsse man Menschen und Tiere auch voneinander schützen.
Ausbildung: Diese Möglichkeiten gibt es
Tiergestützte Intervention ist der Überbegriff für tiergestützte Therapie, Aktivität, Pädagogik, Coaching oder Förderung. Vorausgesetzt wird immer eine Ausbildung. Für das Certificate of Advanced Studies (CAS) ist ein abgeschlossenes Studium in einem therapeutisch-sozialen Bereich nötig. Weitere Informationen über die Ausbildungen finden Sie unter den nachfolgenden Links: Fachkraft für tiergestützte Interventionen, Institut Animotion, Sasbachwalden, Deutschland. Fachperson Pferdegestützte Therapie PI-CH, Hochschulefür Gesundheit Freiburg. Fachkraft für Tiergestützte Arbeit, Akademie für Tiernaturheilkunde, Dürnten ZH. CAS in Tiergestützter Therapie, Universität Basel. CAS in Tiergestützten Interventionen, Hochschule für Gesundheit Freiburg.
«Mir hat die Ausbildung enorm viele Türen geöffnet und ich würde es jederzeit wieder machen,» sagt Wyss. Oft seien die gewählten Aktivitäten für die Klienten eine zufällige Wahl, diese werden aber von der tiergestützten Therapeutin gezielt ausgewählt. Die Aktivitäten sind oft auch nicht direkt mit dem Tier verbunden, sondern es kann auch sein, dass Vögel einfach beobachtet werden oder ein Spielzeug für die Katze gebastelt wird. Auch Misten fällt in diese Kategorie.
Besonders im Gedächtnis geblieben ist Karin Wyss ein Mädchen, das an zerebraler Einschränkung litt und mit der sie vor allem geritten ist. «Am Anfang hatte sie riesig Angst aufs Ross zu hocken», aber irgendwann habe sie sich gehen lassen können und beim Reiten, im Rahmen der Übungen, sogar beide Hände losgelassen. «Es war eindrücklich, zu sehen, wie sie das gemacht hat.»
Welche Tiere eignen sich?
«Für tiergestützte Interventionen eignen sich fast alle Tiere», weiss Karin Wyss. Sie schätzt besonders die Hühner, da sie sehr neugierig und interessiert sind. Auch auf den Menschen komme es an, welches Tier passt. Bei einem eher lethargischen Klienten sei ein aktives Tier besser, bei einem «hibbeligen» Menschen könne zum Beispiel ein Rind, das Ruhe ausstrahlt, Gutes tun. Auch Geissen eignen sich gut: «Sie können ganz klar sagen, wann ‹fertig lustig› ist, damit habe ich gute Erfahrungen gemacht bei Kindern, die ihre Grenzen nicht kennen». Auch Esel seien extrem «gspürig» und können sich gut auf Menschen einlassen, strahlen Ruhe und Gelassenheit aus.
Weitere Informationen gibt es bei der Gesellschaft fürTiergestützte Therapie und Aktivitäten (GTTA) oder in ihrer Informationsbroschüre über tiergestützte Interventionen.

